Inspirationen

Spirituelle Impulse und Worte zum Nachdenken, geschrieben und gestaltet von Mitarbeitenden des RPZ, jeden Monat neu.

Eine Geschichte ist eine Geschichte, ist eine Geschichte …

Ich mag Geschichten, wenn sie gut erzählt sind, wenn sie mich fesseln, wenn sie meine Gedanken anregen, wenn Bilder in meinem Kopf entstehen, wenn sie mein Herz oder meine Seele berühren. Und es spielt keine Rolle, ob diese Geschichte versucht, ein reales Ereignis zu beschreiben oder die Geschichte in der Gedankenwelt eines Menschen entstanden ist. Eine gute Geschichte bleibt eine gute Geschichte.

Signatur Beuys

Seinen hundertsten Geburtstag feiern wir in diesem Monat. Joseph Beuys war und ist einer der bedeutendsten deutschen Künstler der Gegenwart. Und kaum jemand war und ist auch so umstritten. Am 12. Mai 1921 wurde Joseph Beuys am Niederrhein geboren

Hier sollen nicht sein Werk, seine vielfältigen Installationen und Provokationen, sein politisches Engagement und seine Lehrtätigkeit im Mittelpunkt stehen. Das wird sicher in den Tagen noch genügend geschehen. Es geht hier um eine seiner Geschichten, die er erzählte und die ihn, so er selbst, sehr geprägt hat, vor allem sein besonderes Verhältnis zu Filz und Fett, Stoffe, mit denen er immer wieder experimentiert und sie in seinen Kunstwerken verarbeitet hat.

Joseph Beuys mit Studierenden

Am 16. März 1944 stürzten Joseph Beuys und der Pilot mit ihrer Stuka östlich des Feldflughafens Karankut in der heutigen Ukraine bei Schneefall und schlechter Sicht ab. Die Maschine zerschellte am Boden. Der Pilot starb. Beuys überlebte schwer verletzt. Er wurde unter der Maschine eingeklemmt.

Einen Tag später wurde er ins Lazarett eingeliefert. Später erzählte er gerne diese Geschichte: Tartaren hätten ihn, den Schwerverletzten, gefunden und gepflegt. Sie hätten ihn acht Tage mit Filz gewärmt und seine schweren Wunden mit tierischem Fett behandelt.

Eine wunderbare Geschichte, erklärt sie doch eindrücklich den Hang des Künstlers zu diesen beiden Stoffen. Und doch, es ist eine Geschichte, eine von ihm selbst gut erzählte Narration. Er hat sie so oft erzählt, dass er selbst der festen Überzeugung war: Es war so.

Eine Geschichte ist eine Geschichte ist eine Geschichte. Vielleicht geht menschliches Leben nicht anders. Narrationen helfen, meine eigene Geschichte zu einem Ganzen zu machen. Und manch eine Narration wird zu einem Teil von mir.

Ob das so auch für die biblischen Narrationen gilt?

Hans Burkhardt
(Regionalstelle Unterfranken)

Bildnachweis:
Signatur Beuys: Photo von Husky, Public domain, via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0
Joseph Beuys mit Studierenden: photographed by Rainer Rappmann 1973, Quelle: www.fiu-verlag.com, CC BY-SA 3.0

April 2021

Drei Gebete zu Ostern

Mit Gottes Atem

Mit dem Frühlingswind im Rücken,
mit der Kraft der Ostersonne vor Augen,
mit dem Atem Gottes in unseren Lungen
und der Beschwingtheit eines Liedes in den Füßen
können wir befreit und belebt
in den heutigen Tag und in diese Woche gehen.

So segne und behüte uns Gott,
der uns einzigartig geschaffen hat.
So segne und begleite uns Jesus,
der unser Leiden kennt und den Tod besiegt.
So segne und stärke uns der Heilige Geist,
die Kraft, die uns das Leben schenkt.
Amen

Gerda Gertz
(Referat Mittelschule)

Foto: Oleg Astakhov

Keine Gräber mehr

Gott, wir bitten dich
um deinen Lebenshauch,
um deinen Geist, der uns aufstehen lässt,
um deinen Odem, der uns neue Hoffnung schenkt.

Lass uns nicht länger Gräber schaufeln,
keine Gräber mehr für uns selbst,
keine Gräber mehr für unsere Ideen und Träume.

Lass uns auferstehen
aus dem Grab unserer Missstimmungen,
aus dem Grab unserer Mutlosigkeit,
aus dem Grab unserer Verletzungen.

Begeistere uns täglich von neuem
für die schönen Augenblicke des Daseins,
für beflügelnde Worte,
für die Möglichkeiten, die jeder neue Tag uns gibt.
Du schenkst uns ein Ostern der lebendigen Herzen.
Dafür danken wir dir.
Amen

Gott, nimm die Steine weg

Du, Gott, mein Steine-Wegwälzer,
nimm mir die schweren Steine von meinem Herzen,
den Stein meiner Enttäuschung,
den Stein meiner Resignation,
den Stein meiner Gleichgültigkeit,
den Stein meiner Wut.

Du, Gott, meine Morgensonne,
sei bei mir in düsteren Zeiten und in Finsternissen,
sei mir Licht und Zuversicht,
damit ich Hoffnung sehen
und Wärme spüren kann.

Du, Gott meiner Auferstehung,
erwecke mich zum Leben,
damit ich mich aufrichten und mein Wort erheben kann,
da wo Gerechtigkeit und Menschenwürde
missachtet und niedergetrampelt werden,
damit ich wach und hellsichtig sein kann
für die Menschen, mit denen ich lebe
und mit denen ich arbeite.

So segne und behüte uns Gott,
heute, morgen und in Ewigkeit, Amen.

März 2021

Inspirationen -
so heißt diese Seite ...
weil Inspirationen Schwung verleihen, anregen –
weil Inspirationen einfach so kommen und in uns Lebensgeister wecken.

Inspirationen könnten den Alltag durchbrechen,
gerade jetzt in Zeiten der Pandemie,
in der wir schon so lange eingeschränkt leben,
und in der oft auch unsere Themen eingeschränkt sind.

Inspirationen wünsche ich mir,
um neu hinzusehen und Möglichkeiten zu entdecken
um den Horizont wieder zu weiten für Themen, die in den Hintergrund getreten sind
um Phantasie fürs Miteinander zu entwickeln
um Hoffnung und Kraft zu schöpfen ...

... auf meiner zunächst erfolglosen Suche nach Inspirationen
kam mir eine Frau aus dem Alten Testament wieder in den Sinn:

Hagar – eine Frau, die es schwer hat,
eine, die oft nicht beachtet wird,
die angefeindet wird, eigenen Kopf, eigenen Willen hat,
die sich nicht zufrieden geben will mit ihrer Situation und der ihres Kindes ...
eine, die allein in der Wüste ist, die nicht mehr weiter weiß ...

Das sieht nun gar nicht nach Inspiration aus,
aber gerade in dieser Situation – mitten in der Wüste – findet Hagar zum Leben zurück.
Hagar findet wieder Mut, weil sie spürt, dass Gott ihr Schicksal nicht gleichgültig ist.
Sie fasst ihre Erfahrung in die Erkenntnis "Du bist ein Gott, der mich sieht."
Sie drückt damit aus:
Gott gibt sich zu erkennen als jemand,
dem ich nicht gleichgültig bin, der mich nicht übersieht,
der sich dafür interessiert, was mich beschäftigt,
der danach fragt, was ich brauche und wonach ich mich sehne,
der es mir nicht leicht macht, aber der mir Perspektiven eröffnet,
der die Zukunft offen hält und mich stärkt für die nächsten Schritte.

Mitten in Wüstenzeiten also eine Inspiration "Du bist ein Gott, der mich sieht."

Eine Inspiration,
um offen dafür zu bleiben, wie Gott uns auf unseren Lebenswegen begleitet,
als ein Gott, der jeden einzelnen Menschen sieht,
als ein Gott, der sich uns immer wieder neu zuwendet.

Eine Inspiration,
um von Gott zu erzählen, dem das Schicksal von Menschen nicht gleichgültig ist,
der es uns nicht leicht macht,
aber der Möglichkeiten eröffnet, wo wir sonst nur Einschränkungen wahrnehmen.

Eine Inspiration,
um das Leben mit allen Widrigkeiten immer wieder neu in die Hand zu nehmen.

Eine Inspiration um hinzusehen,
die Menschen sehen – nicht nur die Zahlen;
um die Augen zu öffnen für die unterschiedlichen Themen, die das Leben bestimmen;
um Phantasie und Hoffnung zu entwickeln und Spielräume nutzen.

Susanne Menzke
(Referat Elementarbereich)

Februar 2021

Unser ganzes Leben besteht daraus:

sich äußern, sprechen, Zeichen geben, sich auslassen, ausplaudern, erzählen, formulieren, in Worte fassen, kein Blatt vor den Mund nehmen, mitteilen, seine Meinung sagen, vorbringen, zum Ausdruck bringen, artikulieren, verbalisieren, auspacken, die Katze aus dem Sack lassen, seinem Herzen Luft machen, schnorren, sich verbreiten, labern, faseln, palavern, schwafeln, quasseln, quatschen, sülzen, babbeln, das Wort ergreifen, einen Vortrag halten, eine Rede halten, vortragen referieren, sich austauschen, diskutieren, eine Unterhaltung führen, plaudern, schwatzen, sich unterhalten, kommunizieren, Konversation machen, quatschen, einen Schwatz halten, klönen, schnacken, schwätzen; ratschen, herziehen, sich das Maul zerreißen, lästern, losziehen, tratschen

Mit einem Wort: Reden.

Doch Reden ist nicht gleich Reden. Und nicht alles Reden ist gut.

Schon Sokrates entwickelte die Methode der drei Siebe, um ein gutes Reden von einem schlechten unterscheiden zu können und der Verfasser des Epheserbriefes scheint mir diese drei Siebe im christlichen Sinn verfeinert zu haben. Dort heißt es: Redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören. (Eph 4,29)

Das erste Sieb: Redest Du tatsächlich, was gut ist? Das meint für mich nicht so sehr ein Schönreden. Vielmehr habe ich manche Menschen vor Augen, die die Gabe haben, selbst in schlechten Situationen immer noch ein Auge für das Gute im anderen oder der anderen Situation zu haben. Wenn ich ihnen begegne, dann spüre ich häufig, welch friedvolle Stimmung von ihnen ausgeht – ein Segen für jede Begegnung, jede Gemeinschaft.

Das zweite Sieb: Redest Du etwas, das erbaut? Was für ein altertümliches Wort – erbauen. Aufbauen, den Rücken stärken, Hoffnung geben, trösten wären wohl etwas geläufigere Worte. Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie nicht bei sich bleiben, sondern das Wohl des Anderen suchen. Worte, die den Rücken stärken, sie bilden den Grund für tragfähige Gemeinschaft, die miteinander viel aushalten kann.

Das dritte Sieb: Redest du, was notwendig ist? D. h., was dich, dein Leben essentiell angeht? Manchmal ist es nur eine kleine Bemerkung, eine einzige Frage. Doch sie richtet meinen Blick auf das Wesentliche. "Was willst Du, dass ich Dir tun soll?" Nicht mehr und nicht weniger fragt Jesus den blinden Bartimäus. Jesus ist ein Meister im Reden des Notwendigen. Und führt uns dahin, dass der Kontakt zu unserem Wesen, unserem Ursprung und Ziel, zu unserem Glauben möglich ist.

Reden ist nicht gleich reden. Was nach diesen drei Sieben übrig bleibt, birgt Spuren, wie unser Leben gemeint sein könnte.

Mit einem Wort: Segen.

Unser ganzes Leben baut darauf.

Meike Hirschfelder
(Referat Schulseelsorge)

Januar 2021

Im "Stundenbuch von Besancon", einem Gebetbuch aus dem 15. Jahrhundert, welches ein unbekannter Künstler im Auftrag eines wohlhabenden Pariser Bürgers bilderreich gestaltet hat, findet sich eine sehr besondere, weihnachtliche Szene. 
Die Perspektive ist so gewählt, dass der Betrachter wie durch einen geöffneten Torbogen in den Stall von Bethlehem schaut. 
Links im oberen Bereich sind ein Ochse und ein Esel in einem Gehege zu sehen. Die ganze rechte Bildhälfte nimmt ein Bett ein. Die kräftig rote, mit dezenten, gelben Punkten verzierte Decke zieht als erstes den Blick auf sich. In der Weihnachtszeit wäre eigentlich weiß als liturgische Farbe angesagt. Will der Künstler mit dem eindrücklichen Rot die von ihm gestaltete Szene als ein geistgewirktes Geschehen verstanden wissen?
Aufrecht sitzend, angelehnt am oberen Ende des Bettes, sehen wir Maria mit einem Kopftuch und einem Heiligenschein. In ihren Händen hält sie ein aufgeschlagenes Buch, das vor ihr auf der roten Bettdecke liegt. Sie ist dem Buch zugeneigt und scheint sich ganz darin zu vertiefen. Der Ochse schaut ihr dabei zu mit verwunderten Augen. Wir können vermuten, dass es sich bei dem Buch um die Heilige Schrift handelt. Sie ist halb aufgeschlagen und dort, genau in der Mitte, finden sich die Profeten. Vielleicht liest sie gerade aus Jesaja 11 von dem Reis, der aus dem Stamm Isais hervorgehen und auf dem der Geist der HERRN ruhen wird? Der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN? Möglich, dass die rote Farbe der Decke, auf der die Heilige Schrift liegt, ein Hinweis ist auf den Geist, den die Profeten verheißen haben.
Am unteren Ende des Bettes sitzt Josef auf dem Boden. Sein linker Fuß liegt auf der roten Decke, die über das Fußende des Bettes bis auf den Boden fällt. Auch er hat einen Heiligenschein. In seinen Händen hält er das in Windeln gewickelte Kind. Sein Kopf ist dem des Kindes zugeneigt. So entsteht ein Eindruck von Zärtlichkeit und Geborgenheit. Von oben schaut der Esel zu. Auch er scheint, darin dem Ochsen gleich, diesen eigentümlichen, so revolutionären und emanzipativen Rollentausch noch nicht so ganz zu verstehen. 

"Wenn die Vernunft das eheliche Leben ansieht", so schreibt Luther 1522 im Blick auf die Männer und Väter, "dann rümpft sie die Nase und spricht: Ach, sollt ich das Kind wiegen, die Windeln waschen, Betten machen, Gestank riechen, die Nacht durchwachen, auf sein Schreien achten … hier sorgen, da sorgen?" Luther war noch nicht verheiratet, als er das in seiner Schrift "Vom ehelichen Leben" veröffentlicht hat. Wie viele der Windeln seiner sechs Kinder er später tatsächlich gewaschen hat, wissen wir nicht. Was er aber als Theologe dazu zu sagen hat, ist höchst bemerkenswert. Der Glaube nämlich, so schreibt der Reformator, "sieht alle diese geringen, unlustigen und verachteten Werke im Geist an und wird gewahr, dass sie alle mit dem köstlichsten Gold und Edelsteinen geschmückt sind". Und so, meint Luther, kann ein Mann einen ganz neuen Zugang zur Familienarbeit finden und es als eine von Gott verliehene Würde sehen, "das Kindlein zu wiegen und seine Windeln zu waschen" – und das auch dann, wenn andere ihn als einen "Frauenmann" verspotten. Gott aber "lacht mit allen Engeln und Kreaturen, nicht weil er Windeln wäscht, sondern weil er es im Glauben tut!" (alle Zitate: Martin Luther, Vom ehelichen Leben, in: Kurt Aland, Luther deutsch, 1968, Band 7, S. 297f.)

So gesehen fehlen in dem Weihnachtsbild aus dem Stundenbuch von Besancon nur noch die lachenden Engel, die sich freuen über den Frauenmann Josef mit dem gewickelten Kind – und über Maria, die mit ihrem Studiun der Schriften unterwegs ist zu einer feministischen Theologie.

Helmut Goßler

Bild aus: Kalender „Der Andere Advent“ 2020/2021, Verein Andere Zeiten e.V. Hamburg, www.anderezeiten.de

Dezember 2020

Licht leuchtet durch die Nacht

Die Sehnsucht nach Licht ist in diesem Jahr mehr denn je spürbar. Es ist auch die Sehnsucht nach dem Ende des Coronatunnels, die Sehnsucht nach menschlicher Nähe, Geborgenheit, Hoffnung auf ein Stück Normalität. Aber was ist normal? Schauen wir zurück in die Geschichte unseres Umfeldes, unseres Landes oder Europa, gibt und gab es immer dunkle Zeiten. Persönlich, familiär, gesellschaftlich braucht es Menschen, die Hoffnung verbreiten, Lichtträger*innen sind.

Von einer Lichtträgerin erzählt eine alte Legende.

Mitten in der dunkelsten Zeit des Jahres, am 13. Dezember ist ihr Gedenktag. Es ist die Hl. Lucia, die im 3. Jahrhundert in Syrakus, dem heutigen Sizilien lebte. Als Tochter einer angesehenen römischen Familie kam sie mit dem christlichen Glauben in Verbindung und bekannte sich bald dazu. In Zeiten der Christenverfolgung war das sehr gefährlich, so erzählte sie niemandem etwas davon. Der Vater starb früh und als die Mutter schwer erkrankte und die Tochter vermählen wollte, betete sie und unternahm eine Wallfahrt. Als die Mutter gesund wurde, empfand sie dies als Wunder und erlaubte ihrer Tochter die Verlobung zu lösen. Lucia gründete mit ihrem Vermögen eine Armen- und Krankenstation. Zu dieser Zeit versteckten sich die verfolgten Christen in den Katakomben der Stadt. Als Frau war sie nicht so gefährdet, so machte sie sich in der Nacht auf den Weg, um Lebensmittel in die Verstecke zu bringen. Damit sie beide Hände frei zum Tragen hatte, setzte sie sich einen Lichterkranz auf den Kopf. Der verschmähte Verlobte hat davon erfahren und sie angezeigt, so wurde sie verurteilt und starb als Märtyrerin.

Bis heute wird Lucia als Lichtträgerin besonders in skandinavischen Ländern gefeiert. Mädchen mit Lichterkränzen ziehen durch die Straßen, erzählen von dem Licht, das an Weihnachten in die Welt kommt und verteilen Ingwerbrötchen. Sie tragen das Licht weiter. Gerade in unsicheren Zeiten, wenn der Blick auf die Zukunft verdeckt ist, die Sorgen und Ängste sich breit machen, tut es gut, wenn Menschen zu Lichtträger*innen werden. Lassen Sie uns das Licht teilen, ein gutes Wort, ein freundlicher Blick, durch kleine Gesten Zuversicht verbreiten.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen eine lichtvolle Zeit mit der Erfahrung, dass Christus, das Licht, die Nacht erhellt.

Gerlinde Tröbs
Referat FRED/FOKED/Ganztagsschule am RPZ Heilsbronn

November 2020

"Wenn dein Kind dich morgen fragt…"

Kinder fragen viel – sie fragen manchmal sehr viel. Sie fragen nach allen möglichen Dingen, nach Alltäglichkeiten, über die ich mir als Erwachsener keine Gedanken mache ("Warum heißt der Sattelschlepper eigentlich Sattelschlepper?", hat mich zum Beispiel mein Dreijähriger neulich nach dem Kindergarten gefragt). Und manchmal berühren Kinderfragen auch grundlegende existentielle Dimensionen. Fordern heraus, über das eigene Leben und eigene Ansichten nachzudenken.

Die Bibel führt das etwa im fünften Buch Mose vor Augen: "Wenn dein Kind dich morgen fragt", beginnt dort der Vers 20 im sechsten Kapitel. Für den jüdischen Glauben ist diese Stelle bis heute sehr zentral. Aber auch ich als Christ lasse mich von ihm ansprechen und hinterfragen. Kindlich ungeniert fragt dieser Bibelvers danach: "Wovon lebst du eigentlich? Was gibt dir die Kraft zum Leben? Was gibt dir Halt? Selbst dann, wenn alle anderen Fundamente des Lebens ins Wanken geraten?"

Solche Fragen bringen mich zum Nachdenken. Über mich, mein Leben, meinen Glauben an Gott und meine Zweifel. Im Buch Deuteronomium verbindet sich dieser Satz mit der Erinnerungskultur an das befreiende Handeln Gottes, das mit dem Exodus des Volkes Israel aus der ägyptischen Knechtschaft überliefert ist und das immer wieder dort besondere Aktualität bekommt, wo Menschen Ungleichheit, Benachteiligung, Gewalt und Ohnmacht erfahren. Diesen Mächten steht der Gott des Exodus entgegen. Diese Bilder prägen auch meinen Glauben zutiefst. Es ist ein Glaube daran, dass es Leben gibt – selbst dort, wo alles tot erscheint. Dass Gott das Dunkel kennt und durchlebt – und er befreit. Es ist der Glaube an einen parteiischen Gott, der sich von der Verzweiflung seiner Geschöpfe anrühren lässt und für sie Partei ergreift.

"Wenn dein Kind dich morgen fragt…". Dieser Satz erinnert mich aber auch an etwas anderes. Daran, dass die wirklich großen Fragen nicht auf eindeutige Antworten abzielen. Glaube lebt vom Dialog. Er ist eben keine Privatsache, die nur mich etwas angeht. Wir brauchen Menschen, die uns von ihrem Glauben erzählen und Menschen, die wir nach ihrem Glauben fragen können. Und wir sind selbst herausgefordert, von unserem Glauben zu erzählen, uns be- und hinterfragen zu lassen – ohne darauf schnelle Antworten zu geben.

In den vergangenen Monaten wurden und werden so viele Selbstverständlichkeiten auf den Kopf gestellt und ausgehebelt. Der Druck in vielen Familien und auf viele Seelen von Erwachsenen und Kindern ist unaufhaltsam gewachsen. Wenn dich dein Kind – oder irgendjemand anderes – in dieser Situation danach fragt, wovon du lebst. Wovon wirst du dann erzählen?

Patrick Grasser
Referat Inklusion am RPZ Heilsbronn

Oktober 2020

Der Philosoph Arthur Schopenhauer erzählte eine kleine Geschichte:

Mehrere Stachelschweine sind an einem kalten Wintertag zusammen. Sie haben das Bedürfnis nach Wärme und kuscheln sich zusammen. Doch die Stacheln pieksen und nach einer Zeit haben die Stachelschweine solche Schmerzen, dass sie auseinanderrücken müssen. Jetzt frieren sie wieder. Sie suchen so lange nach einem für alle erträglichen Abstand, bis das Bedürfnis nach Wärme, ohne Schmerzen zu verursachen, gestillt ist.
Für Schopenhauer selbst stehen die Stachelschweine für die Menschen, die um den richtigen Abstand zwischen Nähe und Distanz ringen. Solidarität und Nähe sind ein Grundbedürfnis der Menschen, meint er, aber es gibt eben auch Menschen mit schlechten Charaktereigenschaften, die sehr stachelig sind.

Das Ringen um Nähe und Distanz, Abstand halten und sich doch nahe sein: Das beschäftigt uns in der Coronazeit besonders. Maske tragen und Abstand halten verringern nachweislich die Ansteckungsgefahr, schützen vor allem gefährdete Menschen zu erkranken und einen schlimmen Krankheitsverlauf erleben zu müssen. Gleichzeitig wird das Bedürfnis nach Nähe immer größer. Wir sind nun mal soziale Wesen, leben davon in Gemeinschaft zu sein, zusammenzusitzen, miteinander zu reden, zu feiern, zu lachen, zu singen. Und sich in den Arm zu nehmen. Vor Corona gab es Initiativen und Seminare wie spontanes Umarmen in Fußgängerzonen oder Kuschelworkshops. Beides wurde gerne angenommen. Das alles geht momentan nicht. Was macht das mit uns Menschen? Besonders Kinder haben jetzt teilweise schon so einen skeptischen, ängstlichen Blick, wenn sie mir begegnen, dass es mir das Herz zusammenzieht. Wird die soziale Kälte größer? Verwerfen wir einfach das Gebot Abstand zu halten und gefährden damit vielleicht andere? Ist das Bedürfnis nach individueller Freiheit größer als der Schutz der Gemeinschaft und des Nächsten? Erfrieren wir bald aus Mangel an Nähe oder gelingt es uns den richtigen Abstand zueinander zu finden?

Ein paar Fragen zum Nachdenken…

Stachelschweine haben übrigens ihre eigene Strategie entwickelt:

Ihre Sabine Keppner
Referentin für die Grundschule im RPZ Heilsbronn

September 2020

Unter anderem - von tiefen Tälern

Vor Urzeiten lebte ein Bauer in Palästina. Joab sein Name, und es war gerade ein Jahr her, dass seine Frau bei der Geburt des dritten Kindes gestorben war. Trauer und Verzweiflung hatten ihn gepackt, viele Tränen waren geflossen – aber das war nun schon ein Jahr her. Joab hatte wieder eine Frau gefunden. Das Glück war in sein Leben zurückgekehrt.

An einem angenehm kühlen Abend sitzt er auf einem kleinen Hügel, der Regen hat das Gras saftig grün wachsen lassen und die Abendsonne wärmt ihn behaglich. Er beobachtet seine Hirten, die seine Schafe weiden. Der Wind bläst den Schafsgeruch und das zufriedene Blöken der Tiere zu Joab hin. Er beobachtet, wie die Tiere zur Tränke geführt werden – und da kommt ihm ein Bild in den Sinn: "Mir geht es wie meinen Schafen! Ich habe zu essen, den beiden Kindern geht es gut, ich bin zufrieden und glücklich. Wie das Schaf eines guten Hirten.“ Aber da spürt er wieder diesen Schmerz der Trauer in seinem Herzen. Und sein Blick schweift zum Horizont, den düsteren Bergen dort mit ihren zerklüfteten Schluchten, die zu sehen sind. "Wie in einer tiefen Schlucht hab ich mich gefühlt, steile Felswände und kein Ausweg!“ Er stützt schwer den Kopf in die Hände. Aber dann spürt er die Abendsonne auf der Haut – und sie scheint auch seine Gedanken zu erwärmen – er hebt den Kopf. "Aber auch da war ich nicht alleine! Ich habe wieder Lebensmut gefunden!“ Nochmals blickt er zu den friedlich grasenden Schafen: "Wenn ich das nur aufschreiben könnte, so ein schönes Bild  für meine Gefühle – wenn ich nur dafür die richtigen Worte hätte.“

Diese Erfahrung lässt Joab nicht los. Immer wieder kreisen in den nächsten Wochen seine Gedanken um diesen Abend.
Ein Monat ist nun vergangen. Joab macht sich mit den anderen Familien seines Stammes auf den Weg zu einem Fest in die Hauptstadt Jerusalem. Im Tempel tönen ihm unzählige Stimmen entgegen, der Klang der Hörner und Trommeln. Die Luft ist erfüllt vom Geruch nach Blut und verbranntem Fleisch von den Opfern. Vertraute Gebete und Lieder dringen an sein Ohr.
Er bahnt sich einen Weg durch die Menschenmenge zu einem der Tempelschreiber, eigentlich sind sie mehr Dichter, Künstler des Wortes. Und Joab, der einfache Bauer, nimmt seinen Mut zusammen und spricht einen dieser Schreiber an. "Ich hatte ein Erlebnis, das mich nicht mehr loslässt!“ Er erzählt von jenem Abend und der Schreiber hört ihm aufmerksam zu. "Kannst du das aufschreiben?“, fragt Joab – der Schreiber nickt und es formen sich bereits Worte in seinem Kopf. "Komm wieder am Ende des Festes zu mir, ich werde versuchen dein Erlebnis in gute Worte zu fassen.“
Nach zwei Tagen, als das Fest zu Ende ist, geht Joab nochmals zu dem Schreiber. Dieser blickt zufrieden zu Joab auf. "Es ist ein schönes Lied geworden!“, sagt er, greift sich eine Wachstafel und beginnt zu sprechen, ohne dass er auf die Tafel blicken muss:

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue, und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße, 
um seines Namens Willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, 
dein Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde, 
Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkst mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen
mein Leben lang
und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

Joa ist ergriffen! Mehrmals lässt er sich das Lied, oder ist es ein Gebet, vorsagen, bis er es selbst auswendig kann. Auf dem Heimweg trägt er es seiner Frau und der Familie vor. Oft spricht er es laut am Abend, wenn er dem Sonnenuntergang zuschaut.
Als er im nächsten Jahr wieder in Jerusalem ist, glaubt er seinen Ohren nicht zu trauen, als er andere Menschen "sein“ Lied sprechen hört – und wie würde Joab erst staunen, wenn er heute Menschen hören würde, die sein Lied auswendig können!

So könnte der Psalm entstanden sein und sein Gehalt ist wahr wie eh und je, auch in Zeiten, in denen manches anders ist als gewohnt.

Ulrich Jung
(Referat Förderschulen)

Juli / August 2020

Da kam die Botschaft der Ewigen zum zweiten Mal und berührte ihn:
"Steh auf, iss, denn der Weg, der vor dir liegt, ist weit!"

Monatsspruch Juli 2020, 1. Kön 19,7

Die "Botschaft der Ewigen"? Ich stolpere beim Lesen über diese Formulierung. Die Luther-Variante "Der Engel des Herrn" ist mir vertrauter. Das Bild von dem Engel, der Elia Essen bringt, ist so schön anschaulich. Ich habe auch gleich eine Illustration vor Augen, die ich hie und da für Andachten verwendet habe.

Die "Botschaft der Ewigen". Es leuchtet mir ein, von der Botschaft¹ zu sprechen und nicht vom Boten oder der Botin selbst. Manchmal treten eben die Überbringer*innen hinter das Mitgeteilte zurück. Aber wie ist das mit der Ewigen? Wo ich doch so an die männliche Sprachform gewöhnt bin. Ich weiß, dass in der "Bibel in gerechter Sprache" mit der Vielfalt des Gottesnamens gespielt wird. Ich mag das. Es regt mein Denken an, mein Hinterfragen.

Ich blättere ein paar Seiten nach vorne. In Kapitel 17 stutze ich. Elia erhält die Aufforderung, zu einer Frau zu gehen und sich von ihr versorgen zu lassen. Er fordert von ihr Wasser und Brot, in Zeiten der Dürre und des Hungers. Und dann das Unglaubliche: Mehl und Öl gehen nicht zur Neige. Sie werden satt.

Da entdecke ich Raffinesse und Klugheit im Zusammenspiel der Speisungen von Kapitel 17 und 19. Sind nicht die Frau und die Botschaft der Ewigen zu vergleichen? Stärkung aus Frauenhand?

Ich schmökere weiter und bin verblüfft. Noch eine Frau und eine Göttin sind Mitspielerinnen in dieser Elia-Erzählung. Isebel, die Königin, und Aschera, die Göttin. Isebel wird die Rolle der Gegenspielerin auf den Leib geschrieben. Sie ist die Böse und Elia läuft um sein Leben. Bis er von der Botschaft der Ewigen berührt und gesättigt wird.

Staunend sitze ich vor meiner Bibel. Wie alt bin ich jetzt? Wie oft habe ich die Elia-Geschichte schon gelesen? Und noch nie war mir aufgegangen, dass so viele Frauen und weiblich-göttliche Aspekte in diese Texte eingewoben sind. Der Botschaft der Ewigen sei Dank.

Ihre Gerda Gertz
Referentin Mittelschule

¹ https://www.bibel-in-gerechter-sprache.de/die-bibel/glossar/?malach
Bibelvers: Bibel in gerechter Sprache © 2006
Foto: Oleg Astakhov

Juni 2020

Das Geist-Gespenst

Zum ersten Mal habe ich es vor etwa 10 Jahren gesehen. In der Illustration zu einem Konfi-Spruch: "Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit." (2. Tim 1,7) Da waren vier Bilder dargestellt: Ein durchgestrichenes Gespenst, ein Arm mit dickem Bizeps, ein Herz und - eine Sonne. Auf die Be-Sonnen-heit will ich hier nicht näher eingehen. Das war ja auch erst mein zweiter Seufzer. Der erste hing mit dem Gespenst zusammen. Oh nein! So also stellen sich Konfis den Geist vor! Aber klar ...!

Kurz danach ist es mir wieder begegnet, das Geist-Gespenst. Diesmal bei einer Installation zum Glaubensbekenntnis. Eine Gruppe von Teamer*innen sollte die Aussage "empfangen vom Heiligen Geist" kreativ darstellen. Auf einem Flipchart-Bogen schwebte das Geist-Gespenst - mit einem Heiligenschein! Natürlich ist diese Darstellung naheliegend: Geister spielen für Kinder und Jugendliche durchaus eine Rolle, zum Beispiel an Halloween. Weißes Bettlaken mit zwei (oder drei) großen, dunklen Löchern - schon bin ich ein Gespenst! Aber wie finde ich von hier aus die Verbindung zum Heiligen Geist?

Wieder einige Zeit später: In einem Artikel lese ich, dass die iroschottischen Mönche im Mittelalter die lateinischen Wörter für Geist - spiritus bzw. animus - mit ghost übersetzt hätten. Und plötzlich sehe ich die Verbindung, fast unmittelbar vor meinem "inneren Auge": Ich sehe ein altes, zugiges Schloss, in dem ein humorvolles, kleines Gespenst sein Unwesen treibt. Hier fällt plötzlich ein Becher vom Sims, dort eine Tür krachend ins Schloss. Und der Kronleuchter schwingt bedrohlich hin und her. Das Gespenst selbst sehe ich nicht. Aber wegen all dieser Bewegungen weiß ich: Hier wohnt ein Schlossgespenst. Das ganze Haus ist beherrscht, erfüllt von einem ghost.

So ähnlich steht es ja auch in der Apostelgeschichte: "Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. ... Und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist ..." (Apg 2,2.4)

Der Unterschied zu meinem Bild vom irischen Schlossgespenst ist wesentlich: In der Pfingstgeschichte geht es um den Heiligen Geist. Um den mit dem Heiligenschein. Um den Geist Gottes. Wenn ich - mit dem 1. Johannesbrief - "Gott" mit "Liebe" gleichsetzen darf, dann ist es den Geist der Liebe, der da herrscht. In diesem ganzen Haus, in dem die Jüngerinnen und Jünger Jesu sitzen. Und in jeder und jedem von ihnen. Dieser Geist herrscht in den Leibern der Jüngerinnen und Jünger Jesu. Dieser Geist ist von Jesus auf sie übergesprungen und hat sie infiziert. Dieser heilige Geist bestimmt die Ausrichtung ihres Lebens. Ihr Denken, Fühlen und Handeln. Die alten Geister, die klein machen und fesseln; die im Anderen und Fremden einen Feind sehen - diese bösen Geister spielen plötzlich keine Rolle mehr. Jedenfalls für die, die vom gleichen Geist beseelt sind wie Jesus.

Ja, das ahnten meine Konfis wohl schon vor mir! ;-)

Eine anregende, pfingstliche Zeit wünscht Ihnen

Herbert Kolb, Referent für Konfirmationsarbeit

Mai 2020

"Ach gäb es doch ein Jahr aus lauter Mai!"

Jetzt ist Mai - dieser herrliche, wunderbare Monat, in dem der Frühling von Kraft nur so strotzt.

Die Tage werden länger, der Himmel weit.  
Das Herz geht einem auf, und man hält´s fast nicht aus:
"O gäb es doch ein Jahr aus lauter Mai", schrieb der Dichter Erich Kästner, wir kriegen nie genug. Und so schwingt mit dem kostbaren Mai auch ein bitteres Gefühl mit: Dass wir ihn nicht festhalten können.

Ich war eine junge Frau, fuhr durch einen strahlenden Mai-Tag … und plötzlich war´s wie eine Vision:
Was ich vor Augen hatte, war wie ein Foto - und dann: Sie kennen diese Bürostempel, auf denen zum Beispiel "Eingang" steht oder "Erledigt" - so sah für mich plötzlich aus, was ich sah - jedes schöne Maibild bekam dick einen Stempel drauf:
"Vergänglich."  - "Vergänglich." -  "Vergänglich."

Die ganze lange Autofahrt wurde ich das nicht los: Auf jedem schönen Anblick dieses "Vergänglich", "Vergänglich".

Und im Auto hinter mir saßen die kleinen Kinder! Und ich wusste - auch dieses Familienleben mit den Kleinen, ihrem Mai, und mein Lebensmai, das Mamasein: Alles vergänglich.

Es tat so weh …  und ließ mich nicht mehr los, weit über jene Fahrt im Mai hinaus blieb dieser Vergänglichkeitsschmerz.

Kästner schreibt: "Auch Glück kann weh tun. Auch der Mai tut weh", der echte Mai - und der des Lebens.

Mit den Jahren aber wurde ich wütend: Das kann nicht sein, dass die Vergänglichkeit alles Erleben so abstempelt, dass sie mir die Freude nimmt, während doch noch alles leuchten könnte!

Ich stemmte mich dagegen aus Trotz, verteidige mein Lebensglück. Die Vergänglichkeit zeigte mir, wie kostbar ist, was sie mir nimmt, und ich wollte es ihr keinen Tag zu früh überlassen ...
Aber Trotz allein genügt nicht, und Abwehr macht müde.

Der Schlüssel wurde die Dankbarkeit.
Beginnt es eng zu werden im Hals aus Angst "ach, der Mai vergeht, das Leben verrinnt", zwinge ich mich zum Dank!
Und statt den Stempel zu sehen, sehe ich das Bild genauer, die Details, Blüten, Blätter, Wiesengrund und Wegrand, Himmelsblau und Sonnenlicht, Kinderfüße und Kinderhaar, meine Mamaarme und Mamaarbeit  und nehme die Fülle auf, sauge sie auf, tief, vergifte sie nicht mit Vergänglichkeit, sondern wecke ein - irgendwo, in einem unbekannten Platz der Seele, ganz bewusst.

Zum Schlüssel gegen die Angst wurde ein Lied:
"Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen.
Erzählen will ich von allen seinen Wundern
und singen seinem Namen.
Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen.
Ich freue mich und bin fröhlich, Herr, in Dir. Halleluja. Ich freue mich und bin fröhlich, Herr, in Dir. Halleluja."

Nun sind die Kinder groß - und doch noch meine Kinder.
Ich werde alt - und riech doch noch ihren Babygeruch.

Es ist wieder Mai – und ich will mich nicht fürchten, sondern sag:  Schau Mai, ich bin noch da, Dich zu sehen! Ich leb noch - und ich bin dankbar und froh.

Katharina Kemnitzer, zum 1. Mai 2020

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