Inspirationen

Spirituelle Impulse und Worte zum Nachdenken, geschrieben und gestaltet von Mitarbeitenden des RPZ, jeden Monat neu.

"Ach gäb es doch ein Jahr aus lauter Mai!"

Jetzt ist Mai - dieser herrliche, wunderbare Monat, in dem der Frühling von Kraft nur so strotzt.

Die Tage werden länger, der Himmel weit.  
Das Herz geht einem auf, und man hält´s fast nicht aus:
"O gäb es doch ein Jahr aus lauter Mai", schrieb der Dichter Erich Kästner, wir kriegen nie genug. Und so schwingt mit dem kostbaren Mai auch ein bitteres Gefühl mit: Dass wir ihn nicht festhalten können.

Ich war eine junge Frau, fuhr durch einen strahlenden Mai-Tag … und plötzlich war´s wie eine Vision:
Was ich vor Augen hatte, war wie ein Foto - und dann: Sie kennen diese Bürostempel, auf denen zum Beispiel "Eingang" steht oder "Erledigt" - so sah für mich plötzlich aus, was ich sah - jedes schöne Maibild bekam dick einen Stempel drauf:
"Vergänglich."  - "Vergänglich." -  "Vergänglich."

Die ganze lange Autofahrt wurde ich das nicht los: Auf jedem schönen Anblick dieses "Vergänglich", "Vergänglich".

Und im Auto hinter mir saßen die kleinen Kinder! Und ich wusste - auch dieses Familienleben mit den Kleinen, ihrem Mai, und mein Lebensmai, das Mamasein: Alles vergänglich.

Es tat so weh …  und ließ mich nicht mehr los, weit über jene Fahrt im Mai hinaus blieb dieser Vergänglichkeitsschmerz.

Kästner schreibt: "Auch Glück kann weh tun. Auch der Mai tut weh", der echte Mai - und der des Lebens.

Mit den Jahren aber wurde ich wütend: Das kann nicht sein, dass die Vergänglichkeit alles Erleben so abstempelt, dass sie mir die Freude nimmt, während doch noch alles leuchten könnte!

Ich stemmte mich dagegen aus Trotz, verteidige mein Lebensglück. Die Vergänglichkeit zeigte mir, wie kostbar ist, was sie mir nimmt, und ich wollte es ihr keinen Tag zu früh überlassen ...
Aber Trotz allein genügt nicht, und Abwehr macht müde.

Der Schlüssel wurde die Dankbarkeit.
Beginnt es eng zu werden im Hals aus Angst "ach, der Mai vergeht, das Leben verrinnt", zwinge ich mich zum Dank!
Und statt den Stempel zu sehen, sehe ich das Bild genauer, die Details, Blüten, Blätter, Wiesengrund und Wegrand, Himmelsblau und Sonnenlicht, Kinderfüße und Kinderhaar, meine Mamaarme und Mamaarbeit  und nehme die Fülle auf, sauge sie auf, tief, vergifte sie nicht mit Vergänglichkeit, sondern wecke ein - irgendwo, in einem unbekannten Platz der Seele, ganz bewusst.

Zum Schlüssel gegen die Angst wurde ein Lied:
"Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen.
Erzählen will ich von allen seinen Wundern
und singen seinem Namen.
Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen.
Ich freue mich und bin fröhlich, Herr, in Dir. Halleluja. Ich freue mich und bin fröhlich, Herr, in Dir. Halleluja."

Nun sind die Kinder groß - und doch noch meine Kinder.
Ich werde alt - und riech doch noch ihren Babygeruch.

Es ist wieder Mai – und ich will mich nicht fürchten, sondern sag:  Schau Mai, ich bin noch da, Dich zu sehen! Ich leb noch - und ich bin dankbar und froh.

Katharina Kemnitzer, zum 1. Mai 2020

April 2020

Was brauchen sie? Fragen!

Ich merke, dass manche meinen, ich bräuchte in dieser Zeit der Herausforderung durch das Virus und andere Situationen besonders witzige und mehr Nachrichten als sonst auf meinem Handy. Ich habe gerade genug von Toilettenpapier-Filmchen (muss allerdings zugeben, dass ich auch solche verschickt habe …), von kursierenden Sätzen wie "Am Wochenende ist Zeitumstellung. Eine Stunde weniger daheim." oder von einer weiteren Idee, was man zur vollen Stunde über Balkons, Straßen, Dörfer, Städte, Bundesländer und Länder hinweg machen kann.

Ich finde, da sind echt gute Ideen dabei. Genug gute Ideen für genug volle Stunden. Besonders hat mich das Verbundensein über das Lied "Der Mond ist aufgegangen" angesprochen – "… in der Dämmrung Hülle … traulich … des Tages Jammer verschlafen … in Gottes Namen … lass´ uns ruhig schlafen und unsern kranken Nachbarn auch."

Damit es möglichst wenig kranke Nachbarn gibt, darum bleibe ich gerne zu Hause – zum Schutz für uns und möglichst alle. Und gleichzeitig denke ich an Menschen, die damit Schwierigkeiten haben könnten. Ich denke an eine 12jährige Schülerin. Mir ihr und ihrer alleinerziehenden Mutter sind wir befreundet. Leider wohnen sie nicht nebenan. Die Schülerin ist vormittags allein zu Hause, weil ihre Mutter in einem Pflegeheim arbeitet. Sie bekommt fast täglich einen Anruf ihrer Lehrerin, damit sie mit den Hausaufgaben gut weiter machen kann. Hut ab. Und sie übt sich in unerwarteter Geduld und wartet mit dem Rausgehen, bis ihre Mutter daheim ist. Und sie freut sich natürlich riesig über ihr WLAN zu Hause, damit sie möglichst viele digitale Kontakte haben kann. Unter normalen Umständen ist sie sehr wenig zu Hause. Hut ab vor ihrer Geduld.

Sie braucht regelmäßig Gespräche. Gerne würde ich meinen Hut aufsetzen, ins Auto steigen und zu ihr fahren. Hut nicht auf. Handy nehmen.

Was braucht sie eigentlich? Ich frage sie. Wenn ich nicht frage, entwickle ich meine Fantasien. Das Motto der Sesamstraße trifft mal wieder genau zu: Wer nicht fragt, bleibt dumm. Wenn ich nicht frage, dann deute ich die Situation für jemand, ohne ihn oder sie selbst deutend antworten zu lassen. Jesus hat Bartimäus auch gefragt "Was willst du, dass ich dir tun soll?" Fragen wir sie - vielleicht so:

  • Du hast jetzt schon eine lange Zeit der Schulschließung erlebt. Was hat dir geholfen, zu Hause etwas für die Schule zu machen?
  • Erzähl mir, wenn du bei etwas Spaß hattest oder etwas gerne gemacht hast. Das kann die Schule betreffen oder etwas anderes.
  • Nicht immer geht es uns gut, wenn wir so viel daheim oder allein bleiben sollen. Was fehlt dir?
  • Jemand schreibt dir eine WhatsApp, dass ihr oder ihm langweilig ist. Hast du einen Tipp für sie oder ihn?
  • Wenn du wütend auf die Situation bist, was machst du dann?
  • Vielleicht hast du in dieser Zeit auch Gedanken, die mit Gott oder mit Glauben zu tun haben. Mich würden sie interessieren.
  • Wie kann ich dich unterstützen?

Wer möchte, mailt diese Fragen / Anregungen weiter. Vielleicht möchte mir jemand Antworten weiterleiten (ohne Nennung von Namen) oder eigene Gedanken schreiben und ich sammle sie und stelle sie am Ende des Monats hier wieder in die Inspirationen.

Gerne an: claudia.duerr[at]rpz-heilsbronn.de (Betreff: Inspiration April)

Herzliche Grüße,
achten Sie auf sich und auf die anderen / passt gut auf euch und auf die anderen auf. Gott begleite uns.

Claudia Dürr
(Referat Pädagogische Ausbildung im Vikariat)

März 2020

Juden feiern Purim

Am Vorabend des 14. Adar beginnt "Purim", so etwas wie ein "jüdischer Karneval". Es ist eines der farbenfrohesten, fröhlichsten jüdischen Feste – und vielleicht das mit der ausgelassensten Stimmung.

Groß und Klein verkleiden sich. Waren es früher eher biblische Figuren wimmelt es heute nur so von Mickey-Mäusen, Käfern, Schneewittchen, Batmans, Power Rangers, Spidermans und vielen anderen Gestalten. Doch so ganz können moderne Zeiten den prächtigen König Ahasveros, den weisen Mordechai und vor allem die Königin Ester nicht zu verdrängen, die Hauptpersonen hinter der Narration zu diesem Fest.

Juden feiern mit dem Purimfest, das in diesem Jahr auf den 10. März fällt, den Untergang des persischen Großwesirs Haman. Er wollte, so die Erzählung, im 5. Jahrhundert vor Christus das jüdische Volk ausrotten. Diese Ereignisse werden im biblischen Buch Ester berichtet. "Es gibt ein Volk, zerstreut und abgesondert unter allen Völkern in allen Ländern deines Königreichs", begründete Haman seinem König die Strategie, "ihr Gesetz ist anders als das aller Völker und sie tun nicht nach des Königs Gesetzen" (Ester 3,8).

Das Buch Ester ist mit viel Witz und Ironie geschrieben. Gewissermaßen aus Versehen wählt sich der mächtige Perserkönig Ahasveros, in Geschichtsbüchern als "Xerxes" erwähnt, eine Jüdin zur Frau (Ester 2). Stolz wähnt sich Haman auf dem Gipfel seiner Karriere, als der König ihn fragt: "Was soll man dem Mann tun, den der König gern ehren will?" (Ester 6,6) – um erfahren zu müssen, dass er ausgerechnet seinem Erzfeind Mordechai die Ehre zuteilwerden lassen soll, die er sich selbst erträumt hatte. Am Ende schafft es Esther, dass das Volk gerettet wird.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde Purim ein Fest des Sieges über jeglichen Judenhass und Antisemitismus. Die Ausgelassenheit und die Verkleidungen werden als "lange Nase" erklärt, die das jüdische Volk seinen Hassern und allen vergeblichen Vernichtungsversuchen macht. Purim ist ein freudiger Gedenktag der Einheit und Freundschaft, an dem auf nichts verzichtet werden muss: Es darf gegessen, getrunken und gefeiert werden.

Aus jüdischer Sicht genießt Purim leider immer noch und erneut wieder eine hohe Aktualität, weil das bloße Existenz- und Selbstbestimmungsrecht des Volkes Israel bis heute von Mitgliedern der weltweiten Völkergemeinschaft offen bestritten wird und Antisemitismus wieder um sich greift, auch hier in Deutschland.

Hans Burkhardt
(Regionalstelle Unterfranken)

Februar 2020

"Böse Geister" - ?

Geheimnisvoll, etwas unheimlich und verlassen steht das Haus zwischen dunklen Bäumen. Ob es da spukt, ob sich böse Geister darin herumtreiben?
Na klar, so ein Unfug. So etwas gibt es nur im Fernsehen und in Gespenstergeschichten – und in biblischen Texten.

Wie kann ich als aufgeklärter Mensch des 21. Jahrhunderts mit biblischen Geschichten umgehen, in denen Jesus böse Geister austreibt? Die Geschichte in Mk 9, 14-29 ist ein besonders eindrückliches Beispiel. Dort wird von einem Jungen berichtet, der an Epilepsie leidet. Die Beschreibung der Symptome ist eindeutig. Die Bibel aber, ganz im Geist der Zeit vor 2000 Jahren, interpretiert diese Krankheit als Besessenheit mit einem bösen Geist. Es war selbstverständlich, dass man Krankheiten, die man sich ja nicht erklären konnte, mit Übersinnlichem, mit bösen Geistern in Verbindung brachte. Es war damals genauso selbstverständlich, wie wir heute Krankheiten mit Bakterien, Viren oder Gendefekten in Verbindung bringen.
Auf diesem Hintergrund liest sich der Text ganz anders. Der Vater und alle Umstehenden sind der Krankheit gegenüber völlig hilflos, weil sie von Besessenheit und übermächtigen Dämonen ausgehen. Aber was macht Jesus: er befiehlt dem Geist einfach auszufahren. Man könnte es auch anders übersetzen: "Schaut doch einmal hin - das sind keine Dämonen, die Macht haben. Die Dämonen sind nur in euren Köpfen. Es gibt nur einen, der Macht hat, und das ist Gott!“ Vielleicht hat sich der Vater gedacht: "Aber wie soll ich das glauben? Ich erlebe doch immer wieder, wie meinem Kind Unerklärbares widerfährt und ich stehe ihm machtlos gegenüber.“ Es war für den Vater wirklich eine Herausforderung, wenn Jesus zu ihm sagte, er solle doch glauben. Was der Vater erlebte, war seine eigene Machtlosigkeit. Wie sollte er sich sonst erklären, dass so etwas Schreckliches wie diese Krankheit existiert, wenn nicht Dämonen dafür verantwortlich sind. Aber Jesus fordert den Vater dazu auf, auch diese Krankheit als Teil der guten Schöpfung Gottes anzusehen. Es sind keine Dämonen, die hier am Werk sind! Auch Krankheiten, Behinderungen und vieles andere, was wir uns nicht erklären können und was uns belastet, sind Teil dieser guten Schöpfung Gottes.
Aber was hat das für Konsequenzen? Wenn die unerklärbaren Verhaltensweisen des Sohnes, die ihre Ursache in einer Krankheit haben, als etwas Normales betrachtet werden, wird die Möglichkeit eröffnet damit angemessen umzugehen. Es wird, so wie es für uns heute selbstverständlich ist, zu einer behandelbaren Krankheit. Viel wichtiger aber ist die Folge für den erkrankten Jungen. Er wird zu einem Menschen, dem nicht mehr das Stigma einer Besessenheit anhängt, sondern er kann wieder als Mensch gesehen werden, der Teil von Gottes guter Schöpfung ist, auch wenn eine Erkrankung sein Leben erschwert.

Bei der Arbeit in der Schule erleben Lehrkräfte Situationen, die ähnlich schwer zu verstehen sind wie es epileptische Anfälle für die Menschen zur Zeit Jesu waren. Es gibt nicht selten Kinder, die, wie man heute so schön sagt, ein herausforderndes Verhalten haben. Mit anderen Worten, sie führen sich schrecklich auf. Sie können sich nicht beherrschen, es fehlt ihnen an der Fähigkeit sich selbst zu steuern. Es kommt vor, dass ein Schüler aus einem nicht ersichtlichen Grund ausrastet und auf andere losgeht. Aber er hat, aus welchen Gründen auch immer,  nicht die Fähigkeit sich zu kontrollieren und zu beherrschen.
Dass ein Mensch körperlich oder intellektuell an seine Grenzen stößt, ist meist einsichtig. Wenn aber ein Schüler oder eine Schülerin sich in ihrem Verhalten nicht steuern kann, ist es schwer zu verstehen. Es erscheint dem Außenstehenden, als ob der Jugendliche nicht ganz bei sich wäre. Als ob er ferngesteuert wäre, was in diesem Moment auch stimmt, da er oder sie sich nicht steuern kann. Wie schnell kommt dann das Urteil: "Da ist Hopfen und Malz verloren!“ "Da kann man nichts machen. Mit dem lässt man sich am besten gar nicht ein.“
Die Parallele zu den Menschen vor 2000 Jahren ist nicht zu übersehen. Auch sie schoben das Unerklärbare einem bösen Geist zu, gegen den man nichts machen kann. Der Mensch ist besessen! Weitere Folgen sind Ablehnung und Ausgrenzung aus der Gesellschaft. Schnell kommt es zu dem Schluss: "In dem Menschen wirkt das Böse.“ Damals und heute.
Jesus treibt den bösen Geist aus – aber nicht nur aus dem epileptischen Jungen, sondern auch aus den Köpfen der anderen Menschen. Eigentlich sitzt der böse Geist dort.
Ein Kind mit so schwierigem Verhalten abzuschreiben ist einfach. Aber wenn erkannt wird, dass es sich dabei um eine Lebenserschwernis handelt, der man nicht hilflos ausgeliefert ist, eröffnen sich vielfältige Möglichkeiten der Hilfe. Es eröffnet sich ein Blick auf das Kind oder den Jugendlichen, der sie oder ihn als einen von Gott geliebten und wertvollen Menschen sieht. Auch die Verhaltensprobleme sind ein Teil dieses Menschen, wie Gott ihn geschaffen hat. Auch wenn es schwer zu verstehen ist, dass zu "Gottes guter Schöpfung“ auch solche Verhaltensprobleme dazu gehören.
Noch einmal zu der Geschichte in der Bibel. Es geht darin auch um den Glauben oder Unglauben des Vaters. Im Umgang mit Kindern, die gerade in der Schule solche Probleme haben (und machen), bekommt "glauben zu können“ eine eigene Bedeutung. Es ist nicht die Frage, ob man an Wunder glaubt, sondern daran, dass man sie mit ihrem Verhalten und ihren Schwierigkeiten als von Gott geliebte Menschen sehen kann. Es wird die Möglichkeit eröffnet, sie nicht aufzugeben oder als hoffnungslosen Fall abzustempeln, sondern ihnen zu zeigen, wie sie mit ihren Lebensschwierigkeiten zurecht kommen können. Glaube heißt, auch das Schwierige und für uns oft nicht Erklärbare als Teil von Gottes guter Schöpfung zu sehen und nach Wegen zu suchen, damit möglichst gut umzugehen. Solcher Glaube vertreibt die "bösen Geister“.

Ulrich Jung
(Referat Förderschulen am RPZ)

Januar 2020

Freude, schöner Götterfunken

Beethovens 9. Symphonie – alljährlich erklingt sie beim Jahreswechsel in den Konzertsälen der Welt. Dieses Jahr mit gesteigerten Pathos, soll doch der 250. Geburtstag dieses weltberühmten Komponisten stilvoll und würdig eingeläutet werden. Ludwig van Beethoven ist wie Friedrich Hölderlin und Georg Friedrich Hegel im Jahr 1770 geboren und sie alle könnten in 2020 ihren 250. Geburtstag feiern.

Der Komponist Ludwig von Beethoven verdankt seinen weltumspannenden Ruhm nicht nur, aber allem voran dieser Symphonie mit ihrer überwältigenden Musik und der herausragenden Vertonung von Schillers „Ode an die Freude“ in ihrem Schlusssatz. Dieser gipfelt im „Freude, schöner Götterfunken“, einer Jubelhymne auf die beglückende, weltumspannende und menschheitsverbindende Kraft der Freude. Einer Freude, die die Menschen verbindet und alles überstrahlt und uns Zuhörer in ihren Bann zieht.

Es ist mitreißend, wie wort- und klanggewaltig die Idee der Menschheitsverbrüderung gefeiert wird. Beethovens 9. Symphonie umgibt ein nahezu magischer Nimbus, kein Musikstück hat mehr historische Kraft entfaltet und Geschichte geschrieben als dieses. Gespielt wird es in Momenten der Hoffnung wie in den Stunden der Trauer. Die 9. Symphonie wurde von den New Yorker Symphonikern bei einem Gedenkkonzert für die Opfer des Anschlags vom 11. September 2001 gespielt, ihre Klänge ertönten, von Leonard Bernstein dirigiert, kurz nach dem Fall der Mauer 1989 in Berlin und sie eröffneten im August 2019 am Brandenburger Tor das 30-jährige Gedenken an den Mauerfall.

In seiner Instrumentalversion ist das Lied „Freude, schöner Götterfunken“ die Europahymne und damit eines der offiziellen Symbole der Europäischen Union. Der Hymne an die Freude bringt die alle europäischen Staaten verbindenden Werte – Freiheit, Frieden und Solidarität – zum Ausdruck und feiert die Einheit in der Vielfalt – etwa mit seinen Worten: alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt (auch wenn wir heute „Geschwister“ sagen würden).

Hört man sich über diesen berühmten ersten Vers der Schillerschen Ode „An die Freude“ hinaus das gesamte Chorstück an, wird deutlich, wie viel hier von der glorifizierten Freude erwartet wird, nämlich:

  • dass Menschen in Liebe zueinander finden:
    Wem der große Wurf gelungen,
    Eines Freundes Freund zu sein;
    Wer ein holdes Weib errungen,
    Mische seinen Jubel ein!
  • dass Konventionen überwunden werden:
    Deine Zauber binden wieder,
    Was die Mode streng geteilt,
    Alle Menschen werden Brüder
    Wo dein sanfter Flügel weilt.
  • dass unser Innerstes von die Schönheit der Natur sich berühren lässt:
    Freude trinken alle Wesen
    An den Brüsten der Natur;
    Alle Guten, alle Bösen
    Folgen ihrer Rosenspur.

Beethoven, vom Geist der Epoche der Aufklärung und deren positiven Menschenbildes beseelt, verortet den Ursprung seiner weltumspannenden Freude, die alle Menschen verbindet, in theistischen, ja pan-theistischen Götterhimmeln: Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium. Wir betreten feuertrunken, Göttliche dein Heiligtum.

Aus christlicher Perspektive und von Weihnachten her kommend, gehen himmlischer Zauber und lebensbejahende Freude vom Kind in der Krippe aus. Vergleichbar monumental wie in Schillers Ode und Beethovens 9. bringt im Lukasevangelium ein Engel vom Himmel her – und umgeben von himmlischen Heerscharen – den Menschen die umfassende Freudenbotschaft: Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird: Denn euch ist heute der Heiland geboren …

Wie kann dieser Zauber der heiligen Nacht ausstrahlen in das Neue Jahr? – Vielleicht so, wie es ein Brief meiner Weihnachtspost vorschlägt:
In den Menschen, die zu uns kommen, Könige sehen – und das, was sie mitbringen, als Geschenk wahrnehmen!

Ein von Weihnachtszauber erfülltes, gutes und behütetes 2020!

Vera Utzschneider
(Referat Gymnasium am RPZ)

Textquelle: Schillers Werke in zwölf Bänden, Erster Band (mit Einleitung von Gotthilf Lachenaier), Leipzig 1907, S. 45.

Dezember 2019

Das Leben ist bunt

Dieses Foto habe ich Anfang Oktober auf der Insel Burano gemacht. Das ist eine kleine Insel in der Lagune von Venedig. Auf Burano sind fast alle Häuser farbig angemalt. Die kleinen Plätze sind dadurch knallig bunt. Und das seit Jahrhunderten. Warum wohl? Was soll das? Eine alte Erklärung sagt, dass die Fischer dadurch leichter nach Hause gefunden hätten, wenn es neblig war. Beziehungsweise wenn sie zu viel getrunken hatten. Aber das ist eine Legende. Der eigentliche Grund scheint ein anderer zu sein.

Ich finde ihn mit Blick auf die Nachbarinsel Torcello. Die ist nur 10 Minuten mit dem Schiff entfernt. Im Mittelalter war Torcello viel bedeutender als Venedig. 20.000 Menschen lebten dort. Heute sind es noch vierzehn. Die Malaria (und wahrscheinlich auch die Pest) haben innerhalb kurzer Zeit fast alle Einwohner getötet oder vertrieben.

Aus irgendeinem Grund ist Burano dieses Schicksal erspart geblieben. Burano hat seine Einwohnerzahl seit dem Mittelalter gehalten. Auch hier wütete die Pest. Aber die Menschen sind geblieben. Wer überlebt hat, hat sein Haus angemalt. Das war so etwas wie ein Dankgebet. Gott sei Dank: Wir sind am Leben!

Farben symbolisieren Leben. Grün neben Orange neben Pink. Die bunten Häuser färben ab auf die Menschen. Anscheinend sogar auf die Leute davor. Sie haben alle ihren eigenen Kopf. Ihre eigenen Vorlieben und Geschmäcker. Grün neben Orange neben Pink. Aber keiner mischt seine Farbe in das Haus des Nachbarn hinein. Ich bin ich. Und du bist du. Du bist anders als ich. Gott sei Dank: So ist das Leben!

Das hört sich für mich stark nach Ambiguitätstoleranz an. ;-)
Und? Hat das etwas mit Weihnachten zu tun?
Ich finde: Ja.
Was denken Sie?

Herbert Kolb
(Referat Konfirmationsarbeit am RPZ)

November 2019

Ausgang und Eingang, Anfang und Ende,
liegen bei dir, Gott, füll du uns die Hände.

Im November begehen wir das Ende des Kirchenjahres.
Geprägte Tage erwarten uns - Allerheiligen, St. Martin, Volkstrauertag, Buß- und Bettag, Ewigkeitssonntag. Erinnert werden wir, dass wir begrenzt sind in unseren Möglichkeiten und in unserer Lebenszeit.

Wenn ich an Grenzen komme, tut mit Unterstützung gut.
Stehe ich an einem Grab, tut es mir gut, wenn jemand neben mir steht.
Bin ich in Not, halte ich Ausschau nach einem Martin, der mit seinem Mantel für mich sorgt. Vielleicht teilt er oder sie eine Stunde mit mir und eine Kanne Tee und eine Sorge. Manchmal bin ich Martin für den anderen.
Am Volkstrauertag hoffe ich auf Einsicht derer, die in ihrer Macht andere Menschen klein machen, Ausgrenzungen vorantreiben oder mutwillig gefährlich handeln. Gut, wenn viele sich gemeinsam dagegen einsetzen.
Ich bin auf andere angewiesen, wenn ich am Buß- und Bettag um Vergebung bitte. Auf Menschen und auf Gott sind wir angewiesen.
Und der Ewigkeitssonntag erinnert uns an die Menschen, von denen wir uns verabschiedet haben und erinnert uns an die Grenzen unseres Lebens.  

Ausgang und Eingang, Anfang und Ende,
liegen bei dir, Gott, füll du uns die Hände.

Ein altdeutscher Name für November ist „Nebelung“. Für diesen Monat habe ich einmal Worte aus dem 2. Brief des Petrus entdeckt. Sie waren an Gemeinden in Kleinasien geschrieben, die darauf gewartet haben, dass Jesus zurückkehrt. Der Hochsommer der Begeisterung war vorbei. Erste Ernte in den Gemeinden war geschehen, Menschen sind Christen geworden. Sie dachten, Jesus würde bald erscheinen und mit ihm das Reich Gottes in seiner Vollkommenheit. Das geschah nicht. Die Perspektive ging ihnen verloren, sie  waren wie vernebelt.

In dieser Situation lesen sie (2. Petrus 1,19):
Umso fester haben wir das prophetische Wort,
und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht,
das da scheint an einem dunklen Ort,
bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen.

Der Verfasser stellt hinein in die Vernebelung die Erinnerung:
Achtet auf das prophetische Wort wie auf ein Licht. Achtet auf das Licht!

Manche Familien verdeutlichen dies im November durch besondere Windlichter, sie stellen Teelichter in besondere Schutzhüllen:

Windlicht

Schützen wir das Licht aus Gottes Wort.
Es weist wie St. Martin von der Kälte der Not in die Wärme der Barmherzigkeit.
Lassen wir uns anrühren von Not und handeln wir wie es uns möglich ist.

Schützen wir das Licht.
Es weist am Volkstrauertag vom Unfrieden zum Frieden.
Setzen wir uns für friedvolles und gewaltloses Miteinander ein.

Schützen wir das Licht.
Es weist am Buß- und Bettag auf Grenzüberschreitungen hin.
Bitten wir um Vergebung und leben gnädig.  

Schützen wir das Licht.
Es weist an Allerheiligen und am Ewigkeitssonntag
vom Vergangenen in die Zukunft und vom Ende zum Leben.
Gedenken wir unserer Verstorbenen
und leben das weiter, was sie uns ins Leben mitgegeben haben.

Claudia Dürr
(Referat Pädagogische Ausbildung im Vikariat)
   

Fotos: Claudia Dürr    

Oktober 2019

Handeln und Brüten – in memoriam Theodor Fontane (1819-1898)

Vor 200 Jahren wurde Theodor Fontane geboren. Beeindruckend sind und bleiben seine großen Romane wie „Effi Briest“, seine Beschreibungen der Pfarrherren der Kaiserzeit mitsamt den sich bereits deutlich abzeichnenden Verfallserscheinungen einer untergehenden Epoche sowie seine bis heute so treffenden Charakterbeschreibungen. In „Vor dem Sturm“ (1878) fällt ein bemerkenswerter Satz: „Handeln ist so gewiss das Beste, wie Brüten, das Schlimmste ist.“ Das will heißen: Brüten, Ausbrüten, Sinnieren, das ständige Beschäftigen mit den eigenen Befindlichkeiten, Selbstmitleid – das alles lähmt.

Ich übersetze in mein Arbeitsfeld: Die Larmoyanz in der Kirche über leere Kirchenbänke und hohe Austrittszahlen, das  Jammern über mangelhaftes religiöses Grundwissen der Schüler, das bringt nichts, zieht nur runter. Dagegen ist erfolgreiches Handeln etwas Vorwärtsgewandtes, eine Quelle neuer Energie und Phantasie die mitreißt und begeistert. Aber wie komme ich dahin?

Wer die eigene Überzeugung kommuniziert und mitteilt tut eigentlich etwas ganz natürliches. Das spüren Gottesdienstbesucher gleichermaßen wie Schülerinnen im Religionsunterricht. Wer authentisch lebt, wirkt automatisch echt, werbend und einladend. „Christen müssten erlöster aussehen, wenn ich Ihnen glauben sollte“ (Friedrich Nietzsche). Einfach aufstehen und anfangen; alles andere ergibt sich von allein. Sei Du selbst!

Die Bibel kennt viele Anfänge: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ oder „Am Anfang war das Wort und Gott war das Wort.“ Am Anfang beruft Jesus seine Jünger… Anfänge wer-den häufig von einem besonderen Zauber und Energie begleitet. Ich denke an die Anfänge meines Lebens: Die Spannung am ersten Schultag, Übertritt in eine neue Schule, meine erste Predigt, meine erste Schulstunde, mein erster Kuss, meine erste Liebe… In solchen Zeiten könnte man Bäume ausreißen.

Natürlich gibt es auch misslungene Anfänge. Ein Kollege erzählte mir von seinem ersten Schultag, die Schultüte festumklammert und den von seiner Mutter an die Nachbarin gerich-teten Satz: „Ob er´s wohl schafft…?“ So ein grundlegendes mütterliches Misstrauen kann einen verletzen, es kann aber auch einen anspornen es demjenigen zu zeigen, der solche  Zweifel an mein Können  und Vermögen äußert. Anfangen!

Ich denke an eine junge Frau, die äußerst redegewandt alles Unglück ihres Lebens jahrelang mit dem Wirken ihres cholerischen Vaters in Verbindung brachte. Erst nachdem es ihr ge-lungen war auch glückliche Momente ihrer Kindheit aufzuspüren, gelang ein Perspektiven-wechsel und die Lebenskrise löste sich auf. Anfangen.

„Handeln ist so gewiss das Beste, wie Brüten das Schlimmste ist“. So wünsche ich uns ge-glückte Anfänge und ein Leben in der Gewissheit, dass es da einen gibt, der alles weiß, was mir angetan wurde, aber auch was ich vielleicht anderen angetan habe. Der mich aber auch daran erinnert, wie viele Gaben und Fähigkeiten in mir noch schlummern, der um meine Schwächen weiß und mich vor Überforderung schützen will. Gott will, dass ich leben und anfangen zu handeln kann. Das verändert, steckt an und verführt zur Nachahmung.

„Wir müssen verführerisch sein, sonst sind wir gar nichts.“— Diesen Satz richtet bei Theodor Fontane der Pastor Niemeyer an Effi Briest. „Wir müssen verführerisch sein, sonst sind wir gar nichts.“ Erinnern wir uns  daran – bei unserem Arbeiten in Schule und Kirche.   

„All Morgen ist ganz frisch und neu des Herren Gnad und große Treu; sie hat kein End den langen Tag, drauf jeder sich verlassen mag.“

Thomas Krüger
(Regionalstelle Oberpfalz / Niederbayern)
   

Bild: Theodor Fontane (Gemälde von Carl Breitbach, 1883)     

September 2019

Segenswünsche zum neuen Schuljahr

Ein gutes neues Schuljahr wünsche ich Ihnen und mit mir wünschen das
alle Kolleginnen und Kollegen vom RPZ.

"Gut" meine ich im Sinne von "gesegnet".
Am Schuljahresanfang stehen für mich weniger Sonntagsreden und große Vorsätze,
die wir ja doch wieder nicht erfüllen können, sondern ganz schlicht die Bitte an Gott,
dass alles Kommende gesegnet sei.

Das neue Schuljahr wird seine schönen Seiten haben und seine schweren.
Wir werden wieder beides erleben und leben.
Wir werden jubeln, lachen, singen – und wir werden schweigen und uns bisweilen auf dem Boden wieder finden.

Jesus heißt übersetzt: Gott hilft.
In seinem Namen und mit der Hoffnung, dass sich erfüllen möge, was dieser Name sagt,
beginne ich, beginnen wir als Christ/innen, das neue Schuljahr.

"Gott hilft."
Da ist oft mehr Hoffnung drin als Erfahrung. Denn wer das sagen kann: "Gott hat geholfen", der weiß auch, dass es die anderen Stunden gibt, in denen man sich nur erinnern kann, an das, was einen einmal aufgerichtet hat. Und in denen es schwer zu glauben ist, dass beides wahr ist: das Dunkle wie das Helle.
Das Tasten nach Gott, wie die Erfahrung seiner Nähe.
Wer sie erfahren hat, hütet sie wie einen Schatz und sehnt sich danach, wie nach dem Licht.

Ich bitte Gott für uns und für alle, mit denen wir dieses neue Schuljahr beginnen.
Für alle, die wir neu kennen lernen werden und für alle, die uns fremd bleiben werden.
Ich bitte für alle, die unser soziales Klima bestimmen, die Macht und Einfluss haben,
dass sie nicht polarisieren, sondern sich um Verständigung und ein gutes Miteinander bemühen.

Ich bitte Gott für alle, die auf große Termine zugehen, die Abschlussprüfungen oder Examina zu bestehen haben oder ihren Ruhestand beginnen.
Für alle, die sich verlieben werden, die heiraten oder ein Kind erwarten.

Für alle bitte ich, die mit großen Sorgen in ihre Zukunft blicken, die in der Liebe verwundet sind und für alle, die um ihren Arbeitsplatz bangen.

Besonders bete ich für alle, die krank sind an Leib oder Seele
und für alle, die Lasten tragen, über die sie nicht sprechen können,
für alle, deren Leben auch im neuen Schuljahr scheinbar niemand sonderlich interessiert.

Für sie alle bete und bitte ich und danke schon jetzt für die Menschen,
die in diesem neuen Schuljahr wieder für uns da sein werden und uns wichtig sind,
wie die Luft zum Atmen.

Für die Kinder, die uns in der Schule anvertraut sind, bete ich und für alle Lehrkräfte:
Gib uns die Fähigkeit, auch unsere Grenzen anzunehmen, sorgsam umzugehen mit unserer Kraft. Erhalte uns die Freude an unserer Arbeit. Gib denen, die mutlos sind, neue Kräfte, neue Impulse.
Schenke uns immer wieder neu die Geduld und die Liebe zu den Kindern und Jugendlichen, dass wir ihnen jeden Tag neu mit offenem Herzen begegnen, ihnen gute Begleiterinnen und Begleiter sind auf ihrem Weg.
Mit ihnen Fragen stellen und Antworten versuchen. Mit ihnen Wege des Glaubens finden und gehen.

Gott segne und behüte uns alle. Im neuen Schuljahr 2019/20. Amen.

Herzlichst, Ihre Gudrun Wellhöfer
(Regionalstelle Oberfranken)
                       

August 2019

Fünf Inspirationen für sonnige und regnerische Augusttage

Eins: Wolken gucken
Setzen Sie sich für 20 Minuten ruhig hin, alleine oder mit einem Menschen, der auch schweigen kann. Gucken Sie in die Wolken. Das geht – außer bei wolkenlosem Himmel – bei jedem Wetter und zu jeder Tageszeit. Die Wolken werden ihre Form und Farbe wechseln. Entdecken Sie Figuren, Fantasiegebilde, Formationen. Sie können das alle vier bis fünf Minuten fotografieren, dann haben Sie auch später noch was davon.

Zwei: aus der Schublade ganz hinten
Ziehen Sie eine Schublade auf, die Sie selten öffnen, oder greifen Sie im Schrank ganz nach hinten. Vielleicht fällt Ihnen Ihre alte Blockflöte in die Hand. Oder das Kartenspiel mit den Sportwagen oder das Fußballer-Sammelheft. Wenn es die Flöte ist, dann probieren Sie aus, welche Töne Sie hervorlocken können. Sie sind jetzt ja frei vom früheren Unterrichtsstress. Wenn es das Kartenspiel ist, suchen Sie jemanden, der mit Ihnen Jagd macht auf die stärksten Motoren und höchste Geschwindigkeit.

Drei: eine biblische Erzählung verquer lesen
Schlagen Sie eine biblische Erzählung auf, die Ihnen gerade einfällt. Vielleicht eine, von der Sie meinen, Sie würden sie in- und auswendig kennen. Nehmen Sie sich drei Fragen und lesen Sie den Text unter diesem Blickwinkel: Wer stört? Wer ist gestört? Welche Wirkung hat die Störung? Oder: Wer liebt? Wer wird geliebt? Welche Wirkung hat das Lieben? Oder: Wer redet? Wer schweigt? Welche Wirkung haben das Reden und Schweigen?

Vier: Liebesbrief an mich selbst
Setzen Sie die rosarote Brille auf und schreiben Sie an sich selbst einen Liebesbrief. Sie dürfen aus dem Vollen schöpfen und sich mit verliebten Augen ansehen. Sparen Sie nicht mit Komplimenten. Nehmen Sie fürs Schreiben das Werkzeug, das Ihnen angenehm ist: Ihr Smartphone oder einen Füller und einen schönen Briefpapierbogen. Vielleicht hatten Sie das Briefpapier ja beim Griff in die Schublade (siehe zweite Inspiration) entdeckt.

Fünf: donnerstags einen Tagesspruch suchen
Nehmen Sie sich am Donnerstagabend (oder am Dienstag oder Mittwoch) fünf bis zehn Minuten Zeit. Gehen Sie in Gedanken Ihren Tag durch und überlegen Sie, welcher Spruch, welche Liedzeile, welcher Bibelvers zu Ihrem heutigen Tag, also zu Ihren Erlebnissen, Ihren Gedanken oder Ihren Gefühlen, passen könnte. Schreiben Sie sich diesen Spruch auf. Ende August haben Sie dann Impressionen aus vier bis fünf Wochen.

Gerda Gertz
(Referat Mittelschule am RPZ, Foto: Oleg Astakhov)
                       

Juli 2019


"Was für ein Vertrauen“ (2. Kön 18,19)  –

Was für ein Motto für einen Kirchentag!

Ich konnte ein paar Tage dabei sein und möchte Sie an einigen Eindrücken vom Kirchentag teilhaben lassen.
Das erste, was mir bei der Ankunft bereits auffiel, war die Freundlichkeit, mit der alle Anreisenden empfangen wurden. Auch wenn es an den Bahnsteigen oft eng wurde, blieben die Bediensteten der Verkehrsbetriebe ruhig. Zugewandt und freundlich empfand ich auch die vielen Helfenden an den unterschiedlichsten Stellen! Selbst wenn Kirchentagsbesucher*innen etwas ungehalten waren oder für sich Ausnahmen in Anspruch nehmen wollten, blieben die Helfer*innen stets hilfsbereit.

Verhungern musste auch niemand während der Tage. Viele Stände mit Biokost und das Gläserne Restaurant mit hervorragenden Menüs sorgten für zufriedene Mägen.

Sehr beeindruckt hat mich, dass das Thema "Flüchtlinge im Mittelmeer" viel Platz während des Kirchentages bekam. Eine kurzfristig angesetzte Großveranstaltung mit dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche Deutschlands Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm und dem Bürgermeister aus Palermo / Sizilien trug dazu bei, dass sich auch mein Eindruck verstärkte, dass wir dazu aufgerufen sind, viel, viel mehr gegen das Elend der Flüchtlinge und vor allem gegen das Ertrinken im Mittelmeer zu tun. Nicht diejenigen sind kriminell, die diesen Menschen helfen, sondern die, die eben diese Menschen unter Strafe stellen, so hieß es öfter in den Tagen. Mich lässt dieses Thema seitdem nicht mehr los!
Der Bürgermeister Palermos, Leoluca Orlando, hat in eindrücklicher Weise geschildert, wie er Palermo zur sichersten Stadt Italiens und zu einem sicheren Hafen für Flüchtlinge gemacht hat. Es gibt für ihn keine Migranten, sondern alle, die dort leben, sind Bürger Palermos.
Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm appellierte mit viel Nachdruck an die Politiker etwas zu tun, vor allem, damit die jetzt seit vielen Tagen an Bord der Sea-Watch ausharrenden Flüchtlinge endlich Festland betreten dürfen.
Die internationale Organisation "Seebrücke" bereitete vor dem Opernhaus in Dortmund Transparente vor, auf die man Namen oder Zahlen der Toten, die im Mittelmeer gestorben sind und die man gefunden hatte, darauf schreiben konnte. "Jeder Mensch hat einen Namen!", so lautete das Motto – und auch wenn man ihn nicht mehr wusste, so hatte die Erinnerung an diese Menschen jetzt einen konkreten Platz und es wurde um sie getrauert! 35.597 Tote gab es bereits im Mittelmeer! Wie wichtig es ist, dass tote Menschen einen Platz haben, wissen wir spätestens seit den Weltkriegen, bei denen tausende Menschen vermisst wurden, teilweise noch werden oder in Konzentrationslagern oder in unterschiedlichen Kriegsgefangenenlagern umgekommen sind.
Auf dem Platz, auf dem die "Seebrücke" diese Aktion veranstaltete, stand bis zum 2. Weltkrieg die große Synagoge Dortmunds, die schon vor der Reichsprogramnacht abgetragen wurde, weil in unmittelbarer Nähe das NS-Hauptquartier stand und man nicht auf die Synagoge schauen wollte.

Beeindruckend und mutig sprach Dr. min. Sandra Bils in ihrer Predigt beim Schlussgottesdienst im BVB-Stadion auch über das Thema "Flüchtlinge im Mittelmeer" und verknüpfte es u. a. mit der Frage "Was ist Kirche heute?"

Neben der Flüchtlingsthematik ging es auch um die Erderwärmung und den Klimaschutz, um Fridays for future und um Nachhaltigkeit beim Kirchentag.

Diese Themen, die ja durchaus alle nicht leicht sind, waren durch das Kirchentagsmotto "Was für ein Vertrauen" getragen. Wer Vertrauen in Gott wagt, kann gestärkt sein. Sandra Bils hat im Schlussgottesdienst eindrücklich darauf verwiesen, dass das Sterben im Mittelmeer uns alle betrifft und wir als Christen heute mehr gefragt sind denn je!

"Was für ein Vertrauen!" – Werfen wir es nicht weg, sondern tun etwas!

Ihre Sabine Schwab    
(Referat Real- und Wirtschaftsschule am RPZ)                                   

Juni 2019

Ich mag den Juni sehr. Die Erdbeeren, das Licht. Keine Gefahr mehr von Nachtfrösten, der Zenit des Sommers ist noch lange nicht erreicht, Vieles, worauf man sich freut, liegt noch vor einem, nicht nur einer, sondern mehrere Abende im Biergarten, wieder mehr Radl fahren, der Urlaub, die Sommerfeste. Alles fühlt sich leichter an im Juni. Der Juni atmet Zuversicht.

Nur mittendrin, dieses Jahr am 16. Juni, liegt dieses Fest, das Trinitatisfest, das Fest der Heiligen Dreifaltigkeit, für das ich meiner Gemeindepfarrerin eine Gottesdienstvertretung zugesagt habe, denn sie will es ja auch mal leichter haben im Juni und fährt in Urlaub. Ich bleibe zurück mit einem Fest, das es mir mitten im Juni schwer macht, denn während ich die Predigt schreibe, sehe ich vor meinem inneren Auge nicht diejenigen Weggefährten, die noch selbstverständlich beim Credo mitsprechen: Ich glaube an Gott den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, sondern ich sehe diejenigen vor mir, für die die einst vermeintlich so objektiven Heilstatsachen des christlichen Glaubens längst unglaubwürdig geworden sind.

Dabei ist das nicht neu. Schon Johann Wolfgang von Goethe hatte seine Probleme mit der Trinität: „Ich glaubte an Gott und die Natur und an den Sieg des Edlen über das Schlechte; aber das war den frommen Seelen nicht genug, ich sollte auch glauben, dass drei eins sei und eins drei; das aber widerstrebte dem Wahrheitsgefühl meiner Seele; auch sah ich nicht ein, dass mir damit auch nur im Mindesten wäre geholfen gewesen.“

Dass Jesus mehr gewesen sein soll als ein begnadeter Mensch, mit einem unendlich großen Herzen und viel Gottvertrauen, das können und wollen viele meiner Freundinnen und Freunde, nicht nur die ohne Konfession, sondern auch viele, die ich im Gottesdienst treffe,  nicht mehr glauben. Umgekehrt ist dann Gott nicht selten zurückgedrängt in maximale Ferne, beschränkt auf die philosophische Rolle einer vielleicht am Anfang aller Anfänge wirkenden ersten Ursache, warum überhaupt etwas ist und nicht vielmehr nichts.

Dass er aber wirklich hineinwirkt, mitten in mein Leben, dass er bei mir ist und seine Hand mich tatsächlich hält, wie soll ich das vermitteln an Menschen, für die die Verbindung zwischen Gott und Mensch (für die Jesus ja einst stand) nicht mehr existiert? Da komme ich ins Schwitzen, mitten im Juni!

Klar sind Gott und Jesus auf den ersten Blick getrennt, Jesus war ein Mensch und Gott ist der jenseitige Schöpfer aller Dinge. Aber ist das Getrennte vielleicht doch vereint, miteinander vereinbar?

So paradox das klingt, wir kennen dieses Wunder der Verbindung des Getrennten nur zu gut, nämlich aus einer der tiefsten menschlichen Erfahrungen, nach der wir uns ein Leben lang sehnen und zurückerinnern, wir nennen diese wunderbare Erfahrung Liebe. Liebe, unendliche Nähe ist der Schlüssel zum ganzen christlichen Glauben, zur christlichen Erscheinungsform des Religiösen und zwar als Erfahrung, nicht als Behauptung. Davon könnte auch der Geheimrat Goethe noch profitieren. Liebe, Nähe zwischen Gott und Mensch, ist was wir Christen einbringen in das Konzert der Religionen, das viele Klänge kennt. Die Liebe, wenn sie lebt, überwindet das Getrennte, in immer wieder neuen Anläufen. Für die Dynamik, die dafür nötig ist, steht im christlichen Gottesbild der Heilige Geist. Viele Brautpaare bekommen - gerade jetzt im Juni - deshalb einen Satz aus dem 2. Timotheusbrief mit auf den gemeinsamen Liebes-Weg: Denn Gott hat uns nicht gegeben einen Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit (2. Tim 1,7). Kraft, Liebe und Besonnenheit, daraus ist der Heilige Geist gemacht, der nichts anderes meint als Liebe.

Dass Gott uns Menschen in Jesus unendlich nahe kommt und dass auch unter uns durch seinen Geist die Schranken fallen können, das kann man durch nichts unglaubwürdiger machen als dadurch, dass man es einfach als Glaubenstatsache behauptet. Das kann man nur tastend erahnen wie das Kribbeln auf der Haut eines geliebten und liebenden Menschen, das muss man einüben, Tag und Nacht. Wollte Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist, dass man es meinem Trinitatis-Gottesdienst abspürt.

Heiner Aldebert
(Regionalstelle Oberbayern)

Bild: "Dreifaltigkeitsikone" von Andrei Rubljow (etwa 1411)

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