Inspirationen

Spirituelle Impulse und Worte zum Nachdenken, geschrieben und gestaltet von Mitarbeitenden des RPZ, jeden Monat neu.

Das Leben ist bunt!

Das Leben ist bunt! Dieser Gedanke kam mir, als ich den herbstlichen Asternstrauß auf unserem Wohnzimmertisch betrachtete.

Der Herbst bringt schon ganz besonders hübsche Farben zutage! Aber nicht nur der Herbst lässt alles in bunten Farben erstrahlen.

Auch alles andere im Leben hat vielschichtige und damit bunte Seiten. Diese bunten Seiten müssen nicht immer unbedingt nur positiv sein. Auch wenn wir das gerne damit assoziieren. Aspekte, die uns zweifeln und hadern lassen im Leben, gehören auch mit dazu und können aus der Reflexion heraus betrachtet, Gutes und Lehrreiches in sich bergen. Das kann in den letzten beiden Jahren beispielsweise eine zeitweise Entschleunigung in der Corona-Zeit sein oder auch so manche Krankheit, nach deren Genesung man sich auf einen anderen Lebensstil besinnt. Damit meine ich nicht Schicksalsschläge, die uns leider auch oft – und viele gerade in der Corona-Zeit  - ereilt haben, sondern die Ereignisse, die uns zum Nach- und Umdenken und auch zur Änderung alter Gewohnheiten gebracht haben.

Das Leben ist bunt! Unter "buntes Leben" findet man beispielsweise im Internet eine interkulturelle Kinder- und Jugendhilfe. Es gibt ferner viele Shops mit bunten und fröhlichen Dingen und vor allem die Tierwelt hat in Sachen bunte Vielfalt eine Menge zu bieten: Papageien, Pfauenfedern, Chamäleons, die sich ihrer Umwelt anpassen usw.

Bunt ist auch ein wichtiges Zeichen, das öfter nach einem Regenschauer mit Sonnenschein am Himmel zu bewundern ist: der Regenbogen. Er soll uns immer an den Bund erinnern, den Gott zunächst einmal mit Noah nach der verheerenden Sintflut geschlossen hat (Gen 9).

Berufen wir uns auf dieses Zeichen Gottes, wenn uns einmal alles zu "bunt" wird und auf seine Verheißung, dass er immer bei uns ist und uns beisteht – auch in bunten schwierigen Zeiten, denn wir dürfen immer die Hoffnung haben, dass die schönen bunten Lebensphasen uns danach wieder aufheitern!

Das Leben ist bunt! Genießen wir die positive schöne Vielfalt!

Ihre Sabine Schwab
(Referat Real- und Wirtschaftsschule)

Fotos: Sabine Schwab

September 2021

Ich bin etwas wert

Was macht denn den Wert eines Menschen aus?

Am Ende des letzten Schuljahres hatte mich und viele Kolleg*innen diese Frage besonders bewegt. Da gab es für die Schülerinnen und Schüler Zeugnisse, für einige das Abschlusszeugnis.
Viel Zeit, Anstrengungen und Mühe hatte es sie gekostet, und vielleicht auch manchmal Tränen. Durch ihr Abschlusszeugnis öffnen sie die Tür zu einem neuen Lebensabschnitt. Ein wertvolles Stück Papier hatten sie sich erarbeitet.
Steigert das ihren Wert? Sind sie durch das Abschlusszeugnis mehr wert als vorher?
Und sind gute Abschlussschüler und -schülerinnen mehr wert als die, die es gerade so geschafft haben?

Wenn ich auf das neue Schuljahr schaue, es in Gedanken schon etwas vorplane, dann merke ich, dass neben all der pädagogischen Arbeit immer auch ein besonderes Augenmerk bei Leistungsnachweisen und beim Bewerten liegen wird.

Was macht denn den Wert eines Menschen aus?

Ein Chemiker sagt ganz knapp: 10 €. So viel kosten ungefähr die chemischen Bestandteile unseres Körpers.
Aber allein die Beine von Cristiano Ronaldo sind mit 140 Millionen versichert.
Ein Herz als Spenderorgan ist auf dem Schwarzmarkt mit 130.000 Dollar im Vergleich dazu richtig günstig.
Ist bei Schmerzensgeldzahlungen ein Vater mehr wert als ein kinderloser Mann?
Wie viel bin ich noch wert als Lehrerin, als Lehrer, wenn ich beim „Unterricht digital“ einfach nicht mehr mitkomme?
Der Wert eines Menschen ändert sich, je nachdem, ob ein Chemiker, ein Versicherungsmensch, ein Personalmanager oder die beste Freundin darauf blickt.
Wenn Gott auf mich blickt, wie viel bin ich dann wert?

Was macht denn den Wert eines Menschen aus?

Gott sagt in der Schöpfungsgeschichte „Du bist mein Ebenbild“ und er sagt „sehr gut“ zu uns, Note 1. Für Gott haben wir einen Wert, ohne etwas vorweisen zu müssen oder etwas geleistet zu haben. Der Notendurchschnitt, das Aussehen, die Arbeitsleistung im Beruf sind für Gott nebensächlich.
„Du bist wertvoll in meinen Augen und ich habe dich lieb.“ (Jesaja 43,4) verspricht er.
Und das macht unseren Wert aus.

Der Pfarrer Dietrich Bonhoeffer hat das so formuliert:
„Gott liebt uns nicht, weil wir so wertvoll sind, sondern wir sind wertvoll, weil Gott uns so liebt."

Für unsere Schülerinnen und Schüler heißt das: Ihr seid etwas wert, ihr seid wertvoll. Ihr seid mehr wert als euer Notendurchschnitt.
Für uns selbst heißt das: Kopf hoch! Ich bin etwas wert! Mein Wert wird nicht von den Chefs der Arbeitswelt, sondern vom Chef der ganzen Welt bestimmt.
Du bist wertvoll in seinen Augen.

Was macht denn den Wert eines Menschen aus?

Mit dem Segen Gottes können wir ins neue Schuljahr gehen.
Sein Segen ist eine Auszeichnung. Er bedeutet: Gott verspricht dir seine Nähe, weil du für ihn wertvoll bist.

Gott geht mit dir, wenn nun das neue Schuljahr anbricht.
Gott geht mit dir, wenn du vor Freude jauchzen oder voller Leid weinen könntest.
Gott geht mit dir, weil du es ihm wert bist.

Gott segne dich und behüte dich.
Er lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

Gabriele Stahl, Diplom-Religionspädagogin, Roth

Du bist mehr wert als dein Notendurchschnitt

„Du bist - mehr wert als - dein Notendurchschnitt“
Eine „Wackel“-Postkarte mit diesem Spruch auf der Vorderseite und ein paar Gedanken auf der zu beschriftenden Seite gibt es beim Verlag Marburger Medien.

August 2021

Dank - eine Frage der Haltung

Passend zum Sommer möchte ich Sie nach Italien, in den Wallfahrtsort Monte Nero mitnehmen. Dort findet sich, wie auch in manchen deutschen Wallfahrtsorten, eine große Sammlung von Votivgaben. Ein Brauch, der mir als evangelischem Christ recht fremd ist. Aber vielleicht lag es an der Urlaubsstimmung, dem Sonnenschein und dem Duft nach Thymian und Meer, dass mich dieser Ort berührt hat und zum Nachdenken brachte.

Als erstes fiel mir dieser Glaskasten ins Auge. Er ist gefüllt mit Kinderkleidchen, Bildern und Schleifen in rosa und hellblau. Sie wurden als Dank für die Geburt eines Kindes in die Wallfahrtskirche gebracht. Kinder werden nicht als etwas Selbstverständliches betrachtet, sondern als ein Geschenk Gottes, ein Segen, ein Wunder. Dieser Blick auf junge Menschen war für mich auch immer Grundlage des pädagogischen Handelns in der Schule und hat mir den Blick für deren liebenswerte und faszinierende Seiten geöffnet. Dass dies bei manchen Schüler*innen nicht so ganz selbstverständlich ist, werden viele von Ihnen nachvollziehen können. Aber diese Zeichen der Dankbarkeit für die Geburt eines Kindes haben mich berührt und sind mir im Schulalltag immer wieder in den Sinn gekommen.

Daneben finden sich in den verzweigten Gängen auch Bilder von zu Schrott gefahrenen Autos, blutigen Hemden, umgestürzten Kutschen und andere Zeugnisse von verschiedensten Unglücken oder Krankheiten. Teilweise zweihundert Jahre alt sind diese Votivgaben und erzählen davon, wie Menschen gerettet wurden. Natürlich kann man auch sagen: "Nochmal Glück gehabt." Aber diese Votivgaben deuten solche Zufälle anders: Gott hat mich gerettet, Er (oder Sie) hat mich beschützt und mein Leben soll noch nicht zu Ende sein. Gott hat anscheinend noch etwas mit mir vor. So kann einem tragischen Ereignis eine stärkende und lebensfördernde Deutung gegeben werden. Aber ich stelle mir vor, dass eine solche Votivgabe noch mehr bedeutet. Menschen gehen nach einem einschneidenden Erlebnis nicht einfach zum Alltag über. Eine Votivgabe wird gemalt, gestickt oder geschrieben und in die Kirche gebracht. Man nimmt sich Zeit, um sich mit dem emotional bewegenden, oft aufrüttelnden Geschehen zu beschäftigen und es zu verarbeiten.

Obwohl mir durchaus Situationen einfallen, in denen man könnte sagen mein Schutzengel Schwerstarbeit leisten musste, hänge ich keine Votivgaben auf. Aber ich richte meinen Blick öfters auf die Dinge im Leben, für die ich dankbar sein kann. Und da gibt es sehr Vieles. Wenn man den Tag damit beschließt sich zu überlegen, wofür man dankbar sein kann, wird das Leben etwas leichter. Man lernt, das Glas nicht halbleer, sondern halbvoll zu sehen und kann dem eigenen Leben immer wieder einen Sinn geben.
Dabei will ich keinesfalls all das aus dem Blick verlieren, was tragisch ist und wo die Rettung ausblieb. In der Arbeit an Förderschulen wurde ich ständig mit Menschenschicksalen konfrontiert, die Zweifel an dem guten Gott aufkommen lassen. Aber ebenso oft haben mich gerade Kinder und Jugendliche mit tragischen Lebensgeschichten ermutigt, wenn ich sah, welch lebensfrohe und starke Menschen sie (trotzdem) waren. Ich habe von meinen Schüler*innen viel für das Leben gelernt, auch Dankbarkeit.

Ulrich Jung
(Referat Förderschulen)

Juli 2021

Endlich Sommer!

Wie schön, dass die Tage wieder lang und hell sind, dass alles grünt und blüht und duftet. Sommer, Licht und Sonnenschein haben meistens positive Auswirkungen auf unsere Stimmung: entspannt und heiter, gut gelaunt sein - dazu lädt uns der Juli ein. Auch zur Vorfreude auf die Sommerferien!
Gerade dieses Jahr, nach einem langen Pandemie-Winter und einem eher durchwachsenen Frühling sind unsere Hoffungen und Erwartungen groß: dass der Sommer gut wird;  dass wir endlich wieder Stück für Stück unser normales Leben zurückbekommen können, dass vieles besser wird, weil immer mehr Menschen geimpft werden konnten.
Wie sehr ersehnen wir das Ende der Pandemie - und vielleicht auch, dass wir  selbst - wie die Natur im Frühling - aus der Erstarrung erwachen, dass auch wir wieder aufblühen, lebendiger werden, frisch und munter.
Es tut so gut, wieder unsere Lebendigkeit zu spüren! Wie eine Quelle, die in uns sprudelt ...

Quelle, frisches Wasser, lebendiges Wasser ...

Ich komme ins Nachdenken:

  • Was sehe ich, wenn ich mein Leben anschaue?
  • Wo ist mein Leben im Fluss, wo stockt es?
  • Welche "Durststrecken" habe ich hinter mir und welche "Wüstenzeiten" kenne ich aus meinem Leben?
  • Wohin geht meine Sehnsucht gerade?
  • Wofür wünsche ich mir "lebendiges Wasser"?
  • Welche Quellen der Kraft haben mir bisher immer mal wieder geholfen, neu aufzuleben? (Vielleicht ein freundlicher Blick und ein offenes Ohr, endlich wieder zusammen sein können mit meinen Freund*innen, eine Auszeit, Zeit für mich und für andere, Entspannung, Bewegung in der Natur, neue Orte erkunden, Musik, ein Gebet oder etwas ganz anderes?)
  • Was ist für mich eine Quelle meines Lebens und meines Glaubens?

Wie schön, dass bald die Ferien- und Urlaubszeit beginnt, dass Zeit sein wird, diesen Fragen einfach mal nachzuhängen. Zeit, um frische Kräfte zu sammeln und und die Quellen unserer Lebendigkeit neu zu spüren!
Und wie gut: Urlaub, freie Zeit, hat etwas vom Sabbat, vom Ruhetag, den Gott uns schenkt. Wir dürfen zur Ruhe kommen, einfach da sein, ganz bei uns und nahe bei Gott sein. Wir dürfen uns an seiner schönen Schöpfung erfreuen und mit allen Sinnen das Leben wahrnehmen. Wir dürfen die Quellen unseres Glaubens aufsuchen, uns erfrischen am "lebendigen Wasser" und so auch geistlich- spirituell wieder auftanken.

Wo und wie auch immer Sie Ihre freien Tage verbringen:
eine schöne, entspannende, anregende, neu lebendig machende Zeit wünscht Ihnen

Gudrun Wellhöfer
(Regionalstelle Oberfranken)

Juni 2021

Weisheit

Die westlich-abendländische Tradition kennt sieben Tugenden: Glaube, Liebe, Hoffnung, Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung.

Glaube, Liebe und Hoffnung kennen wir – Im 1. Korintherbrief wird die Liebe als die größte unter ihnen beschrieben.

Heute betrachte ich aber mal die Weisheit als Tugend. Ist damit Klugheit gemeint? Klug wäre es wahrscheinlich, mein überschüssiges Geld (wenn ich es denn habe) in Aktien und ETF-Fonds zu investieren … oder in Unternehmen, die Impfstoffe herstellen. Vielleicht wäre es auch klug, für die Altersvorsorge eine Eigentumswohnung zu kaufen (wenn ich es denn kann) … oder es wäre klug, den richtigen Beruf zu ergreifen – einen, bei dem man viel verdient und wenig Arbeit hat.

Es ist auch klug – sagt mir ein Freund – einen Teil meiner Ersparnisse in Gold anzulegen (wenn ich Ersparnisse hätte).

Ich finde kluge Leute oft toll! Meistens bewundere ich, dass sie viel wissen, intelligent sind, viel und schnell denken, rechnen, überlegen, planen, voraussehen … Ich spiele nicht gerne Schach, Cluedo oder Memory gegen sie – aber es ist toll, wenn man sie im Team hat. "Einen scharfen Verstand haben", das gehört für mich zur Klugheit.

Nicht so gut finde ich Leute, die sich für oberschlau halten – und alle anderen für dümmer. Das passiert vielleicht ganz schnell, wenn man als vermeintlich kluger Mensch jemandem begegnet, der oder die ein wenig einfältig oder langsam zu sein scheint. Arrogante Klugheit stößt mich ab, wirkt sehr unsympathisch auf mich. Vielleicht geht es mir so, weil ich doch ab und zu nicht so klug war. Mathe und Physik zum Beispiel zeigten mir in der Schule schnell die Grenzen meiner Klugheit auf.

Aber was ist der Unterschied zwischen Klugheit und Weisheit?

Vielleicht hilft mir Charlie Chaplin auf die Sprünge:
"Mehr als Klugheit brauchen wir Freundlichkeit und Sanftmut."

Er sagt nicht, dass wir keine Klugheit bräuchten, sondern dass Freundlichkeit und Sanftmut vielleicht wichtiger für uns sein könnten als alle Klugheit. Vielleicht könnte es auch sein, dass Freundlichkeit und Sanftmut von größerer Weisheit zeugen als aller scharfer Verstand und alle klare Intelligenz allein.

Ich glaube, dass es weise ist, freundlich und sanftmütig zu sein.

Es ist also klug, in ETF-Fonds zu investieren – weise wäre es, Schüler:innen im Unterricht  auch noch die dritte und vierte Chance zu geben.

Klug ist es, eine Eigentumswohnung zu kaufen – weise wäre es, es geduldig und gelassen zu warten, wenn der alte Herr vor mir an der Kasse in Zeitlupe nach den Münzen kramt.

Es ist klug, Gold zu kaufen – weise wäre es, bei einem Streit oder in Diskussionen maßvoll und respektvoll zu sein.

Ich glaube, Weisheit ist deutlich billiger!

Armin Hamann
(Ausbildung der Religionspädagog*innen)

Mai 2021

Eine Geschichte ist eine Geschichte, ist eine Geschichte …

Ich mag Geschichten, wenn sie gut erzählt sind, wenn sie mich fesseln, wenn sie meine Gedanken anregen, wenn Bilder in meinem Kopf entstehen, wenn sie mein Herz oder meine Seele berühren. Und es spielt keine Rolle, ob diese Geschichte versucht, ein reales Ereignis zu beschreiben oder die Geschichte in der Gedankenwelt eines Menschen entstanden ist. Eine gute Geschichte bleibt eine gute Geschichte.

Signatur Beuys

Seinen hundertsten Geburtstag feiern wir in diesem Monat. Joseph Beuys war und ist einer der bedeutendsten deutschen Künstler der Gegenwart. Und kaum jemand war und ist auch so umstritten. Am 12. Mai 1921 wurde Joseph Beuys am Niederrhein geboren

Hier sollen nicht sein Werk, seine vielfältigen Installationen und Provokationen, sein politisches Engagement und seine Lehrtätigkeit im Mittelpunkt stehen. Das wird sicher in den Tagen noch genügend geschehen. Es geht hier um eine seiner Geschichten, die er erzählte und die ihn, so er selbst, sehr geprägt hat, vor allem sein besonderes Verhältnis zu Filz und Fett, Stoffe, mit denen er immer wieder experimentiert und sie in seinen Kunstwerken verarbeitet hat.

Joseph Beuys mit Studierenden

Am 16. März 1944 stürzten Joseph Beuys und der Pilot mit ihrer Stuka östlich des Feldflughafens Karankut in der heutigen Ukraine bei Schneefall und schlechter Sicht ab. Die Maschine zerschellte am Boden. Der Pilot starb. Beuys überlebte schwer verletzt. Er wurde unter der Maschine eingeklemmt.

Einen Tag später wurde er ins Lazarett eingeliefert. Später erzählte er gerne diese Geschichte: Tartaren hätten ihn, den Schwerverletzten, gefunden und gepflegt. Sie hätten ihn acht Tage mit Filz gewärmt und seine schweren Wunden mit tierischem Fett behandelt.

Eine wunderbare Geschichte, erklärt sie doch eindrücklich den Hang des Künstlers zu diesen beiden Stoffen. Und doch, es ist eine Geschichte, eine von ihm selbst gut erzählte Narration. Er hat sie so oft erzählt, dass er selbst der festen Überzeugung war: Es war so.

Eine Geschichte ist eine Geschichte ist eine Geschichte. Vielleicht geht menschliches Leben nicht anders. Narrationen helfen, meine eigene Geschichte zu einem Ganzen zu machen. Und manch eine Narration wird zu einem Teil von mir.

Ob das so auch für die biblischen Narrationen gilt?

Hans Burkhardt
(Regionalstelle Unterfranken)

Bildnachweis:
Signatur Beuys: Photo von Husky, Public domain, via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0
Joseph Beuys mit Studierenden: photographed by Rainer Rappmann 1973, Quelle: www.fiu-verlag.com, CC BY-SA 3.0

April 2021

Drei Gebete zu Ostern

Mit Gottes Atem

Mit dem Frühlingswind im Rücken,
mit der Kraft der Ostersonne vor Augen,
mit dem Atem Gottes in unseren Lungen
und der Beschwingtheit eines Liedes in den Füßen
können wir befreit und belebt
in den heutigen Tag und in diese Woche gehen.

So segne und behüte uns Gott,
der uns einzigartig geschaffen hat.
So segne und begleite uns Jesus,
der unser Leiden kennt und den Tod besiegt.
So segne und stärke uns der Heilige Geist,
die Kraft, die uns das Leben schenkt.
Amen

Gerda Gertz
(Referat Mittelschule)

Foto: Oleg Astakhov

Keine Gräber mehr

Gott, wir bitten dich
um deinen Lebenshauch,
um deinen Geist, der uns aufstehen lässt,
um deinen Odem, der uns neue Hoffnung schenkt.

Lass uns nicht länger Gräber schaufeln,
keine Gräber mehr für uns selbst,
keine Gräber mehr für unsere Ideen und Träume.

Lass uns auferstehen
aus dem Grab unserer Missstimmungen,
aus dem Grab unserer Mutlosigkeit,
aus dem Grab unserer Verletzungen.

Begeistere uns täglich von neuem
für die schönen Augenblicke des Daseins,
für beflügelnde Worte,
für die Möglichkeiten, die jeder neue Tag uns gibt.
Du schenkst uns ein Ostern der lebendigen Herzen.
Dafür danken wir dir.
Amen

Gott, nimm die Steine weg

Du, Gott, mein Steine-Wegwälzer,
nimm mir die schweren Steine von meinem Herzen,
den Stein meiner Enttäuschung,
den Stein meiner Resignation,
den Stein meiner Gleichgültigkeit,
den Stein meiner Wut.

Du, Gott, meine Morgensonne,
sei bei mir in düsteren Zeiten und in Finsternissen,
sei mir Licht und Zuversicht,
damit ich Hoffnung sehen
und Wärme spüren kann.

Du, Gott meiner Auferstehung,
erwecke mich zum Leben,
damit ich mich aufrichten und mein Wort erheben kann,
da wo Gerechtigkeit und Menschenwürde
missachtet und niedergetrampelt werden,
damit ich wach und hellsichtig sein kann
für die Menschen, mit denen ich lebe
und mit denen ich arbeite.

So segne und behüte uns Gott,
heute, morgen und in Ewigkeit, Amen.

März 2021

Inspirationen -
so heißt diese Seite ...
weil Inspirationen Schwung verleihen, anregen –
weil Inspirationen einfach so kommen und in uns Lebensgeister wecken.

Inspirationen könnten den Alltag durchbrechen,
gerade jetzt in Zeiten der Pandemie,
in der wir schon so lange eingeschränkt leben,
und in der oft auch unsere Themen eingeschränkt sind.

Inspirationen wünsche ich mir,
um neu hinzusehen und Möglichkeiten zu entdecken
um den Horizont wieder zu weiten für Themen, die in den Hintergrund getreten sind
um Phantasie fürs Miteinander zu entwickeln
um Hoffnung und Kraft zu schöpfen ...

... auf meiner zunächst erfolglosen Suche nach Inspirationen
kam mir eine Frau aus dem Alten Testament wieder in den Sinn:

Hagar – eine Frau, die es schwer hat,
eine, die oft nicht beachtet wird,
die angefeindet wird, eigenen Kopf, eigenen Willen hat,
die sich nicht zufrieden geben will mit ihrer Situation und der ihres Kindes ...
eine, die allein in der Wüste ist, die nicht mehr weiter weiß ...

Das sieht nun gar nicht nach Inspiration aus,
aber gerade in dieser Situation – mitten in der Wüste – findet Hagar zum Leben zurück.
Hagar findet wieder Mut, weil sie spürt, dass Gott ihr Schicksal nicht gleichgültig ist.
Sie fasst ihre Erfahrung in die Erkenntnis "Du bist ein Gott, der mich sieht."
Sie drückt damit aus:
Gott gibt sich zu erkennen als jemand,
dem ich nicht gleichgültig bin, der mich nicht übersieht,
der sich dafür interessiert, was mich beschäftigt,
der danach fragt, was ich brauche und wonach ich mich sehne,
der es mir nicht leicht macht, aber der mir Perspektiven eröffnet,
der die Zukunft offen hält und mich stärkt für die nächsten Schritte.

Mitten in Wüstenzeiten also eine Inspiration "Du bist ein Gott, der mich sieht."

Eine Inspiration,
um offen dafür zu bleiben, wie Gott uns auf unseren Lebenswegen begleitet,
als ein Gott, der jeden einzelnen Menschen sieht,
als ein Gott, der sich uns immer wieder neu zuwendet.

Eine Inspiration,
um von Gott zu erzählen, dem das Schicksal von Menschen nicht gleichgültig ist,
der es uns nicht leicht macht,
aber der Möglichkeiten eröffnet, wo wir sonst nur Einschränkungen wahrnehmen.

Eine Inspiration,
um das Leben mit allen Widrigkeiten immer wieder neu in die Hand zu nehmen.

Eine Inspiration um hinzusehen,
die Menschen sehen – nicht nur die Zahlen;
um die Augen zu öffnen für die unterschiedlichen Themen, die das Leben bestimmen;
um Phantasie und Hoffnung zu entwickeln und Spielräume nutzen.

Susanne Menzke
(Referat Elementarbereich)

Februar 2021

Unser ganzes Leben besteht daraus:

sich äußern, sprechen, Zeichen geben, sich auslassen, ausplaudern, erzählen, formulieren, in Worte fassen, kein Blatt vor den Mund nehmen, mitteilen, seine Meinung sagen, vorbringen, zum Ausdruck bringen, artikulieren, verbalisieren, auspacken, die Katze aus dem Sack lassen, seinem Herzen Luft machen, schnorren, sich verbreiten, labern, faseln, palavern, schwafeln, quasseln, quatschen, sülzen, babbeln, das Wort ergreifen, einen Vortrag halten, eine Rede halten, vortragen referieren, sich austauschen, diskutieren, eine Unterhaltung führen, plaudern, schwatzen, sich unterhalten, kommunizieren, Konversation machen, quatschen, einen Schwatz halten, klönen, schnacken, schwätzen; ratschen, herziehen, sich das Maul zerreißen, lästern, losziehen, tratschen

Mit einem Wort: Reden.

Doch Reden ist nicht gleich Reden. Und nicht alles Reden ist gut.

Schon Sokrates entwickelte die Methode der drei Siebe, um ein gutes Reden von einem schlechten unterscheiden zu können und der Verfasser des Epheserbriefes scheint mir diese drei Siebe im christlichen Sinn verfeinert zu haben. Dort heißt es: Redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören. (Eph 4,29)

Das erste Sieb: Redest Du tatsächlich, was gut ist? Das meint für mich nicht so sehr ein Schönreden. Vielmehr habe ich manche Menschen vor Augen, die die Gabe haben, selbst in schlechten Situationen immer noch ein Auge für das Gute im anderen oder der anderen Situation zu haben. Wenn ich ihnen begegne, dann spüre ich häufig, welch friedvolle Stimmung von ihnen ausgeht – ein Segen für jede Begegnung, jede Gemeinschaft.

Das zweite Sieb: Redest Du etwas, das erbaut? Was für ein altertümliches Wort – erbauen. Aufbauen, den Rücken stärken, Hoffnung geben, trösten wären wohl etwas geläufigere Worte. Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie nicht bei sich bleiben, sondern das Wohl des Anderen suchen. Worte, die den Rücken stärken, sie bilden den Grund für tragfähige Gemeinschaft, die miteinander viel aushalten kann.

Das dritte Sieb: Redest du, was notwendig ist? D. h., was dich, dein Leben essentiell angeht? Manchmal ist es nur eine kleine Bemerkung, eine einzige Frage. Doch sie richtet meinen Blick auf das Wesentliche. "Was willst Du, dass ich Dir tun soll?" Nicht mehr und nicht weniger fragt Jesus den blinden Bartimäus. Jesus ist ein Meister im Reden des Notwendigen. Und führt uns dahin, dass der Kontakt zu unserem Wesen, unserem Ursprung und Ziel, zu unserem Glauben möglich ist.

Reden ist nicht gleich reden. Was nach diesen drei Sieben übrig bleibt, birgt Spuren, wie unser Leben gemeint sein könnte.

Mit einem Wort: Segen.

Unser ganzes Leben baut darauf.

Meike Hirschfelder
(Referat Schulseelsorge)

Januar 2021

Im "Stundenbuch von Besancon", einem Gebetbuch aus dem 15. Jahrhundert, welches ein unbekannter Künstler im Auftrag eines wohlhabenden Pariser Bürgers bilderreich gestaltet hat, findet sich eine sehr besondere, weihnachtliche Szene. 
Die Perspektive ist so gewählt, dass der Betrachter wie durch einen geöffneten Torbogen in den Stall von Bethlehem schaut. 
Links im oberen Bereich sind ein Ochse und ein Esel in einem Gehege zu sehen. Die ganze rechte Bildhälfte nimmt ein Bett ein. Die kräftig rote, mit dezenten, gelben Punkten verzierte Decke zieht als erstes den Blick auf sich. In der Weihnachtszeit wäre eigentlich weiß als liturgische Farbe angesagt. Will der Künstler mit dem eindrücklichen Rot die von ihm gestaltete Szene als ein geistgewirktes Geschehen verstanden wissen?
Aufrecht sitzend, angelehnt am oberen Ende des Bettes, sehen wir Maria mit einem Kopftuch und einem Heiligenschein. In ihren Händen hält sie ein aufgeschlagenes Buch, das vor ihr auf der roten Bettdecke liegt. Sie ist dem Buch zugeneigt und scheint sich ganz darin zu vertiefen. Der Ochse schaut ihr dabei zu mit verwunderten Augen. Wir können vermuten, dass es sich bei dem Buch um die Heilige Schrift handelt. Sie ist halb aufgeschlagen und dort, genau in der Mitte, finden sich die Profeten. Vielleicht liest sie gerade aus Jesaja 11 von dem Reis, der aus dem Stamm Isais hervorgehen und auf dem der Geist der HERRN ruhen wird? Der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN? Möglich, dass die rote Farbe der Decke, auf der die Heilige Schrift liegt, ein Hinweis ist auf den Geist, den die Profeten verheißen haben.
Am unteren Ende des Bettes sitzt Josef auf dem Boden. Sein linker Fuß liegt auf der roten Decke, die über das Fußende des Bettes bis auf den Boden fällt. Auch er hat einen Heiligenschein. In seinen Händen hält er das in Windeln gewickelte Kind. Sein Kopf ist dem des Kindes zugeneigt. So entsteht ein Eindruck von Zärtlichkeit und Geborgenheit. Von oben schaut der Esel zu. Auch er scheint, darin dem Ochsen gleich, diesen eigentümlichen, so revolutionären und emanzipativen Rollentausch noch nicht so ganz zu verstehen. 

"Wenn die Vernunft das eheliche Leben ansieht", so schreibt Luther 1522 im Blick auf die Männer und Väter, "dann rümpft sie die Nase und spricht: Ach, sollt ich das Kind wiegen, die Windeln waschen, Betten machen, Gestank riechen, die Nacht durchwachen, auf sein Schreien achten … hier sorgen, da sorgen?" Luther war noch nicht verheiratet, als er das in seiner Schrift "Vom ehelichen Leben" veröffentlicht hat. Wie viele der Windeln seiner sechs Kinder er später tatsächlich gewaschen hat, wissen wir nicht. Was er aber als Theologe dazu zu sagen hat, ist höchst bemerkenswert. Der Glaube nämlich, so schreibt der Reformator, "sieht alle diese geringen, unlustigen und verachteten Werke im Geist an und wird gewahr, dass sie alle mit dem köstlichsten Gold und Edelsteinen geschmückt sind". Und so, meint Luther, kann ein Mann einen ganz neuen Zugang zur Familienarbeit finden und es als eine von Gott verliehene Würde sehen, "das Kindlein zu wiegen und seine Windeln zu waschen" – und das auch dann, wenn andere ihn als einen "Frauenmann" verspotten. Gott aber "lacht mit allen Engeln und Kreaturen, nicht weil er Windeln wäscht, sondern weil er es im Glauben tut!" (alle Zitate: Martin Luther, Vom ehelichen Leben, in: Kurt Aland, Luther deutsch, 1968, Band 7, S. 297f.)

So gesehen fehlen in dem Weihnachtsbild aus dem Stundenbuch von Besancon nur noch die lachenden Engel, die sich freuen über den Frauenmann Josef mit dem gewickelten Kind – und über Maria, die mit ihrem Studiun der Schriften unterwegs ist zu einer feministischen Theologie.

Helmut Goßler

Bild aus: Kalender „Der Andere Advent“ 2020/2021, Verein Andere Zeiten e.V. Hamburg, www.anderezeiten.de

Dezember 2020

Licht leuchtet durch die Nacht

Die Sehnsucht nach Licht ist in diesem Jahr mehr denn je spürbar. Es ist auch die Sehnsucht nach dem Ende des Coronatunnels, die Sehnsucht nach menschlicher Nähe, Geborgenheit, Hoffnung auf ein Stück Normalität. Aber was ist normal? Schauen wir zurück in die Geschichte unseres Umfeldes, unseres Landes oder Europa, gibt und gab es immer dunkle Zeiten. Persönlich, familiär, gesellschaftlich braucht es Menschen, die Hoffnung verbreiten, Lichtträger*innen sind.

Von einer Lichtträgerin erzählt eine alte Legende.

Mitten in der dunkelsten Zeit des Jahres, am 13. Dezember ist ihr Gedenktag. Es ist die Hl. Lucia, die im 3. Jahrhundert in Syrakus, dem heutigen Sizilien lebte. Als Tochter einer angesehenen römischen Familie kam sie mit dem christlichen Glauben in Verbindung und bekannte sich bald dazu. In Zeiten der Christenverfolgung war das sehr gefährlich, so erzählte sie niemandem etwas davon. Der Vater starb früh und als die Mutter schwer erkrankte und die Tochter vermählen wollte, betete sie und unternahm eine Wallfahrt. Als die Mutter gesund wurde, empfand sie dies als Wunder und erlaubte ihrer Tochter die Verlobung zu lösen. Lucia gründete mit ihrem Vermögen eine Armen- und Krankenstation. Zu dieser Zeit versteckten sich die verfolgten Christen in den Katakomben der Stadt. Als Frau war sie nicht so gefährdet, so machte sie sich in der Nacht auf den Weg, um Lebensmittel in die Verstecke zu bringen. Damit sie beide Hände frei zum Tragen hatte, setzte sie sich einen Lichterkranz auf den Kopf. Der verschmähte Verlobte hat davon erfahren und sie angezeigt, so wurde sie verurteilt und starb als Märtyrerin.

Bis heute wird Lucia als Lichtträgerin besonders in skandinavischen Ländern gefeiert. Mädchen mit Lichterkränzen ziehen durch die Straßen, erzählen von dem Licht, das an Weihnachten in die Welt kommt und verteilen Ingwerbrötchen. Sie tragen das Licht weiter. Gerade in unsicheren Zeiten, wenn der Blick auf die Zukunft verdeckt ist, die Sorgen und Ängste sich breit machen, tut es gut, wenn Menschen zu Lichtträger*innen werden. Lassen Sie uns das Licht teilen, ein gutes Wort, ein freundlicher Blick, durch kleine Gesten Zuversicht verbreiten.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen eine lichtvolle Zeit mit der Erfahrung, dass Christus, das Licht, die Nacht erhellt.

Gerlinde Tröbs
Referat FRED/FOKED/Ganztagsschule am RPZ Heilsbronn

November 2020

"Wenn dein Kind dich morgen fragt…"

Kinder fragen viel – sie fragen manchmal sehr viel. Sie fragen nach allen möglichen Dingen, nach Alltäglichkeiten, über die ich mir als Erwachsener keine Gedanken mache ("Warum heißt der Sattelschlepper eigentlich Sattelschlepper?", hat mich zum Beispiel mein Dreijähriger neulich nach dem Kindergarten gefragt). Und manchmal berühren Kinderfragen auch grundlegende existentielle Dimensionen. Fordern heraus, über das eigene Leben und eigene Ansichten nachzudenken.

Die Bibel führt das etwa im fünften Buch Mose vor Augen: "Wenn dein Kind dich morgen fragt", beginnt dort der Vers 20 im sechsten Kapitel. Für den jüdischen Glauben ist diese Stelle bis heute sehr zentral. Aber auch ich als Christ lasse mich von ihm ansprechen und hinterfragen. Kindlich ungeniert fragt dieser Bibelvers danach: "Wovon lebst du eigentlich? Was gibt dir die Kraft zum Leben? Was gibt dir Halt? Selbst dann, wenn alle anderen Fundamente des Lebens ins Wanken geraten?"

Solche Fragen bringen mich zum Nachdenken. Über mich, mein Leben, meinen Glauben an Gott und meine Zweifel. Im Buch Deuteronomium verbindet sich dieser Satz mit der Erinnerungskultur an das befreiende Handeln Gottes, das mit dem Exodus des Volkes Israel aus der ägyptischen Knechtschaft überliefert ist und das immer wieder dort besondere Aktualität bekommt, wo Menschen Ungleichheit, Benachteiligung, Gewalt und Ohnmacht erfahren. Diesen Mächten steht der Gott des Exodus entgegen. Diese Bilder prägen auch meinen Glauben zutiefst. Es ist ein Glaube daran, dass es Leben gibt – selbst dort, wo alles tot erscheint. Dass Gott das Dunkel kennt und durchlebt – und er befreit. Es ist der Glaube an einen parteiischen Gott, der sich von der Verzweiflung seiner Geschöpfe anrühren lässt und für sie Partei ergreift.

"Wenn dein Kind dich morgen fragt…". Dieser Satz erinnert mich aber auch an etwas anderes. Daran, dass die wirklich großen Fragen nicht auf eindeutige Antworten abzielen. Glaube lebt vom Dialog. Er ist eben keine Privatsache, die nur mich etwas angeht. Wir brauchen Menschen, die uns von ihrem Glauben erzählen und Menschen, die wir nach ihrem Glauben fragen können. Und wir sind selbst herausgefordert, von unserem Glauben zu erzählen, uns be- und hinterfragen zu lassen – ohne darauf schnelle Antworten zu geben.

In den vergangenen Monaten wurden und werden so viele Selbstverständlichkeiten auf den Kopf gestellt und ausgehebelt. Der Druck in vielen Familien und auf viele Seelen von Erwachsenen und Kindern ist unaufhaltsam gewachsen. Wenn dich dein Kind – oder irgendjemand anderes – in dieser Situation danach fragt, wovon du lebst. Wovon wirst du dann erzählen?

Patrick Grasser
Referat Inklusion am RPZ Heilsbronn

Oktober 2020

Der Philosoph Arthur Schopenhauer erzählte eine kleine Geschichte:

Mehrere Stachelschweine sind an einem kalten Wintertag zusammen. Sie haben das Bedürfnis nach Wärme und kuscheln sich zusammen. Doch die Stacheln pieksen und nach einer Zeit haben die Stachelschweine solche Schmerzen, dass sie auseinanderrücken müssen. Jetzt frieren sie wieder. Sie suchen so lange nach einem für alle erträglichen Abstand, bis das Bedürfnis nach Wärme, ohne Schmerzen zu verursachen, gestillt ist.
Für Schopenhauer selbst stehen die Stachelschweine für die Menschen, die um den richtigen Abstand zwischen Nähe und Distanz ringen. Solidarität und Nähe sind ein Grundbedürfnis der Menschen, meint er, aber es gibt eben auch Menschen mit schlechten Charaktereigenschaften, die sehr stachelig sind.

Das Ringen um Nähe und Distanz, Abstand halten und sich doch nahe sein: Das beschäftigt uns in der Coronazeit besonders. Maske tragen und Abstand halten verringern nachweislich die Ansteckungsgefahr, schützen vor allem gefährdete Menschen zu erkranken und einen schlimmen Krankheitsverlauf erleben zu müssen. Gleichzeitig wird das Bedürfnis nach Nähe immer größer. Wir sind nun mal soziale Wesen, leben davon in Gemeinschaft zu sein, zusammenzusitzen, miteinander zu reden, zu feiern, zu lachen, zu singen. Und sich in den Arm zu nehmen. Vor Corona gab es Initiativen und Seminare wie spontanes Umarmen in Fußgängerzonen oder Kuschelworkshops. Beides wurde gerne angenommen. Das alles geht momentan nicht. Was macht das mit uns Menschen? Besonders Kinder haben jetzt teilweise schon so einen skeptischen, ängstlichen Blick, wenn sie mir begegnen, dass es mir das Herz zusammenzieht. Wird die soziale Kälte größer? Verwerfen wir einfach das Gebot Abstand zu halten und gefährden damit vielleicht andere? Ist das Bedürfnis nach individueller Freiheit größer als der Schutz der Gemeinschaft und des Nächsten? Erfrieren wir bald aus Mangel an Nähe oder gelingt es uns den richtigen Abstand zueinander zu finden?

Ein paar Fragen zum Nachdenken…

Stachelschweine haben übrigens ihre eigene Strategie entwickelt:

Ihre Sabine Keppner
Referentin für die Grundschule im RPZ Heilsbronn

" />