Inspirationen

Spirituelle Impulse und Worte zum Nachdenken, geschrieben und gestaltet von Mitarbeitenden des RPZ, jeden Monat neu.

Licht leuchtet durch die Nacht

Die Sehnsucht nach Licht ist in diesem Jahr mehr denn je spürbar. Es ist auch die Sehnsucht nach dem Ende des Coronatunnels, die Sehnsucht nach menschlicher Nähe, Geborgenheit, Hoffnung auf ein Stück Normalität. Aber was ist normal? Schauen wir zurück in die Geschichte unseres Umfeldes, unseres Landes oder Europa, gibt und gab es immer dunkle Zeiten. Persönlich, familiär, gesellschaftlich braucht es Menschen, die Hoffnung verbreiten, Lichtträger*innen sind.

Von einer Lichtträgerin erzählt eine alte Legende.

Mitten in der dunkelsten Zeit des Jahres, am 13. Dezember ist ihr Gedenktag. Es ist die Hl. Lucia, die im 3. Jahrhundert in Syrakus, dem heutigen Sizilien lebte. Als Tochter einer angesehenen römischen Familie kam sie mit dem christlichen Glauben in Verbindung und bekannte sich bald dazu. In Zeiten der Christenverfolgung war das sehr gefährlich, so erzählte sie niemandem etwas davon. Der Vater starb früh und als die Mutter schwer erkrankte und die Tochter vermählen wollte, betete sie und unternahm eine Wallfahrt. Als die Mutter gesund wurde, empfand sie dies als Wunder und erlaubte ihrer Tochter die Verlobung zu lösen. Lucia gründete mit ihrem Vermögen eine Armen- und Krankenstation. Zu dieser Zeit versteckten sich die verfolgten Christen in den Katakomben der Stadt. Als Frau war sie nicht so gefährdet, so machte sie sich in der Nacht auf den Weg, um Lebensmittel in die Verstecke zu bringen. Damit sie beide Hände frei zum Tragen hatte, setzte sie sich einen Lichterkranz auf den Kopf. Der verschmähte Verlobte hat davon erfahren und sie angezeigt, so wurde sie verurteilt und starb als Märtyrerin.

Bis heute wird Lucia als Lichtträgerin besonders in skandinavischen Ländern gefeiert. Mädchen mit Lichterkränzen ziehen durch die Straßen, erzählen von dem Licht, das an Weihnachten in die Welt kommt und verteilen Ingwerbrötchen. Sie tragen das Licht weiter. Gerade in unsicheren Zeiten, wenn der Blick auf die Zukunft verdeckt ist, die Sorgen und Ängste sich breit machen, tut es gut, wenn Menschen zu Lichtträger*innen werden. Lassen Sie uns das Licht teilen, ein gutes Wort, ein freundlicher Blick, durch kleine Gesten Zuversicht verbreiten.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen eine lichtvolle Zeit mit der Erfahrung, dass Christus, das Licht, die Nacht erhellt.

Gerlinde Tröbs
Referat FRED/FOKED/Ganztagsschule am RPZ Heilsbronn

November 2020

"Wenn dein Kind dich morgen fragt…"

Kinder fragen viel – sie fragen manchmal sehr viel. Sie fragen nach allen möglichen Dingen, nach Alltäglichkeiten, über die ich mir als Erwachsener keine Gedanken mache ("Warum heißt der Sattelschlepper eigentlich Sattelschlepper?", hat mich zum Beispiel mein Dreijähriger neulich nach dem Kindergarten gefragt). Und manchmal berühren Kinderfragen auch grundlegende existentielle Dimensionen. Fordern heraus, über das eigene Leben und eigene Ansichten nachzudenken.

Die Bibel führt das etwa im fünften Buch Mose vor Augen: "Wenn dein Kind dich morgen fragt", beginnt dort der Vers 20 im sechsten Kapitel. Für den jüdischen Glauben ist diese Stelle bis heute sehr zentral. Aber auch ich als Christ lasse mich von ihm ansprechen und hinterfragen. Kindlich ungeniert fragt dieser Bibelvers danach: "Wovon lebst du eigentlich? Was gibt dir die Kraft zum Leben? Was gibt dir Halt? Selbst dann, wenn alle anderen Fundamente des Lebens ins Wanken geraten?"

Solche Fragen bringen mich zum Nachdenken. Über mich, mein Leben, meinen Glauben an Gott und meine Zweifel. Im Buch Deuteronomium verbindet sich dieser Satz mit der Erinnerungskultur an das befreiende Handeln Gottes, das mit dem Exodus des Volkes Israel aus der ägyptischen Knechtschaft überliefert ist und das immer wieder dort besondere Aktualität bekommt, wo Menschen Ungleichheit, Benachteiligung, Gewalt und Ohnmacht erfahren. Diesen Mächten steht der Gott des Exodus entgegen. Diese Bilder prägen auch meinen Glauben zutiefst. Es ist ein Glaube daran, dass es Leben gibt – selbst dort, wo alles tot erscheint. Dass Gott das Dunkel kennt und durchlebt – und er befreit. Es ist der Glaube an einen parteiischen Gott, der sich von der Verzweiflung seiner Geschöpfe anrühren lässt und für sie Partei ergreift.

"Wenn dein Kind dich morgen fragt…". Dieser Satz erinnert mich aber auch an etwas anderes. Daran, dass die wirklich großen Fragen nicht auf eindeutige Antworten abzielen. Glaube lebt vom Dialog. Er ist eben keine Privatsache, die nur mich etwas angeht. Wir brauchen Menschen, die uns von ihrem Glauben erzählen und Menschen, die wir nach ihrem Glauben fragen können. Und wir sind selbst herausgefordert, von unserem Glauben zu erzählen, uns be- und hinterfragen zu lassen – ohne darauf schnelle Antworten zu geben.

In den vergangenen Monaten wurden und werden so viele Selbstverständlichkeiten auf den Kopf gestellt und ausgehebelt. Der Druck in vielen Familien und auf viele Seelen von Erwachsenen und Kindern ist unaufhaltsam gewachsen. Wenn dich dein Kind – oder irgendjemand anderes – in dieser Situation danach fragt, wovon du lebst. Wovon wirst du dann erzählen?

Patrick Grasser
Referat Inklusion am RPZ Heilsbronn

Oktober 2020

Der Philosoph Arthur Schopenhauer erzählte eine kleine Geschichte:

Mehrere Stachelschweine sind an einem kalten Wintertag zusammen. Sie haben das Bedürfnis nach Wärme und kuscheln sich zusammen. Doch die Stacheln pieksen und nach einer Zeit haben die Stachelschweine solche Schmerzen, dass sie auseinanderrücken müssen. Jetzt frieren sie wieder. Sie suchen so lange nach einem für alle erträglichen Abstand, bis das Bedürfnis nach Wärme, ohne Schmerzen zu verursachen, gestillt ist.
Für Schopenhauer selbst stehen die Stachelschweine für die Menschen, die um den richtigen Abstand zwischen Nähe und Distanz ringen. Solidarität und Nähe sind ein Grundbedürfnis der Menschen, meint er, aber es gibt eben auch Menschen mit schlechten Charaktereigenschaften, die sehr stachelig sind.

Das Ringen um Nähe und Distanz, Abstand halten und sich doch nahe sein: Das beschäftigt uns in der Coronazeit besonders. Maske tragen und Abstand halten verringern nachweislich die Ansteckungsgefahr, schützen vor allem gefährdete Menschen zu erkranken und einen schlimmen Krankheitsverlauf erleben zu müssen. Gleichzeitig wird das Bedürfnis nach Nähe immer größer. Wir sind nun mal soziale Wesen, leben davon in Gemeinschaft zu sein, zusammenzusitzen, miteinander zu reden, zu feiern, zu lachen, zu singen. Und sich in den Arm zu nehmen. Vor Corona gab es Initiativen und Seminare wie spontanes Umarmen in Fußgängerzonen oder Kuschelworkshops. Beides wurde gerne angenommen. Das alles geht momentan nicht. Was macht das mit uns Menschen? Besonders Kinder haben jetzt teilweise schon so einen skeptischen, ängstlichen Blick, wenn sie mir begegnen, dass es mir das Herz zusammenzieht. Wird die soziale Kälte größer? Verwerfen wir einfach das Gebot Abstand zu halten und gefährden damit vielleicht andere? Ist das Bedürfnis nach individueller Freiheit größer als der Schutz der Gemeinschaft und des Nächsten? Erfrieren wir bald aus Mangel an Nähe oder gelingt es uns den richtigen Abstand zueinander zu finden?

Ein paar Fragen zum Nachdenken…

Stachelschweine haben übrigens ihre eigene Strategie entwickelt:

Ihre Sabine Keppner
Referentin für die Grundschule im RPZ Heilsbronn

September 2020

Unter anderem - von tiefen Tälern

Vor Urzeiten lebte ein Bauer in Palästina. Joab sein Name, und es war gerade ein Jahr her, dass seine Frau bei der Geburt des dritten Kindes gestorben war. Trauer und Verzweiflung hatten ihn gepackt, viele Tränen waren geflossen – aber das war nun schon ein Jahr her. Joab hatte wieder eine Frau gefunden. Das Glück war in sein Leben zurückgekehrt.

An einem angenehm kühlen Abend sitzt er auf einem kleinen Hügel, der Regen hat das Gras saftig grün wachsen lassen und die Abendsonne wärmt ihn behaglich. Er beobachtet seine Hirten, die seine Schafe weiden. Der Wind bläst den Schafsgeruch und das zufriedene Blöken der Tiere zu Joab hin. Er beobachtet, wie die Tiere zur Tränke geführt werden – und da kommt ihm ein Bild in den Sinn: "Mir geht es wie meinen Schafen! Ich habe zu essen, den beiden Kindern geht es gut, ich bin zufrieden und glücklich. Wie das Schaf eines guten Hirten.“ Aber da spürt er wieder diesen Schmerz der Trauer in seinem Herzen. Und sein Blick schweift zum Horizont, den düsteren Bergen dort mit ihren zerklüfteten Schluchten, die zu sehen sind. "Wie in einer tiefen Schlucht hab ich mich gefühlt, steile Felswände und kein Ausweg!“ Er stützt schwer den Kopf in die Hände. Aber dann spürt er die Abendsonne auf der Haut – und sie scheint auch seine Gedanken zu erwärmen – er hebt den Kopf. "Aber auch da war ich nicht alleine! Ich habe wieder Lebensmut gefunden!“ Nochmals blickt er zu den friedlich grasenden Schafen: "Wenn ich das nur aufschreiben könnte, so ein schönes Bild  für meine Gefühle – wenn ich nur dafür die richtigen Worte hätte.“

Diese Erfahrung lässt Joab nicht los. Immer wieder kreisen in den nächsten Wochen seine Gedanken um diesen Abend.
Ein Monat ist nun vergangen. Joab macht sich mit den anderen Familien seines Stammes auf den Weg zu einem Fest in die Hauptstadt Jerusalem. Im Tempel tönen ihm unzählige Stimmen entgegen, der Klang der Hörner und Trommeln. Die Luft ist erfüllt vom Geruch nach Blut und verbranntem Fleisch von den Opfern. Vertraute Gebete und Lieder dringen an sein Ohr.
Er bahnt sich einen Weg durch die Menschenmenge zu einem der Tempelschreiber, eigentlich sind sie mehr Dichter, Künstler des Wortes. Und Joab, der einfache Bauer, nimmt seinen Mut zusammen und spricht einen dieser Schreiber an. "Ich hatte ein Erlebnis, das mich nicht mehr loslässt!“ Er erzählt von jenem Abend und der Schreiber hört ihm aufmerksam zu. "Kannst du das aufschreiben?“, fragt Joab – der Schreiber nickt und es formen sich bereits Worte in seinem Kopf. "Komm wieder am Ende des Festes zu mir, ich werde versuchen dein Erlebnis in gute Worte zu fassen.“
Nach zwei Tagen, als das Fest zu Ende ist, geht Joab nochmals zu dem Schreiber. Dieser blickt zufrieden zu Joab auf. "Es ist ein schönes Lied geworden!“, sagt er, greift sich eine Wachstafel und beginnt zu sprechen, ohne dass er auf die Tafel blicken muss:

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue, und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße, 
um seines Namens Willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, 
dein Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde, 
Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkst mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen
mein Leben lang
und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

Joa ist ergriffen! Mehrmals lässt er sich das Lied, oder ist es ein Gebet, vorsagen, bis er es selbst auswendig kann. Auf dem Heimweg trägt er es seiner Frau und der Familie vor. Oft spricht er es laut am Abend, wenn er dem Sonnenuntergang zuschaut.
Als er im nächsten Jahr wieder in Jerusalem ist, glaubt er seinen Ohren nicht zu trauen, als er andere Menschen "sein“ Lied sprechen hört – und wie würde Joab erst staunen, wenn er heute Menschen hören würde, die sein Lied auswendig können!

So könnte der Psalm entstanden sein und sein Gehalt ist wahr wie eh und je, auch in Zeiten, in denen manches anders ist als gewohnt.

Ulrich Jung
(Referat Förderschulen)

Juli / August 2020

Da kam die Botschaft der Ewigen zum zweiten Mal und berührte ihn:
"Steh auf, iss, denn der Weg, der vor dir liegt, ist weit!"

Monatsspruch Juli 2020, 1. Kön 19,7

Die "Botschaft der Ewigen"? Ich stolpere beim Lesen über diese Formulierung. Die Luther-Variante "Der Engel des Herrn" ist mir vertrauter. Das Bild von dem Engel, der Elia Essen bringt, ist so schön anschaulich. Ich habe auch gleich eine Illustration vor Augen, die ich hie und da für Andachten verwendet habe.

Die "Botschaft der Ewigen". Es leuchtet mir ein, von der Botschaft¹ zu sprechen und nicht vom Boten oder der Botin selbst. Manchmal treten eben die Überbringer*innen hinter das Mitgeteilte zurück. Aber wie ist das mit der Ewigen? Wo ich doch so an die männliche Sprachform gewöhnt bin. Ich weiß, dass in der "Bibel in gerechter Sprache" mit der Vielfalt des Gottesnamens gespielt wird. Ich mag das. Es regt mein Denken an, mein Hinterfragen.

Ich blättere ein paar Seiten nach vorne. In Kapitel 17 stutze ich. Elia erhält die Aufforderung, zu einer Frau zu gehen und sich von ihr versorgen zu lassen. Er fordert von ihr Wasser und Brot, in Zeiten der Dürre und des Hungers. Und dann das Unglaubliche: Mehl und Öl gehen nicht zur Neige. Sie werden satt.

Da entdecke ich Raffinesse und Klugheit im Zusammenspiel der Speisungen von Kapitel 17 und 19. Sind nicht die Frau und die Botschaft der Ewigen zu vergleichen? Stärkung aus Frauenhand?

Ich schmökere weiter und bin verblüfft. Noch eine Frau und eine Göttin sind Mitspielerinnen in dieser Elia-Erzählung. Isebel, die Königin, und Aschera, die Göttin. Isebel wird die Rolle der Gegenspielerin auf den Leib geschrieben. Sie ist die Böse und Elia läuft um sein Leben. Bis er von der Botschaft der Ewigen berührt und gesättigt wird.

Staunend sitze ich vor meiner Bibel. Wie alt bin ich jetzt? Wie oft habe ich die Elia-Geschichte schon gelesen? Und noch nie war mir aufgegangen, dass so viele Frauen und weiblich-göttliche Aspekte in diese Texte eingewoben sind. Der Botschaft der Ewigen sei Dank.

Ihre Gerda Gertz
Referentin Mittelschule

¹ https://www.bibel-in-gerechter-sprache.de/die-bibel/glossar/?malach
Bibelvers: Bibel in gerechter Sprache © 2006
Foto: Oleg Astakhov

Juni 2020

Das Geist-Gespenst

Zum ersten Mal habe ich es vor etwa 10 Jahren gesehen. In der Illustration zu einem Konfi-Spruch: "Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit." (2. Tim 1,7) Da waren vier Bilder dargestellt: Ein durchgestrichenes Gespenst, ein Arm mit dickem Bizeps, ein Herz und - eine Sonne. Auf die Be-Sonnen-heit will ich hier nicht näher eingehen. Das war ja auch erst mein zweiter Seufzer. Der erste hing mit dem Gespenst zusammen. Oh nein! So also stellen sich Konfis den Geist vor! Aber klar ...!

Kurz danach ist es mir wieder begegnet, das Geist-Gespenst. Diesmal bei einer Installation zum Glaubensbekenntnis. Eine Gruppe von Teamer*innen sollte die Aussage "empfangen vom Heiligen Geist" kreativ darstellen. Auf einem Flipchart-Bogen schwebte das Geist-Gespenst - mit einem Heiligenschein! Natürlich ist diese Darstellung naheliegend: Geister spielen für Kinder und Jugendliche durchaus eine Rolle, zum Beispiel an Halloween. Weißes Bettlaken mit zwei (oder drei) großen, dunklen Löchern - schon bin ich ein Gespenst! Aber wie finde ich von hier aus die Verbindung zum Heiligen Geist?

Wieder einige Zeit später: In einem Artikel lese ich, dass die iroschottischen Mönche im Mittelalter die lateinischen Wörter für Geist - spiritus bzw. animus - mit ghost übersetzt hätten. Und plötzlich sehe ich die Verbindung, fast unmittelbar vor meinem "inneren Auge": Ich sehe ein altes, zugiges Schloss, in dem ein humorvolles, kleines Gespenst sein Unwesen treibt. Hier fällt plötzlich ein Becher vom Sims, dort eine Tür krachend ins Schloss. Und der Kronleuchter schwingt bedrohlich hin und her. Das Gespenst selbst sehe ich nicht. Aber wegen all dieser Bewegungen weiß ich: Hier wohnt ein Schlossgespenst. Das ganze Haus ist beherrscht, erfüllt von einem ghost.

So ähnlich steht es ja auch in der Apostelgeschichte: "Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. ... Und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist ..." (Apg 2,2.4)

Der Unterschied zu meinem Bild vom irischen Schlossgespenst ist wesentlich: In der Pfingstgeschichte geht es um den Heiligen Geist. Um den mit dem Heiligenschein. Um den Geist Gottes. Wenn ich - mit dem 1. Johannesbrief - "Gott" mit "Liebe" gleichsetzen darf, dann ist es den Geist der Liebe, der da herrscht. In diesem ganzen Haus, in dem die Jüngerinnen und Jünger Jesu sitzen. Und in jeder und jedem von ihnen. Dieser Geist herrscht in den Leibern der Jüngerinnen und Jünger Jesu. Dieser Geist ist von Jesus auf sie übergesprungen und hat sie infiziert. Dieser heilige Geist bestimmt die Ausrichtung ihres Lebens. Ihr Denken, Fühlen und Handeln. Die alten Geister, die klein machen und fesseln; die im Anderen und Fremden einen Feind sehen - diese bösen Geister spielen plötzlich keine Rolle mehr. Jedenfalls für die, die vom gleichen Geist beseelt sind wie Jesus.

Ja, das ahnten meine Konfis wohl schon vor mir! ;-)

Eine anregende, pfingstliche Zeit wünscht Ihnen

Herbert Kolb, Referent für Konfirmationsarbeit

Mai 2020

"Ach gäb es doch ein Jahr aus lauter Mai!"

Jetzt ist Mai - dieser herrliche, wunderbare Monat, in dem der Frühling von Kraft nur so strotzt.

Die Tage werden länger, der Himmel weit.  
Das Herz geht einem auf, und man hält´s fast nicht aus:
"O gäb es doch ein Jahr aus lauter Mai", schrieb der Dichter Erich Kästner, wir kriegen nie genug. Und so schwingt mit dem kostbaren Mai auch ein bitteres Gefühl mit: Dass wir ihn nicht festhalten können.

Ich war eine junge Frau, fuhr durch einen strahlenden Mai-Tag … und plötzlich war´s wie eine Vision:
Was ich vor Augen hatte, war wie ein Foto - und dann: Sie kennen diese Bürostempel, auf denen zum Beispiel "Eingang" steht oder "Erledigt" - so sah für mich plötzlich aus, was ich sah - jedes schöne Maibild bekam dick einen Stempel drauf:
"Vergänglich."  - "Vergänglich." -  "Vergänglich."

Die ganze lange Autofahrt wurde ich das nicht los: Auf jedem schönen Anblick dieses "Vergänglich", "Vergänglich".

Und im Auto hinter mir saßen die kleinen Kinder! Und ich wusste - auch dieses Familienleben mit den Kleinen, ihrem Mai, und mein Lebensmai, das Mamasein: Alles vergänglich.

Es tat so weh …  und ließ mich nicht mehr los, weit über jene Fahrt im Mai hinaus blieb dieser Vergänglichkeitsschmerz.

Kästner schreibt: "Auch Glück kann weh tun. Auch der Mai tut weh", der echte Mai - und der des Lebens.

Mit den Jahren aber wurde ich wütend: Das kann nicht sein, dass die Vergänglichkeit alles Erleben so abstempelt, dass sie mir die Freude nimmt, während doch noch alles leuchten könnte!

Ich stemmte mich dagegen aus Trotz, verteidige mein Lebensglück. Die Vergänglichkeit zeigte mir, wie kostbar ist, was sie mir nimmt, und ich wollte es ihr keinen Tag zu früh überlassen ...
Aber Trotz allein genügt nicht, und Abwehr macht müde.

Der Schlüssel wurde die Dankbarkeit.
Beginnt es eng zu werden im Hals aus Angst "ach, der Mai vergeht, das Leben verrinnt", zwinge ich mich zum Dank!
Und statt den Stempel zu sehen, sehe ich das Bild genauer, die Details, Blüten, Blätter, Wiesengrund und Wegrand, Himmelsblau und Sonnenlicht, Kinderfüße und Kinderhaar, meine Mamaarme und Mamaarbeit  und nehme die Fülle auf, sauge sie auf, tief, vergifte sie nicht mit Vergänglichkeit, sondern wecke ein - irgendwo, in einem unbekannten Platz der Seele, ganz bewusst.

Zum Schlüssel gegen die Angst wurde ein Lied:
"Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen.
Erzählen will ich von allen seinen Wundern
und singen seinem Namen.
Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen.
Ich freue mich und bin fröhlich, Herr, in Dir. Halleluja. Ich freue mich und bin fröhlich, Herr, in Dir. Halleluja."

Nun sind die Kinder groß - und doch noch meine Kinder.
Ich werde alt - und riech doch noch ihren Babygeruch.

Es ist wieder Mai – und ich will mich nicht fürchten, sondern sag:  Schau Mai, ich bin noch da, Dich zu sehen! Ich leb noch - und ich bin dankbar und froh.

Katharina Kemnitzer, zum 1. Mai 2020

April 2020

Was brauchen sie? Fragen!

Ich merke, dass manche meinen, ich bräuchte in dieser Zeit der Herausforderung durch das Virus und andere Situationen besonders witzige und mehr Nachrichten als sonst auf meinem Handy. Ich habe gerade genug von Toilettenpapier-Filmchen (muss allerdings zugeben, dass ich auch solche verschickt habe …), von kursierenden Sätzen wie "Am Wochenende ist Zeitumstellung. Eine Stunde weniger daheim." oder von einer weiteren Idee, was man zur vollen Stunde über Balkons, Straßen, Dörfer, Städte, Bundesländer und Länder hinweg machen kann.

Ich finde, da sind echt gute Ideen dabei. Genug gute Ideen für genug volle Stunden. Besonders hat mich das Verbundensein über das Lied "Der Mond ist aufgegangen" angesprochen – "… in der Dämmrung Hülle … traulich … des Tages Jammer verschlafen … in Gottes Namen … lass´ uns ruhig schlafen und unsern kranken Nachbarn auch."

Damit es möglichst wenig kranke Nachbarn gibt, darum bleibe ich gerne zu Hause – zum Schutz für uns und möglichst alle. Und gleichzeitig denke ich an Menschen, die damit Schwierigkeiten haben könnten. Ich denke an eine 12jährige Schülerin. Mir ihr und ihrer alleinerziehenden Mutter sind wir befreundet. Leider wohnen sie nicht nebenan. Die Schülerin ist vormittags allein zu Hause, weil ihre Mutter in einem Pflegeheim arbeitet. Sie bekommt fast täglich einen Anruf ihrer Lehrerin, damit sie mit den Hausaufgaben gut weiter machen kann. Hut ab. Und sie übt sich in unerwarteter Geduld und wartet mit dem Rausgehen, bis ihre Mutter daheim ist. Und sie freut sich natürlich riesig über ihr WLAN zu Hause, damit sie möglichst viele digitale Kontakte haben kann. Unter normalen Umständen ist sie sehr wenig zu Hause. Hut ab vor ihrer Geduld.

Sie braucht regelmäßig Gespräche. Gerne würde ich meinen Hut aufsetzen, ins Auto steigen und zu ihr fahren. Hut nicht auf. Handy nehmen.

Was braucht sie eigentlich? Ich frage sie. Wenn ich nicht frage, entwickle ich meine Fantasien. Das Motto der Sesamstraße trifft mal wieder genau zu: Wer nicht fragt, bleibt dumm. Wenn ich nicht frage, dann deute ich die Situation für jemand, ohne ihn oder sie selbst deutend antworten zu lassen. Jesus hat Bartimäus auch gefragt "Was willst du, dass ich dir tun soll?" Fragen wir sie - vielleicht so:

  • Du hast jetzt schon eine lange Zeit der Schulschließung erlebt. Was hat dir geholfen, zu Hause etwas für die Schule zu machen?
  • Erzähl mir, wenn du bei etwas Spaß hattest oder etwas gerne gemacht hast. Das kann die Schule betreffen oder etwas anderes.
  • Nicht immer geht es uns gut, wenn wir so viel daheim oder allein bleiben sollen. Was fehlt dir?
  • Jemand schreibt dir eine WhatsApp, dass ihr oder ihm langweilig ist. Hast du einen Tipp für sie oder ihn?
  • Wenn du wütend auf die Situation bist, was machst du dann?
  • Vielleicht hast du in dieser Zeit auch Gedanken, die mit Gott oder mit Glauben zu tun haben. Mich würden sie interessieren.
  • Wie kann ich dich unterstützen?

Wer möchte, mailt diese Fragen / Anregungen weiter. Vielleicht möchte mir jemand Antworten weiterleiten (ohne Nennung von Namen) oder eigene Gedanken schreiben und ich sammle sie und stelle sie am Ende des Monats hier wieder in die Inspirationen.

Gerne an: claudia.duerr[at]rpz-heilsbronn.de (Betreff: Inspiration April)

Herzliche Grüße,
achten Sie auf sich und auf die anderen / passt gut auf euch und auf die anderen auf. Gott begleite uns.

Claudia Dürr
(Referat Pädagogische Ausbildung im Vikariat)

März 2020

Juden feiern Purim

Am Vorabend des 14. Adar beginnt "Purim", so etwas wie ein "jüdischer Karneval". Es ist eines der farbenfrohesten, fröhlichsten jüdischen Feste – und vielleicht das mit der ausgelassensten Stimmung.

Groß und Klein verkleiden sich. Waren es früher eher biblische Figuren wimmelt es heute nur so von Mickey-Mäusen, Käfern, Schneewittchen, Batmans, Power Rangers, Spidermans und vielen anderen Gestalten. Doch so ganz können moderne Zeiten den prächtigen König Ahasveros, den weisen Mordechai und vor allem die Königin Ester nicht zu verdrängen, die Hauptpersonen hinter der Narration zu diesem Fest.

Juden feiern mit dem Purimfest, das in diesem Jahr auf den 10. März fällt, den Untergang des persischen Großwesirs Haman. Er wollte, so die Erzählung, im 5. Jahrhundert vor Christus das jüdische Volk ausrotten. Diese Ereignisse werden im biblischen Buch Ester berichtet. "Es gibt ein Volk, zerstreut und abgesondert unter allen Völkern in allen Ländern deines Königreichs", begründete Haman seinem König die Strategie, "ihr Gesetz ist anders als das aller Völker und sie tun nicht nach des Königs Gesetzen" (Ester 3,8).

Das Buch Ester ist mit viel Witz und Ironie geschrieben. Gewissermaßen aus Versehen wählt sich der mächtige Perserkönig Ahasveros, in Geschichtsbüchern als "Xerxes" erwähnt, eine Jüdin zur Frau (Ester 2). Stolz wähnt sich Haman auf dem Gipfel seiner Karriere, als der König ihn fragt: "Was soll man dem Mann tun, den der König gern ehren will?" (Ester 6,6) – um erfahren zu müssen, dass er ausgerechnet seinem Erzfeind Mordechai die Ehre zuteilwerden lassen soll, die er sich selbst erträumt hatte. Am Ende schafft es Esther, dass das Volk gerettet wird.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde Purim ein Fest des Sieges über jeglichen Judenhass und Antisemitismus. Die Ausgelassenheit und die Verkleidungen werden als "lange Nase" erklärt, die das jüdische Volk seinen Hassern und allen vergeblichen Vernichtungsversuchen macht. Purim ist ein freudiger Gedenktag der Einheit und Freundschaft, an dem auf nichts verzichtet werden muss: Es darf gegessen, getrunken und gefeiert werden.

Aus jüdischer Sicht genießt Purim leider immer noch und erneut wieder eine hohe Aktualität, weil das bloße Existenz- und Selbstbestimmungsrecht des Volkes Israel bis heute von Mitgliedern der weltweiten Völkergemeinschaft offen bestritten wird und Antisemitismus wieder um sich greift, auch hier in Deutschland.

Hans Burkhardt
(Regionalstelle Unterfranken)

Februar 2020

"Böse Geister" - ?

Geheimnisvoll, etwas unheimlich und verlassen steht das Haus zwischen dunklen Bäumen. Ob es da spukt, ob sich böse Geister darin herumtreiben?
Na klar, so ein Unfug. So etwas gibt es nur im Fernsehen und in Gespenstergeschichten – und in biblischen Texten.

Wie kann ich als aufgeklärter Mensch des 21. Jahrhunderts mit biblischen Geschichten umgehen, in denen Jesus böse Geister austreibt? Die Geschichte in Mk 9, 14-29 ist ein besonders eindrückliches Beispiel. Dort wird von einem Jungen berichtet, der an Epilepsie leidet. Die Beschreibung der Symptome ist eindeutig. Die Bibel aber, ganz im Geist der Zeit vor 2000 Jahren, interpretiert diese Krankheit als Besessenheit mit einem bösen Geist. Es war selbstverständlich, dass man Krankheiten, die man sich ja nicht erklären konnte, mit Übersinnlichem, mit bösen Geistern in Verbindung brachte. Es war damals genauso selbstverständlich, wie wir heute Krankheiten mit Bakterien, Viren oder Gendefekten in Verbindung bringen.
Auf diesem Hintergrund liest sich der Text ganz anders. Der Vater und alle Umstehenden sind der Krankheit gegenüber völlig hilflos, weil sie von Besessenheit und übermächtigen Dämonen ausgehen. Aber was macht Jesus: er befiehlt dem Geist einfach auszufahren. Man könnte es auch anders übersetzen: "Schaut doch einmal hin - das sind keine Dämonen, die Macht haben. Die Dämonen sind nur in euren Köpfen. Es gibt nur einen, der Macht hat, und das ist Gott!“ Vielleicht hat sich der Vater gedacht: "Aber wie soll ich das glauben? Ich erlebe doch immer wieder, wie meinem Kind Unerklärbares widerfährt und ich stehe ihm machtlos gegenüber.“ Es war für den Vater wirklich eine Herausforderung, wenn Jesus zu ihm sagte, er solle doch glauben. Was der Vater erlebte, war seine eigene Machtlosigkeit. Wie sollte er sich sonst erklären, dass so etwas Schreckliches wie diese Krankheit existiert, wenn nicht Dämonen dafür verantwortlich sind. Aber Jesus fordert den Vater dazu auf, auch diese Krankheit als Teil der guten Schöpfung Gottes anzusehen. Es sind keine Dämonen, die hier am Werk sind! Auch Krankheiten, Behinderungen und vieles andere, was wir uns nicht erklären können und was uns belastet, sind Teil dieser guten Schöpfung Gottes.
Aber was hat das für Konsequenzen? Wenn die unerklärbaren Verhaltensweisen des Sohnes, die ihre Ursache in einer Krankheit haben, als etwas Normales betrachtet werden, wird die Möglichkeit eröffnet damit angemessen umzugehen. Es wird, so wie es für uns heute selbstverständlich ist, zu einer behandelbaren Krankheit. Viel wichtiger aber ist die Folge für den erkrankten Jungen. Er wird zu einem Menschen, dem nicht mehr das Stigma einer Besessenheit anhängt, sondern er kann wieder als Mensch gesehen werden, der Teil von Gottes guter Schöpfung ist, auch wenn eine Erkrankung sein Leben erschwert.

Bei der Arbeit in der Schule erleben Lehrkräfte Situationen, die ähnlich schwer zu verstehen sind wie es epileptische Anfälle für die Menschen zur Zeit Jesu waren. Es gibt nicht selten Kinder, die, wie man heute so schön sagt, ein herausforderndes Verhalten haben. Mit anderen Worten, sie führen sich schrecklich auf. Sie können sich nicht beherrschen, es fehlt ihnen an der Fähigkeit sich selbst zu steuern. Es kommt vor, dass ein Schüler aus einem nicht ersichtlichen Grund ausrastet und auf andere losgeht. Aber er hat, aus welchen Gründen auch immer,  nicht die Fähigkeit sich zu kontrollieren und zu beherrschen.
Dass ein Mensch körperlich oder intellektuell an seine Grenzen stößt, ist meist einsichtig. Wenn aber ein Schüler oder eine Schülerin sich in ihrem Verhalten nicht steuern kann, ist es schwer zu verstehen. Es erscheint dem Außenstehenden, als ob der Jugendliche nicht ganz bei sich wäre. Als ob er ferngesteuert wäre, was in diesem Moment auch stimmt, da er oder sie sich nicht steuern kann. Wie schnell kommt dann das Urteil: "Da ist Hopfen und Malz verloren!“ "Da kann man nichts machen. Mit dem lässt man sich am besten gar nicht ein.“
Die Parallele zu den Menschen vor 2000 Jahren ist nicht zu übersehen. Auch sie schoben das Unerklärbare einem bösen Geist zu, gegen den man nichts machen kann. Der Mensch ist besessen! Weitere Folgen sind Ablehnung und Ausgrenzung aus der Gesellschaft. Schnell kommt es zu dem Schluss: "In dem Menschen wirkt das Böse.“ Damals und heute.
Jesus treibt den bösen Geist aus – aber nicht nur aus dem epileptischen Jungen, sondern auch aus den Köpfen der anderen Menschen. Eigentlich sitzt der böse Geist dort.
Ein Kind mit so schwierigem Verhalten abzuschreiben ist einfach. Aber wenn erkannt wird, dass es sich dabei um eine Lebenserschwernis handelt, der man nicht hilflos ausgeliefert ist, eröffnen sich vielfältige Möglichkeiten der Hilfe. Es eröffnet sich ein Blick auf das Kind oder den Jugendlichen, der sie oder ihn als einen von Gott geliebten und wertvollen Menschen sieht. Auch die Verhaltensprobleme sind ein Teil dieses Menschen, wie Gott ihn geschaffen hat. Auch wenn es schwer zu verstehen ist, dass zu "Gottes guter Schöpfung“ auch solche Verhaltensprobleme dazu gehören.
Noch einmal zu der Geschichte in der Bibel. Es geht darin auch um den Glauben oder Unglauben des Vaters. Im Umgang mit Kindern, die gerade in der Schule solche Probleme haben (und machen), bekommt "glauben zu können“ eine eigene Bedeutung. Es ist nicht die Frage, ob man an Wunder glaubt, sondern daran, dass man sie mit ihrem Verhalten und ihren Schwierigkeiten als von Gott geliebte Menschen sehen kann. Es wird die Möglichkeit eröffnet, sie nicht aufzugeben oder als hoffnungslosen Fall abzustempeln, sondern ihnen zu zeigen, wie sie mit ihren Lebensschwierigkeiten zurecht kommen können. Glaube heißt, auch das Schwierige und für uns oft nicht Erklärbare als Teil von Gottes guter Schöpfung zu sehen und nach Wegen zu suchen, damit möglichst gut umzugehen. Solcher Glaube vertreibt die "bösen Geister“.

Ulrich Jung
(Referat Förderschulen am RPZ)

Januar 2020

Freude, schöner Götterfunken

Beethovens 9. Symphonie – alljährlich erklingt sie beim Jahreswechsel in den Konzertsälen der Welt. Dieses Jahr mit gesteigerten Pathos, soll doch der 250. Geburtstag dieses weltberühmten Komponisten stilvoll und würdig eingeläutet werden. Ludwig van Beethoven ist wie Friedrich Hölderlin und Georg Friedrich Hegel im Jahr 1770 geboren und sie alle könnten in 2020 ihren 250. Geburtstag feiern.

Der Komponist Ludwig von Beethoven verdankt seinen weltumspannenden Ruhm nicht nur, aber allem voran dieser Symphonie mit ihrer überwältigenden Musik und der herausragenden Vertonung von Schillers „Ode an die Freude“ in ihrem Schlusssatz. Dieser gipfelt im „Freude, schöner Götterfunken“, einer Jubelhymne auf die beglückende, weltumspannende und menschheitsverbindende Kraft der Freude. Einer Freude, die die Menschen verbindet und alles überstrahlt und uns Zuhörer in ihren Bann zieht.

Es ist mitreißend, wie wort- und klanggewaltig die Idee der Menschheitsverbrüderung gefeiert wird. Beethovens 9. Symphonie umgibt ein nahezu magischer Nimbus, kein Musikstück hat mehr historische Kraft entfaltet und Geschichte geschrieben als dieses. Gespielt wird es in Momenten der Hoffnung wie in den Stunden der Trauer. Die 9. Symphonie wurde von den New Yorker Symphonikern bei einem Gedenkkonzert für die Opfer des Anschlags vom 11. September 2001 gespielt, ihre Klänge ertönten, von Leonard Bernstein dirigiert, kurz nach dem Fall der Mauer 1989 in Berlin und sie eröffneten im August 2019 am Brandenburger Tor das 30-jährige Gedenken an den Mauerfall.

In seiner Instrumentalversion ist das Lied „Freude, schöner Götterfunken“ die Europahymne und damit eines der offiziellen Symbole der Europäischen Union. Der Hymne an die Freude bringt die alle europäischen Staaten verbindenden Werte – Freiheit, Frieden und Solidarität – zum Ausdruck und feiert die Einheit in der Vielfalt – etwa mit seinen Worten: alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt (auch wenn wir heute „Geschwister“ sagen würden).

Hört man sich über diesen berühmten ersten Vers der Schillerschen Ode „An die Freude“ hinaus das gesamte Chorstück an, wird deutlich, wie viel hier von der glorifizierten Freude erwartet wird, nämlich:

  • dass Menschen in Liebe zueinander finden:
    Wem der große Wurf gelungen,
    Eines Freundes Freund zu sein;
    Wer ein holdes Weib errungen,
    Mische seinen Jubel ein!
  • dass Konventionen überwunden werden:
    Deine Zauber binden wieder,
    Was die Mode streng geteilt,
    Alle Menschen werden Brüder
    Wo dein sanfter Flügel weilt.
  • dass unser Innerstes von die Schönheit der Natur sich berühren lässt:
    Freude trinken alle Wesen
    An den Brüsten der Natur;
    Alle Guten, alle Bösen
    Folgen ihrer Rosenspur.

Beethoven, vom Geist der Epoche der Aufklärung und deren positiven Menschenbildes beseelt, verortet den Ursprung seiner weltumspannenden Freude, die alle Menschen verbindet, in theistischen, ja pan-theistischen Götterhimmeln: Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium. Wir betreten feuertrunken, Göttliche dein Heiligtum.

Aus christlicher Perspektive und von Weihnachten her kommend, gehen himmlischer Zauber und lebensbejahende Freude vom Kind in der Krippe aus. Vergleichbar monumental wie in Schillers Ode und Beethovens 9. bringt im Lukasevangelium ein Engel vom Himmel her – und umgeben von himmlischen Heerscharen – den Menschen die umfassende Freudenbotschaft: Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird: Denn euch ist heute der Heiland geboren …

Wie kann dieser Zauber der heiligen Nacht ausstrahlen in das Neue Jahr? – Vielleicht so, wie es ein Brief meiner Weihnachtspost vorschlägt:
In den Menschen, die zu uns kommen, Könige sehen – und das, was sie mitbringen, als Geschenk wahrnehmen!

Ein von Weihnachtszauber erfülltes, gutes und behütetes 2020!

Vera Utzschneider
(Referat Gymnasium am RPZ)

Textquelle: Schillers Werke in zwölf Bänden, Erster Band (mit Einleitung von Gotthilf Lachenaier), Leipzig 1907, S. 45.

Dezember 2019

Das Leben ist bunt

Dieses Foto habe ich Anfang Oktober auf der Insel Burano gemacht. Das ist eine kleine Insel in der Lagune von Venedig. Auf Burano sind fast alle Häuser farbig angemalt. Die kleinen Plätze sind dadurch knallig bunt. Und das seit Jahrhunderten. Warum wohl? Was soll das? Eine alte Erklärung sagt, dass die Fischer dadurch leichter nach Hause gefunden hätten, wenn es neblig war. Beziehungsweise wenn sie zu viel getrunken hatten. Aber das ist eine Legende. Der eigentliche Grund scheint ein anderer zu sein.

Ich finde ihn mit Blick auf die Nachbarinsel Torcello. Die ist nur 10 Minuten mit dem Schiff entfernt. Im Mittelalter war Torcello viel bedeutender als Venedig. 20.000 Menschen lebten dort. Heute sind es noch vierzehn. Die Malaria (und wahrscheinlich auch die Pest) haben innerhalb kurzer Zeit fast alle Einwohner getötet oder vertrieben.

Aus irgendeinem Grund ist Burano dieses Schicksal erspart geblieben. Burano hat seine Einwohnerzahl seit dem Mittelalter gehalten. Auch hier wütete die Pest. Aber die Menschen sind geblieben. Wer überlebt hat, hat sein Haus angemalt. Das war so etwas wie ein Dankgebet. Gott sei Dank: Wir sind am Leben!

Farben symbolisieren Leben. Grün neben Orange neben Pink. Die bunten Häuser färben ab auf die Menschen. Anscheinend sogar auf die Leute davor. Sie haben alle ihren eigenen Kopf. Ihre eigenen Vorlieben und Geschmäcker. Grün neben Orange neben Pink. Aber keiner mischt seine Farbe in das Haus des Nachbarn hinein. Ich bin ich. Und du bist du. Du bist anders als ich. Gott sei Dank: So ist das Leben!

Das hört sich für mich stark nach Ambiguitätstoleranz an. ;-)
Und? Hat das etwas mit Weihnachten zu tun?
Ich finde: Ja.
Was denken Sie?

Herbert Kolb
(Referat Konfirmationsarbeit am RPZ)

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