Inspirationen

Spirituelle Impulse und Worte zum Nachdenken, geschrieben und gestaltet von Mitarbeitenden des RPZ, jeden Monat neu.

Was Schönes oder Von der Sehnsucht nach Leichtigkeit

Was Schönes solle ich schreiben, irgendwas Leichtes. Jedenfalls nichts Schweres,
davon hätten wir gerade mehr als genug. Irgendwelche schönen Gedanken, das wäre gut.

Ja, ich verstehe das. So geht es mir auch. Ich ertrage keinen "Brennpunkt" mehr,
weder zu Corona noch zum Krieg. Schwierigkeiten in der Arbeit bezeichne ich als solche
und rede nicht mehr liebevoll von Herausforderungen. Meine Frustrationstoleranz
ist gesunken, meine Atemlosigkeit gestiegen. Wie gerne würde ich oft einfach die Augen
und Ohren zu machen.

Was Schönes also! Ich sinniere: Was kann mich durch turbulente Zeiten tragen?

Was Schönes

ein T-Shirt nähen
den Rasen mähen

den Vögeln lauschen
ein Buch mit dir tauschen

aus dem Fenster blicken
rote Socken stricken

Sudokus knacken
süße Plätzchen backen

"Wie geht es dir“ fragen
"Ich mag dich echt“ sagen

Luftschlösser bauen
und dem Himmel vertrauen

Gerda Gertz
(Referat Mittelschule im RPZ Heilsbronn)

April 2022

Was nährt meine Auferstehungshoffnung?

Am ersten Tag der Woche sehr früh kamen Frauen zum Grab 
und trugen bei sich die wohlriechenden Öle, die sie bereitet hatten. 
Sie fanden aber den Stein weggewälzt von dem Grab und gingen hinein 
und fanden den Leib des Herrn Jesus nicht.
Und als sie darüber bekümmert waren, 
siehe, da traten zu ihnen zwei Männer mit glänzenden Kleidern. 
Sie aber erschraken und neigten ihr Angesicht zur Erde. 
Da sprachen die zu ihnen: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? 
Er ist nicht hier, er ist auferstanden. 
Gedenkt daran, wie er euch gesagt hat, als er noch in Galiläa war: 
Der Menschensohn muss überantwortet werden in die Hände der Sünder 
und gekreuzigt werden und am dritten Tage auferstehen. 
Und sie gedachten an seine Worte. 
Und sie gingen wieder weg vom Grab und verkündeten das alles den elf Jüngern 
und den andern allen. (Lukas 24,1-9)

Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? 
Diese Frage sitzt. 
Sucht den Lebenden nicht bei den Toten.
Das ist eine herausfordernde Aufforderung, 
Auferstehung ist nicht augenscheinlich auffindbar.

Womit nähre ich meine Auferstehungshoffnung?

Mit einem Lied
Du bist da, wo Menschen leben, du bist da, wo Leben ist.
Du bist da, wo Menschen hoffen, du bist da, wo Hoffnung ist.
Du bist da, wo Menschen lieben, du bist da, wo Liebe ist.

Mit einer Musik
Vielleicht in "Vivaldi, Der Frühling"

Durch Zeichen der Natur
Es taut nach eisiger Zeit. Ein Feld zeigt grüne Spitzen, auch wenn drumherum alles noch braun-grau ist. Zugvögel kehren zurück. Knospen springen auf. Die ersten Forsythien blühen. "Du bist da, wo Leben ist."

An einem ungewöhnlichen Ort
An einem Ostermontag in Großostheim haben wir den Gottesdienst an drei Stationen gefeiert: Der Beginn war in der Kirche. "Du bist da, wo Menschen leben" haben wir gesungen und Lukas 24 gelesen – "Sucht den Lebenden nicht bei den Toten." 
Und trotzdem sind wir dann zunächst auf den Friedhof gegangen. Gefunden haben wir Symbole für Auferstehungshoffnung an den Gräbern: Sonnenaufgänge, durchbrochene Stäbe, betende Hände, aufkeimende Saat. "Du bist da, wo Menschen hoffen", auch auf dem Friedhof, trotz allem und in allem Traurigen. Ich ergänze das Lied: "Du bist auch da, wo augenscheinlich kein Leben ist."
Die dritte Station war überraschend, nicht selbstverständlich. Wir haben den Gottesdienst auf dem Spielplatz beendet, der zwischen Kirche und Friedhof lag. Auch hier haben wir Zeichen des Lebens entdeckt: Knospen, Vogelstimmen, Kinderlachen, ein verliebtes Pärchen, eine spielende Oma mit ihrer Enkelin. "Du bist da, wo Menschen lieben."
Wir haben auf die Legende gehört, in der Katharina in Alexandria den römischen Kaiser Maxentius überraschte. Er war skeptisch bzgl. des Auferstehungsglaubens der Christen und wollte diese nur ernstnehmen, wenn Katharina aus einem Stein neues Leben erwecken würde. Katharina hielt ihm ein fast ausgebrütetes Ei hin. Es sah aus wie ein toter Stein. Der Kaiser spottete. Dann riss die zum Schlüpfen bereite junge Ente einen Spalt in die Schale. Leben kam hervor aus dem scheinbar toten Ei.

Und wir auf dem Spielplatz: Wir spielten inmitten der hoffnungsvoll zeichensetzenden Natur. Eierlaufen, Eierkegeln, Eierdrücken.
"Du bist da, wo Menschen spielen."

Claudia Dürr
(Pädagogische Ausbildung für Schule und Gemeinde im Vikariat)

März 2022

Josef, der fast vergessene Vater Jesu

Am 19. März ist Josefstag, Tag des Heiligen Josef, Vater Jesu und Mann Marias.

Er stand Weihnachten in jeder Krippe. Spätestens Lichtmess ist er wieder eingepackt und taucht im weiteren Leben des Jesus aus Nazareth kaum noch auf. Die Rede ist von Josef. Er bleibt eher im Hintergrund.

Josef, so lesen wir in der Überlieferung, war Schreiner, so etwas wie Bauhandwerker gewesen, sicher ganz anders als heute. Als Vater von Jesus hat er Jesus sicher viel beigebracht. Jesus hat von ihm gelernt, wie man mit dem damals nicht reichlich vorhandenen Holz gut und vorsichtig umgeht, dass daraus Dächer für Häuser, Tische und Regale werden. Das hat er sich dieser Junge aus Nazareth von seinem Vater abgeschaut.

Diese Gedanken prägen die Bilder der Heiligen Familie: Vater Josef in die Arbeit vertieft, der Sohn Jesus, der ihm hilft, und Maria, meistens sehr nachdenklich, fast etwas entrückt.

Interessanterweise kommen solche Bilder erst im deutschen Biedermeier auf: die Familie als Kern der Gesellschaft - und der Sohn, der bei den Leisten seines Vaters bleibt, oder zumindest bleiben soll.

Josef hätte es vielleicht gern gesehen - oder viel wahrscheinlicher gab es kaum Alternativen - dass der Sohn in die Fußstapfen des Vaters tritt - Schreiner, Zimmermann, Steinmetz - das alles sind Berufe, die rund um Nazareth gebraucht wurden. Die Römer ließen in der Nähe eine Retortenstadt bauen - und da waren Handwerker gefragt.

Und Josef sorgt sich um sein Kind. Schreiner, das wäre doch was für dich, wird Josef öfter gesagt haben - Schau, du hast ein Auskommen, kannst heiraten, eine Familie gründen und mit dem Verdienst sie sogar auch einigermaßen anständig ernähren.

Es ist ganz anders gekommen. Jesus schlug einen überraschenden Weg ein. Aber wenn er in einfachen Bildern redet, wenn er Vergleiche aus dem Alltag der kleinen Leute verwendet, wenn er sich gerade diesen einfachen Menschen zuwendet, dann spüre ich etwas von seinem Vater Josef aus Nazareth.

Wie gut, dass er seinen Gedenktag hat, mitten in der Zeit, in der die Natur überall aufwacht.

Hans Burkhardt
Regionalstelle Unterfranken

*  Wolfgang Moroder - CC BY-SA 3.0

Februar 2022

Vom Licht, das frei macht

Von meinem Arbeits- und Schlafzimmer aus kann man im Winter ein ganz kleines Stückchen vom Starnberger See sehen, Sie finden es auf dem Bild zwischen den Bäumen. Heute, wo ich diese Inspiration schreibe, am Dreikönigstag 2022, ist draußen alles in das Gleißen einer wunderbaren Wintersonne getaucht, die ja, wie der Liedermacher Willi Michl singt, "nur an manchen Tagen scheint". Die letzten Tage waren trübe, aber heute ist so ein Tag voller Licht und ich werde gleich noch rausgehen, durch den Schnee, an den See, in die Sonne. Von meiner Mutter habe ich noch den Spruch im Ohr: "Weihnachten um an’ Muggenschritt, Neujahr um an’ Hahnentritt, Dreikönig um an’ Hirschensprung, Lichtmess um a ganze Stund". So erobert sich die Sonne Schrittchen für Schrittchen die Welt von der Dunkelheit zurück. In die aller dunkelste Zeit hinein, um die Zeit der Wintersonnenwende, genau auf die Nacht vom 24. auf den 25. Dezember haben kluge Menschen die Geburt des Lichtbringers gelegt, zuerst war es der römische Gott sol invictus, der unbesiegte Sonnengott, dann der Lichtbringer Christus, der von sich sagt: Ich bin das Licht der Welt! Mitten in der Finsternis. 40 Tage später, an Lichtmess, das ist der 1. Februar, endet diese besondere Zeit, die Weihnachtszeit, das Licht ist spürbar zurück. Lichtmess war früher der Tag, an dem die Dienstboten im Alpenraum ihren Jahreslohn bekamen und den Dienstherren wechseln konnten, ein Tag der Freiheit. Zugleich wurde früher an Lichtmess der Jahresbedarf an Kerzen für die Kirchen geweiht.  Und für mich brennen an Lichtmess seit ich denken kann die Geburtstagskerzen, inzwischen sind es so viele, dass ich mich mit einer zufrieden gebe. Man kann ja das Licht dann beliebig teilen, ohne dass es weniger wird. Lichtmess lehrt mich: Licht und Freiheit haben viel miteinander zu tun. Auch Geistesfreiheit braucht Licht, Transparenz, Offenheit, aber ganz besonders auch Wärme.
Ganz viel davon wünsche ich Ihnen für das noch junge Jahr 2022.

Heiner Aldebert
Regionalstelle Oberbayern

Januar 2022

Der Weg durch's Jahr

Bei meinem letzten Marathonlauf, als nach 25 km die Beine schwer wurden und der "innere Schweinehund" sich meldete, stand auf einmal ein Freund mit seinem Fahrrad am Straßenrand. Er hatte mich erwartet und fuhr neben mir her:

"Du machst das klasse!"
"Toll, wie leicht Du läufst!"
"Weiter so!"
"Da hinten kommt gleich die Verpflegungsstation!"
"Überragend …"
"Hab ich Dir eigentlich schon die Geschichte erzählt, als ich …"

Mit solchen und anderen Motivationssprüchen munterte er mich auf, feuerte mich an, hielt mich bei Laune, begleitete mich, schnaufte an manchem Berg mit mir mit ...

"Noch 30 Minuten", sagte er plötzlich und ich spürte, wie leicht er mir die letzten Kilometer gemacht hatte. Gemeinsam war es viel leichter. Am Ende konnte ich die letzten Reserven mobilisieren und den inneren Schweinehund überwinden, der sich schon eine Stunde zuvor gemeldet hatte.
Solch aufmunternde Gesten tun auch sonst im Leben gut, wenn es darum geht, die Mühen des Alltags zu überstehen.

Auch die Bibel erzählt von Menschen, die spürten, dass ihnen die Kraft ausgeht. Aber mitten in ihren Sorgen und Mühen haben sie gespürt, dass ihnen weitergeholfen wurde: Ein Fingerzeig im Alltag, ein mutmachender Blick oder eine aufmunternde Geste. Das hat ihnen Kraft gegeben, durchzuhalten. Ihnen war klar: Das war Gott. ER hat ihnen geholfen, damit sie die Hoffnung nicht verlieren. Diese Erfahrung haben sie schließlich aufgeschrieben:
"Lass den Herrn deinen Weg bestimmen! Vertrau auf ihn! Er wird es schon machen." (Psalm 37,5 Basisbibel)

Im Falle meines Sportkameraden war es sein Blick, seine Gesten, die mir sagen: Ich weiß, wie es sich für dich gerade anfühlt. Ich halte mit dir zusammen durch.

Tatsächlich: Im Vertrauen auf Gott sind es die vielen kleinen und großen Zeichen, mit denen er mir zu verstehen gibt: Ich weiß, wie es dir geht, was für dich manchmal mühsam ist und dich fast verzweifeln lässt. Ich gebe dir Kraft und Hoffnung und Zuversicht zum Durchhalten, und ich zeige dir einen guten Weg, den du weitergehen kannst.

Ich wünsche Ihnen im neuen Jahr viele solche aufmunternden Begegnungen, auch und gerade dann, wenn der Weg weit, steil und anstrengend ist!

Ihr Uwe Markert
Regionalstelle Niederbayern/Oberpfalz

Dezember 2021

Abwarten - und Tee trinken?!

"Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?" lässt Johannes der Täufer aus dem Gefängnis heraus Jesus fragen (Mt 11,3).
Warten, warten, warten, wir alle kennen das: Wartehalle, Wartezimmer, Warteschlange, Warteschleife – was es nicht alles für Gelegenheiten zum Warten gibt. Wir alle erinnern uns noch zu gut: Vor einem Jahr haben wir noch verzweifelt auf den ersten Impfstoff gewartet – und jetzt warten wir sehnsüchtig auf das Ende dieser Pandemie, dieser unsäglichen Gesundheitskrise, die im Moment in ungeahnter Weise neue Fahrt aufnimmt. Niemand wartet gern – nicht auf die Impfung, beim Zug nicht und auch nicht bei privaten oder dienstlichen Terminen. Es gibt sinnloses Warten, bei dem man immer wieder vertröstet wird. Warten dehnt die Zeit. Wer kennt nicht den an die Uhr gehefteten Blick, wenn man stupide dem Vorrücken des Sekundenzeigers zusieht. "Warten ist eine Kunst, die unsere ungeduldige Zeit vergessen hat" konstatierte der Theologe Dietrich Bonhoeffer. Dieses Warten ist ätzend.

Aber es gibt auch ein Warten, das auch in gewisser Weise mit Genuss verbunden ist und das unser Leben bereichert, ein Warten, das sehnsuchtsvoll und freudig sein kann. Wir treten mit der Adventszeit gerade wieder in diese alljährliche hoffnungsvolle Wartezeit ein, in der wir auf den endzeitlichen Friedensherrscher, den Messias warten, dessen Kommen Christen und Juden ersehnen.

Zu diesem Warten gibt es von dem berühmten jüdischen Philosophen Martin Buber die folgende legendarische Erzählung: Martin Buber soll einmal an einer Veranstaltung zum jüdisch-christlichen Dialog teilgenommen haben. Zahlreiche Juden und noch mehr Christen waren dort versammelt. Als er an der Reihe war zu sprechen, soll er gesagt haben: "Meine Damen und Herren, wir haben in der Tat viele Gemeinsamkeiten. Wir warten alle auf den Messias. Sie glauben, er ist bereits gekommen, ist wieder gegangen und wird einst wiederkommen. Ich glaube, dass er bisher noch nicht gekommen ist, aber dass er irgendwann kommen wird. Deshalb mache ich Ihnen einen Vorschlag: Lassen Sie uns gemeinsam warten." – "Und", so soll Martin Buber dann weiter gesagt haben, "wenn er dann kommen wird, fragen wir ihn einfach: Warst du schon einmal hier? Und dann hoffe ich ganz nahe bei ihm zu stehen, um ihm ins Ohr zu flüstern: Antworte nicht!"

Diese legendarische Erzählung zu Martin Buber eröffnet mit ihrem Wunsch nach Nicht-Wissen in Bezug auf den, mit dem die messianische Zeit anbrechen wird, eine neue Gemeinschaft: nämlich die Gemeinschaft der gemeinsam Wartenden. Buber wünscht sich, dass der Messias nicht antworten wird und nicht dem einen oder anderen – Juden oder Christen – Recht geben wird. So dass sich ein dritter Weg auftut – der des gemeinsamen geduldigen, aber durchaus auch unterschiedlichen, Wartens. Eines Wartens, das jedem Wartenden das je Eigene lässt und aus dieser Haltung heraus die Besonderheit des anderen respektiert und stehen lassen kann.

Warten kann so wunderbar sein, wenn man auf diese Weise auf den blickt, von dessen Herrschaft es heißt: "Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich.“ (Jes 9, 4-6)

Vera Utzschneider, Referat Gymnasium

November 2021

MUT - MUTig - ZuMUTung - ErMUTigung

In einem Kurs im Oktober mit Vikarinnen und Vikaren haben wir eine philosophische Gesprächsrunde geführt zur Frage "Woher kommt der Mut?". Um ins Thema hineinzukommen, war das Bilderbuch "Mutig, mutig" von Lorenz Pauli anregend. Hier können Sie es sich vorlesen lassen, die Lesung dauert 5 min: www.youtube.com

MUT        Dann begannen die Assoziationen der Teilnehmenden. Ihre Gedanken haben mich für diese RPZ-Inspirationen weiter sinnieren lassen zur Frage nach dem Woher des Mutes.
… Manchmal bin ich mutig aus mir selbst heraus. … Ein anderes Mal brauche ich es, dass mir jemand Mut zuspricht. … Mut hat mit Vertrauen zu tun. Ich bin mir meiner Sache zwar nicht absolut sicher, aber ich habe Mut, sie durchzuführen. Ich gehe dabei auch ein Risiko ein, dass ein Teil gelingen wird, Anderes anders wird als ich dachte, dass ich mit einem Aspekt unzufrieden sein werde.        MUTig        … Bei einem mutigen Schritt brauche ich ein gewisses Maß an Selbstvertrauen und an Vertrauen in Andere. Ich möchte mich auf die verlassen können, die mit mir an einem Strang ziehen. Das merke ich z. B. wenn ich etwas vorschlage, das nicht unumstritten ist oder wenn ich etwas sage, was der aktuell gängigen Meinung entgegensteht. … Kommt es bzgl. meines Mutes eigentlich darauf, wie ich aufgewachsen bin? Haben Menschen vielleicht unterschiedlich viel Mut, weil sie unterschiedlich erzogen wurden, ihnen in einer Lebensphase unterschiedlich viel zugetraut oder zugemutet wurde? …

Was bedeutet das für meine Empathie im Beruf? Wer braucht Zutrauen, wer braucht Zumutung und wer braucht den Freiraum, auch sagen zu können, dass sie oder er gerade gar nicht mutig sein will, gerade nichts Neues ausprobieren mag, sondern in der persönlichen Komfortzone bleiben mag, um gut da sein zu können? … Da kommen mir Schülerinnen und Schüler in den Sinn, die vielleicht derzeit noch – wie ich auch – fremdeln mit Situationen die vermeintlich vertraut sind.         ZuMUTung        Sie fühlen sich unwohl, wenn sie mit anderen zu nah beieinandersitzen und niemand eine Maske trägt. … Mir kommen Schülerinnen und Schüler in den Sinn, die mutig sagen sollten, dass sie Inhalte aus dem letzten Schuljahr nicht verstanden haben. Ihr Mut kann ihnen helfen, den Anschluss zu bekommen. … Ich denke an Kolleginnen und Kollegen, die maßvoll sein wollen in den vorher so vertraut gewesenen Umgangsformen. …

Im Vorfeld unseres Gespräches haben wir vereinbart, dass wir als Theologinnen und Theologen auf alle Fälle das philosophische Nachdenken ins Theologisieren münden lassen wollen. Was hat Mut mit Glauben zu tun?
Aus diesem Gesprächsgang beschäftigt mich noch, wie ich mit den biblischen "Fürchte dich nicht"-Worten umgehen möchte oder wie auch nicht. Es gibt Situationen, da brauche ich einen Zuspruch, aber ich mag nicht "Fürchte dich nicht." hören, denn: ich fürchte mich oder bin skeptisch oder würde am liebsten etwas doch nicht machen, weil die Herausforderung zu groß scheint.         ErMUTigung        Dann bin ich zögerlich bis ängstlich und brauche ich eine Ermutigung, die eher so klingt:
Ja, fürchte dich und probier´s trotzdem. Sorge dabei für dich, indem du Unwägbarkeiten im Blick hast und überlegst, wie du mit ihnen umgehen kannst. Oder: Ja, geh drauf zu und mach den ersten Schritt. Mach diesen ersten Schritt überzeugt, nicht mehr, nicht weniger. Oder: Ja, sei selbstkritisch und sei dir sicher, Gott stärkt dein Potential. Und mehr als was dir gerade möglich ist, brauchst du nicht einzubringen.
"Fürchte dich und fang mit Gottes Hilfe an!" ist ermutigend für mich.

P.S.: Die bayerische Landeskirche fördert im Jahr 2021 MUT-Projekte. Gesucht sind Träger-Tandems, die in Kooperation etwas kreativ und innovativ ausprobieren, das Menschen neue Zugänge zum christlichen Glauben ermöglicht. Hier geht es zur Möglichkeit, sich zu beteiligen: https://mut-elkb.de/was-ist-m-u-t/

Claudia Dürr
Religionspädagogische Ausbildung im Vikariat

Die Inspiration als PDF-Datei zum Download

Oktober 2021

Das Leben ist bunt!

Das Leben ist bunt! Dieser Gedanke kam mir, als ich den herbstlichen Asternstrauß auf unserem Wohnzimmertisch betrachtete.

Der Herbst bringt schon ganz besonders hübsche Farben zutage! Aber nicht nur der Herbst lässt alles in bunten Farben erstrahlen.

Auch alles andere im Leben hat vielschichtige und damit bunte Seiten. Diese bunten Seiten müssen nicht immer unbedingt nur positiv sein. Auch wenn wir das gerne damit assoziieren. Aspekte, die uns zweifeln und hadern lassen im Leben, gehören auch mit dazu und können aus der Reflexion heraus betrachtet, Gutes und Lehrreiches in sich bergen. Das kann in den letzten beiden Jahren beispielsweise eine zeitweise Entschleunigung in der Corona-Zeit sein oder auch so manche Krankheit, nach deren Genesung man sich auf einen anderen Lebensstil besinnt. Damit meine ich nicht Schicksalsschläge, die uns leider auch oft – und viele gerade in der Corona-Zeit  - ereilt haben, sondern die Ereignisse, die uns zum Nach- und Umdenken und auch zur Änderung alter Gewohnheiten gebracht haben.

Das Leben ist bunt! Unter "buntes Leben" findet man beispielsweise im Internet eine interkulturelle Kinder- und Jugendhilfe. Es gibt ferner viele Shops mit bunten und fröhlichen Dingen und vor allem die Tierwelt hat in Sachen bunte Vielfalt eine Menge zu bieten: Papageien, Pfauenfedern, Chamäleons, die sich ihrer Umwelt anpassen usw.

Bunt ist auch ein wichtiges Zeichen, das öfter nach einem Regenschauer mit Sonnenschein am Himmel zu bewundern ist: der Regenbogen. Er soll uns immer an den Bund erinnern, den Gott zunächst einmal mit Noah nach der verheerenden Sintflut geschlossen hat (Gen 9).

Berufen wir uns auf dieses Zeichen Gottes, wenn uns einmal alles zu "bunt" wird und auf seine Verheißung, dass er immer bei uns ist und uns beisteht – auch in bunten schwierigen Zeiten, denn wir dürfen immer die Hoffnung haben, dass die schönen bunten Lebensphasen uns danach wieder aufheitern!

Das Leben ist bunt! Genießen wir die positive schöne Vielfalt!

Ihre Sabine Schwab
(Referat Real- und Wirtschaftsschule)

Fotos: Sabine Schwab

September 2021

Ich bin etwas wert

Was macht denn den Wert eines Menschen aus?

Am Ende des letzten Schuljahres hatte mich und viele Kolleg*innen diese Frage besonders bewegt. Da gab es für die Schülerinnen und Schüler Zeugnisse, für einige das Abschlusszeugnis.
Viel Zeit, Anstrengungen und Mühe hatte es sie gekostet, und vielleicht auch manchmal Tränen. Durch ihr Abschlusszeugnis öffnen sie die Tür zu einem neuen Lebensabschnitt. Ein wertvolles Stück Papier hatten sie sich erarbeitet.
Steigert das ihren Wert? Sind sie durch das Abschlusszeugnis mehr wert als vorher?
Und sind gute Abschlussschüler und -schülerinnen mehr wert als die, die es gerade so geschafft haben?

Wenn ich auf das neue Schuljahr schaue, es in Gedanken schon etwas vorplane, dann merke ich, dass neben all der pädagogischen Arbeit immer auch ein besonderes Augenmerk bei Leistungsnachweisen und beim Bewerten liegen wird.

Was macht denn den Wert eines Menschen aus?

Ein Chemiker sagt ganz knapp: 10 €. So viel kosten ungefähr die chemischen Bestandteile unseres Körpers.
Aber allein die Beine von Cristiano Ronaldo sind mit 140 Millionen versichert.
Ein Herz als Spenderorgan ist auf dem Schwarzmarkt mit 130.000 Dollar im Vergleich dazu richtig günstig.
Ist bei Schmerzensgeldzahlungen ein Vater mehr wert als ein kinderloser Mann?
Wie viel bin ich noch wert als Lehrerin, als Lehrer, wenn ich beim „Unterricht digital“ einfach nicht mehr mitkomme?
Der Wert eines Menschen ändert sich, je nachdem, ob ein Chemiker, ein Versicherungsmensch, ein Personalmanager oder die beste Freundin darauf blickt.
Wenn Gott auf mich blickt, wie viel bin ich dann wert?

Was macht denn den Wert eines Menschen aus?

Gott sagt in der Schöpfungsgeschichte „Du bist mein Ebenbild“ und er sagt „sehr gut“ zu uns, Note 1. Für Gott haben wir einen Wert, ohne etwas vorweisen zu müssen oder etwas geleistet zu haben. Der Notendurchschnitt, das Aussehen, die Arbeitsleistung im Beruf sind für Gott nebensächlich.
„Du bist wertvoll in meinen Augen und ich habe dich lieb.“ (Jesaja 43,4) verspricht er.
Und das macht unseren Wert aus.

Der Pfarrer Dietrich Bonhoeffer hat das so formuliert:
„Gott liebt uns nicht, weil wir so wertvoll sind, sondern wir sind wertvoll, weil Gott uns so liebt."

Für unsere Schülerinnen und Schüler heißt das: Ihr seid etwas wert, ihr seid wertvoll. Ihr seid mehr wert als euer Notendurchschnitt.
Für uns selbst heißt das: Kopf hoch! Ich bin etwas wert! Mein Wert wird nicht von den Chefs der Arbeitswelt, sondern vom Chef der ganzen Welt bestimmt.
Du bist wertvoll in seinen Augen.

Was macht denn den Wert eines Menschen aus?

Mit dem Segen Gottes können wir ins neue Schuljahr gehen.
Sein Segen ist eine Auszeichnung. Er bedeutet: Gott verspricht dir seine Nähe, weil du für ihn wertvoll bist.

Gott geht mit dir, wenn nun das neue Schuljahr anbricht.
Gott geht mit dir, wenn du vor Freude jauchzen oder voller Leid weinen könntest.
Gott geht mit dir, weil du es ihm wert bist.

Gott segne dich und behüte dich.
Er lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

Gabriele Stahl, Diplom-Religionspädagogin, Roth

Du bist mehr wert als dein Notendurchschnitt

„Du bist - mehr wert als - dein Notendurchschnitt“
Eine „Wackel“-Postkarte mit diesem Spruch auf der Vorderseite und ein paar Gedanken auf der zu beschriftenden Seite gibt es beim Verlag Marburger Medien.

August 2021

Dank - eine Frage der Haltung

Passend zum Sommer möchte ich Sie nach Italien, in den Wallfahrtsort Monte Nero mitnehmen. Dort findet sich, wie auch in manchen deutschen Wallfahrtsorten, eine große Sammlung von Votivgaben. Ein Brauch, der mir als evangelischem Christ recht fremd ist. Aber vielleicht lag es an der Urlaubsstimmung, dem Sonnenschein und dem Duft nach Thymian und Meer, dass mich dieser Ort berührt hat und zum Nachdenken brachte.

Als erstes fiel mir dieser Glaskasten ins Auge. Er ist gefüllt mit Kinderkleidchen, Bildern und Schleifen in rosa und hellblau. Sie wurden als Dank für die Geburt eines Kindes in die Wallfahrtskirche gebracht. Kinder werden nicht als etwas Selbstverständliches betrachtet, sondern als ein Geschenk Gottes, ein Segen, ein Wunder. Dieser Blick auf junge Menschen war für mich auch immer Grundlage des pädagogischen Handelns in der Schule und hat mir den Blick für deren liebenswerte und faszinierende Seiten geöffnet. Dass dies bei manchen Schüler*innen nicht so ganz selbstverständlich ist, werden viele von Ihnen nachvollziehen können. Aber diese Zeichen der Dankbarkeit für die Geburt eines Kindes haben mich berührt und sind mir im Schulalltag immer wieder in den Sinn gekommen.

Daneben finden sich in den verzweigten Gängen auch Bilder von zu Schrott gefahrenen Autos, blutigen Hemden, umgestürzten Kutschen und andere Zeugnisse von verschiedensten Unglücken oder Krankheiten. Teilweise zweihundert Jahre alt sind diese Votivgaben und erzählen davon, wie Menschen gerettet wurden. Natürlich kann man auch sagen: "Nochmal Glück gehabt." Aber diese Votivgaben deuten solche Zufälle anders: Gott hat mich gerettet, Er (oder Sie) hat mich beschützt und mein Leben soll noch nicht zu Ende sein. Gott hat anscheinend noch etwas mit mir vor. So kann einem tragischen Ereignis eine stärkende und lebensfördernde Deutung gegeben werden. Aber ich stelle mir vor, dass eine solche Votivgabe noch mehr bedeutet. Menschen gehen nach einem einschneidenden Erlebnis nicht einfach zum Alltag über. Eine Votivgabe wird gemalt, gestickt oder geschrieben und in die Kirche gebracht. Man nimmt sich Zeit, um sich mit dem emotional bewegenden, oft aufrüttelnden Geschehen zu beschäftigen und es zu verarbeiten.

Obwohl mir durchaus Situationen einfallen, in denen man könnte sagen mein Schutzengel Schwerstarbeit leisten musste, hänge ich keine Votivgaben auf. Aber ich richte meinen Blick öfters auf die Dinge im Leben, für die ich dankbar sein kann. Und da gibt es sehr Vieles. Wenn man den Tag damit beschließt sich zu überlegen, wofür man dankbar sein kann, wird das Leben etwas leichter. Man lernt, das Glas nicht halbleer, sondern halbvoll zu sehen und kann dem eigenen Leben immer wieder einen Sinn geben.
Dabei will ich keinesfalls all das aus dem Blick verlieren, was tragisch ist und wo die Rettung ausblieb. In der Arbeit an Förderschulen wurde ich ständig mit Menschenschicksalen konfrontiert, die Zweifel an dem guten Gott aufkommen lassen. Aber ebenso oft haben mich gerade Kinder und Jugendliche mit tragischen Lebensgeschichten ermutigt, wenn ich sah, welch lebensfrohe und starke Menschen sie (trotzdem) waren. Ich habe von meinen Schüler*innen viel für das Leben gelernt, auch Dankbarkeit.

Ulrich Jung
(Referat Förderschulen)

Juli 2021

Endlich Sommer!

Wie schön, dass die Tage wieder lang und hell sind, dass alles grünt und blüht und duftet. Sommer, Licht und Sonnenschein haben meistens positive Auswirkungen auf unsere Stimmung: entspannt und heiter, gut gelaunt sein - dazu lädt uns der Juli ein. Auch zur Vorfreude auf die Sommerferien!
Gerade dieses Jahr, nach einem langen Pandemie-Winter und einem eher durchwachsenen Frühling sind unsere Hoffungen und Erwartungen groß: dass der Sommer gut wird;  dass wir endlich wieder Stück für Stück unser normales Leben zurückbekommen können, dass vieles besser wird, weil immer mehr Menschen geimpft werden konnten.
Wie sehr ersehnen wir das Ende der Pandemie - und vielleicht auch, dass wir  selbst - wie die Natur im Frühling - aus der Erstarrung erwachen, dass auch wir wieder aufblühen, lebendiger werden, frisch und munter.
Es tut so gut, wieder unsere Lebendigkeit zu spüren! Wie eine Quelle, die in uns sprudelt ...

Quelle, frisches Wasser, lebendiges Wasser ...

Ich komme ins Nachdenken:

  • Was sehe ich, wenn ich mein Leben anschaue?
  • Wo ist mein Leben im Fluss, wo stockt es?
  • Welche "Durststrecken" habe ich hinter mir und welche "Wüstenzeiten" kenne ich aus meinem Leben?
  • Wohin geht meine Sehnsucht gerade?
  • Wofür wünsche ich mir "lebendiges Wasser"?
  • Welche Quellen der Kraft haben mir bisher immer mal wieder geholfen, neu aufzuleben? (Vielleicht ein freundlicher Blick und ein offenes Ohr, endlich wieder zusammen sein können mit meinen Freund*innen, eine Auszeit, Zeit für mich und für andere, Entspannung, Bewegung in der Natur, neue Orte erkunden, Musik, ein Gebet oder etwas ganz anderes?)
  • Was ist für mich eine Quelle meines Lebens und meines Glaubens?

Wie schön, dass bald die Ferien- und Urlaubszeit beginnt, dass Zeit sein wird, diesen Fragen einfach mal nachzuhängen. Zeit, um frische Kräfte zu sammeln und und die Quellen unserer Lebendigkeit neu zu spüren!
Und wie gut: Urlaub, freie Zeit, hat etwas vom Sabbat, vom Ruhetag, den Gott uns schenkt. Wir dürfen zur Ruhe kommen, einfach da sein, ganz bei uns und nahe bei Gott sein. Wir dürfen uns an seiner schönen Schöpfung erfreuen und mit allen Sinnen das Leben wahrnehmen. Wir dürfen die Quellen unseres Glaubens aufsuchen, uns erfrischen am "lebendigen Wasser" und so auch geistlich- spirituell wieder auftanken.

Wo und wie auch immer Sie Ihre freien Tage verbringen:
eine schöne, entspannende, anregende, neu lebendig machende Zeit wünscht Ihnen

Gudrun Wellhöfer
(Regionalstelle Oberfranken)

Juni 2021

Weisheit

Die westlich-abendländische Tradition kennt sieben Tugenden: Glaube, Liebe, Hoffnung, Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung.

Glaube, Liebe und Hoffnung kennen wir – Im 1. Korintherbrief wird die Liebe als die größte unter ihnen beschrieben.

Heute betrachte ich aber mal die Weisheit als Tugend. Ist damit Klugheit gemeint? Klug wäre es wahrscheinlich, mein überschüssiges Geld (wenn ich es denn habe) in Aktien und ETF-Fonds zu investieren … oder in Unternehmen, die Impfstoffe herstellen. Vielleicht wäre es auch klug, für die Altersvorsorge eine Eigentumswohnung zu kaufen (wenn ich es denn kann) … oder es wäre klug, den richtigen Beruf zu ergreifen – einen, bei dem man viel verdient und wenig Arbeit hat.

Es ist auch klug – sagt mir ein Freund – einen Teil meiner Ersparnisse in Gold anzulegen (wenn ich Ersparnisse hätte).

Ich finde kluge Leute oft toll! Meistens bewundere ich, dass sie viel wissen, intelligent sind, viel und schnell denken, rechnen, überlegen, planen, voraussehen … Ich spiele nicht gerne Schach, Cluedo oder Memory gegen sie – aber es ist toll, wenn man sie im Team hat. "Einen scharfen Verstand haben", das gehört für mich zur Klugheit.

Nicht so gut finde ich Leute, die sich für oberschlau halten – und alle anderen für dümmer. Das passiert vielleicht ganz schnell, wenn man als vermeintlich kluger Mensch jemandem begegnet, der oder die ein wenig einfältig oder langsam zu sein scheint. Arrogante Klugheit stößt mich ab, wirkt sehr unsympathisch auf mich. Vielleicht geht es mir so, weil ich doch ab und zu nicht so klug war. Mathe und Physik zum Beispiel zeigten mir in der Schule schnell die Grenzen meiner Klugheit auf.

Aber was ist der Unterschied zwischen Klugheit und Weisheit?

Vielleicht hilft mir Charlie Chaplin auf die Sprünge:
"Mehr als Klugheit brauchen wir Freundlichkeit und Sanftmut."

Er sagt nicht, dass wir keine Klugheit bräuchten, sondern dass Freundlichkeit und Sanftmut vielleicht wichtiger für uns sein könnten als alle Klugheit. Vielleicht könnte es auch sein, dass Freundlichkeit und Sanftmut von größerer Weisheit zeugen als aller scharfer Verstand und alle klare Intelligenz allein.

Ich glaube, dass es weise ist, freundlich und sanftmütig zu sein.

Es ist also klug, in ETF-Fonds zu investieren – weise wäre es, Schüler:innen im Unterricht  auch noch die dritte und vierte Chance zu geben.

Klug ist es, eine Eigentumswohnung zu kaufen – weise wäre es, es geduldig und gelassen zu warten, wenn der alte Herr vor mir an der Kasse in Zeitlupe nach den Münzen kramt.

Es ist klug, Gold zu kaufen – weise wäre es, bei einem Streit oder in Diskussionen maßvoll und respektvoll zu sein.

Ich glaube, Weisheit ist deutlich billiger!

Armin Hamann
(Ausbildung der Religionspädagog*innen)

Mai 2021

Eine Geschichte ist eine Geschichte, ist eine Geschichte …

Ich mag Geschichten, wenn sie gut erzählt sind, wenn sie mich fesseln, wenn sie meine Gedanken anregen, wenn Bilder in meinem Kopf entstehen, wenn sie mein Herz oder meine Seele berühren. Und es spielt keine Rolle, ob diese Geschichte versucht, ein reales Ereignis zu beschreiben oder die Geschichte in der Gedankenwelt eines Menschen entstanden ist. Eine gute Geschichte bleibt eine gute Geschichte.

Signatur Beuys

Seinen hundertsten Geburtstag feiern wir in diesem Monat. Joseph Beuys war und ist einer der bedeutendsten deutschen Künstler der Gegenwart. Und kaum jemand war und ist auch so umstritten. Am 12. Mai 1921 wurde Joseph Beuys am Niederrhein geboren

Hier sollen nicht sein Werk, seine vielfältigen Installationen und Provokationen, sein politisches Engagement und seine Lehrtätigkeit im Mittelpunkt stehen. Das wird sicher in den Tagen noch genügend geschehen. Es geht hier um eine seiner Geschichten, die er erzählte und die ihn, so er selbst, sehr geprägt hat, vor allem sein besonderes Verhältnis zu Filz und Fett, Stoffe, mit denen er immer wieder experimentiert und sie in seinen Kunstwerken verarbeitet hat.

Joseph Beuys mit Studierenden

Am 16. März 1944 stürzten Joseph Beuys und der Pilot mit ihrer Stuka östlich des Feldflughafens Karankut in der heutigen Ukraine bei Schneefall und schlechter Sicht ab. Die Maschine zerschellte am Boden. Der Pilot starb. Beuys überlebte schwer verletzt. Er wurde unter der Maschine eingeklemmt.

Einen Tag später wurde er ins Lazarett eingeliefert. Später erzählte er gerne diese Geschichte: Tartaren hätten ihn, den Schwerverletzten, gefunden und gepflegt. Sie hätten ihn acht Tage mit Filz gewärmt und seine schweren Wunden mit tierischem Fett behandelt.

Eine wunderbare Geschichte, erklärt sie doch eindrücklich den Hang des Künstlers zu diesen beiden Stoffen. Und doch, es ist eine Geschichte, eine von ihm selbst gut erzählte Narration. Er hat sie so oft erzählt, dass er selbst der festen Überzeugung war: Es war so.

Eine Geschichte ist eine Geschichte ist eine Geschichte. Vielleicht geht menschliches Leben nicht anders. Narrationen helfen, meine eigene Geschichte zu einem Ganzen zu machen. Und manch eine Narration wird zu einem Teil von mir.

Ob das so auch für die biblischen Narrationen gilt?

Hans Burkhardt
(Regionalstelle Unterfranken)

Bildnachweis:
Signatur Beuys: Photo von Husky, Public domain, via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0
Joseph Beuys mit Studierenden: photographed by Rainer Rappmann 1973, Quelle: www.fiu-verlag.com, CC BY-SA 3.0

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