Inspirationen

Spirituelle Impulse und Worte zum Nachdenken, geschrieben und gestaltet von Mitarbeitenden des RPZ, jeden Monat neu.

Wenn der Himmel die dunklen Wolken vertreibt

Manchmal kann einem dieses diesige und graue Herbstwetter ganz schön auf die Nerven gehen: Morgens bleibt es ewig lange noch duster und das nasskalte Wetter tagsüber lässt die Erinnerung an die vergangenen sonnendurchfluteten Tage und Abende nur noch umso schmerzhafter erscheinen:

Wieder neigt sich ein Jahr dem Ende entgegen, wieder bin ich älter geworden, wieder sind ungenutzte Chancen unwiederbringlich vorbeigegangen... Manchmal scheint es, dass die trübe Jahreszeit auch die Sichtweise auf die dunklen Wolken unseres Lebenshimmels verstärkt. Eine unbestimmte Dunkelheit schlägt sich auf unsere Stimmungslage nieder. Man schätzt, dass bereits sogar bis zu 10% Prozent von Grundschülern davon betroffen sein können. Jeder von uns kennt solche Lebensphasen. Manchmal verstecken sich solche Gefühlslagen auch geschickt unter ganz anderen Symptomen. Ich denke an einen Schüler, dessen Aufsässigkeit und Unterrichtsstörungen mich regelmäßig zur Weißglut getrieben haben. Dass sich dahinter eine Depression und ein belastendes Familienleben mit einem alkoholkranken Vater verborgen hat, das wurde mir erst viel später bewusst.

Es kann eine Veranlagung, ein bestimmter Anlass oder die Verkettung unglücklicher Umstände sein, die eine Depression auslösen. Wenn dann Angehörige oder ein ganzes Lehrerkollegium darunter leiden, kann ein qualifiziertes Gespräch, ein entlastendes Netzwerk, hilfreich sein. Der Schulpsychologe und die Kontaktaufnahme mit den Eltern haben im geschilderten Fall sehr geholfen. Ja und manchmal gibt es auch diese Fügungen des Schicksals, die sogar die Wirkung von Antidepressiva und aufwendigen Therapiesitzungen noch toppen können:

Es läutet und der erwähnte aufsässige Schüler steht vor meiner Haustür. Er bittet mich, ihn und seine zukünftige Frau zu trauen. Ich war ganz erstaunt, wie freundlich, aufgeschlossen und sensibel dieser junge Mann zwischenzeitlich geworden ist. "Da muss im Himmel jemand an mich gedacht haben, dass ich dieser Frau begegnet bin" sagt er mir. Und dann erzählt er über die Verspätung der S-Bahn, dem überfüllten Zug und dem Blick zu dieser Frau, die ihn damals wie ein Blitz getroffen hat. "Mit ihr kann ich über alles reden, wir hatten von Anfang an das Gefühl, dass wir füreinander geschaffen sind." Und ich denke mir: Vielleicht hat er trotz aller Störungen im Religionsunterricht doch mitbekommen, wie wichtig und heilsam es ist zu wissen, dass es jemanden gibt, der bedingungslos zu mir hält, egal ob im Himmel oder auf der Erde und auch: Dass es im Leben doch noch einen guten Ausgang nehmen kann. Auch wenn ich mir das gar nicht mehr vorstellen kann.

Tiefdruckgebiete des Lebens können sich tatsächlich manchmal ganz ohne Medikamente und Therapiesitzungen wieder auflösen. Es scheint, dass es da eine Art innere Heilung gibt, die uns ganz unbewusst zu Ärzten macht. Und wenn es mich einmal selber trifft, dann möchte auch ich damit rechnen: Der Himmel wird mir im rechten Moment ein Geschenk schicken und meine dunklen Wolken vertreiben.

Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Offb. 21,2 (Monatsspruch November 2018)

Thomas Krüger
(Regionalstelle Niederbayern/Oberpfalz)

Foto: Ulrich Jung

Oktober 2018

Herr, all mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzen war dir nicht verborgen.
Ps 38,10 (E)

Wir saßen im Kollegium zusammen, haben uns Bibeltexte erschlossen, theologische Einsichten ausgetauscht und über gelingendes Leben und glückende Gemeinschaft diskutiert. Wir waren angeregt und gut gelaunt. Da legte ein Kollege Widerspruch ein: Wir sollten nicht vergessen, dass das Reden über gelingendes Leben auch seine Grenzen habe. Es gebe Menschen, die schwer traumatisiert seien, Menschen mit Depressionen, Menschen, denen das Leben übel mitgespielt habe.

Und nun lese ich Psalm 38, dem der Monatsspruch für den Oktober entnommen ist. Was für ein Klagelied! Was für ein Leben! "Meine Wunden stinken und eitern. ... Ich gehe krumm und sehr gebückt; den ganzen Tag gehe ich traurig einher. Ich bin matt geworden und ganz erschlagen; ich schreie vor Unruhe meines Herzen." (38,6.7.9) Kann ich dazu "Inspirationen" schreiben?

Ich halte inne und lasse die Worte auf mich wirken. Na ja, ich kenne Tage, sogar Wochen, an denen ich krumm ging und ganz erschlagen war. Aber was ist das angesichts des Leids des Menschen aus Psalm 38. Ich werde dankbar und demütig. Mir wird klar, dass ich nicht immer von mir auf andere schließen kann. Viel zu oft bringe ich meine eigenen Erfahrungen und Erkenntnisse ins Spiel. Und ich vergesse, dass das Leben anderer und ihre Erfahrungen fern meiner Vorstellungen sein können. "Wir sollten nicht vergessen, dass das Reden über gelingendes Leben auch seine Grenzen hat." Danke, lieber Kollege, dass du mich daran erinnert hast.

Gerda Gertz
(Referat Mittelschule am RPZ)

Quellenangaben:
Monatsspruch: E = Einheitsübersetzung
Bibelverse im Text: Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
Foto: Oleg Astakhov

September 2018

Hätte, hätte, Fahrradkette

Im Norden Nürnbergs, auf der Landkarte etwas zwischen Flughafen und Autobahn eingezwängt, liegt der Stadtteil Buchenbühl.

Wenn man dort vom Sportplatz aus den Sebalder Reichswald betritt, kann es einen nach ein paar hundert Metern ganz schön gruseln: Rundum sind die Bäume mit weißen Kreuzen bemalt. Grob mit zwei dicken Malerbürstenstrichen geschmiert, bleich und kalt. Ein bisschen wie die Vögel im gleichnamigen Horrorfilm sind sie – allgegenwärtig und stumm, fast abwartend.

Wenn man weiß, wofür die Kreuze stehen, wird es erst mal nicht viel besser. Die Bäume werden durch die Kreuze zu Mahnmalen für ihre eigene Zukunft – bzw. Nichtzukunft: Eine Bürgerinitiative hat sie markiert, um gegen die bevorstehende Fällung zu protestieren, um augenfällig zu machen, welch ein Verlust droht. Sie leben nämlich von geborgter Zeit, seit vor mittlerweile über zehn Jahren der Bau eines Autobahnzubringers zur Autobahn genehmigt wurde, der eine Schneise mitten durch das Naherholungsgebiet ziehen würde.

Warum stehen die Bäume überhaupt noch? Das liegt vor allem an den Menschen, die sich vehement für den Erhalt der Natur einsetzen und dafür sorgen, dass hier nicht klammheimlich Tatsachen geschaffen werden:

Das Nürnberger Friedensforum organisiert seit vielen Jahren regelmäßige Schöpfungsgebete am Predigtstein unter einer uralten Eiche, die auch weichen müsste. 

Eine ausgesprochen rege Bürgerinitiative hält das Thema neben der politischen Gremienarbeit immer wieder mit witzigen Aktionen wach, so wurde etwa zum fünften Jahrestag des Nichtbaus der Spaten des ersten Stichs unter zeremoniell-fröhlichen Dixieklängen begraben.   

Einzelne Bürger werden nicht müde, immer wieder auch über die sozialen Medien die Verantwortungsträger in die Pflicht zu nehmen.*

Aber ohne diesen Einsatz geringschätzen zu wollen: Im Grunde sind das nur Nadelstiche, die Gnadenfrist für fast 40 Hektar Wald verdankt sich einer Ironie der Geschichte: Derzeit stockt der Straßenbau vor allem, weil ein Teil des zu bebauenden Bodens in Flughafennähe von jahrelangen Löschübungen der Flughafenfeuerwehr gründlich mit chemischen Rückständen verseucht ist, die derzeit nicht im großen Stil rentabel abbaubar sind.

In anderen Worten: Die Umweltverschmutzung, die vor Jahrzehnten in den besten Absichten begangen wurde, verhindert heute eine viel größere Sauerei.

Man fühlt sich an Bertolt Brechts »Ballade von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens erinnert: »Ja mach nur einen Plan / sei nur ein großes Licht! / Und mach dann noch´nen zweiten Plan / gehn tun sie beide nicht.« Oder an das immer so eigentümlich gleichzeitig resignierte und einsichtsvolle Buch Kohelet: »[W]er weiß denn, was für den Menschen gut ist in seinem kurzen und vergeblichen Leben […]?« (6,12)
Man kann sich aber auch an das mit etwas optimistischerem Gottvertrauen ausgestattete Buch der Sprüche wenden: »Der Mensch denkt über vieles nach und macht seine Pläne, das letzte Wort aber hat der HERR.« (16,1)

Unter diesen Vorzeichen erwächst, wie so oft, aus der Ironie ein tröstlicher Gedanke: Die Fehler der Vergangenheit können die Zukunft retten, wenn wir in der Gegenwart wachsam bleiben. Aber ob aus ›können‹ irgendwann ›sein‹ wird, das entscheiden dann doch nicht nur wir. Wer in diesem Wissen in den Wald geht und hinter den bleichen Kreuzen das satte Grün sieht und genießt, hat für's erste schon einmal sehr viel richtig gemacht.

Johannes Rüster
(Redaktionsleiter GPM)

*) Die medienethische Verantwortung zwingt den Verfasser, anzugeben, dass er als unmittelbarer Anwohner an diesen Aktionen nicht immer ganz unbeteiligt ist.

August 2018

Sommerzeit, freie Zeit, Urlaubszeit

Mit dem Beginn der Sommerferien gehen viele in Urlaub und genießen freie Tage. Die Sehnsucht nach freier, unverplanter Zeit, nach Ruhe oder Action bricht sich Bahn. Ob zuhause oder in fernen Ländern kann dies auch eine Reise zu sich und zu den Mitmenschen sein. Mit dem Reisesegen von Andy Lang wünsche ich eine gesegnete Sommerzeit!

Ihre Gerlinde Tröbs

Reisesegen

Möge Ruhe Einzug halten in deine Gedanken
und ein leichter Wind über den Hügel deinen Geist mit Morgenfrische füllen!

So erwachst du zu neuem Leben, das wie Tau über Gräser perlt!

Möge die Stille grüner Landschaft deine Seele beflügeln
und möge sie aufbrechen zu Pfaden der Freiheit!

So kann deine Sehnsucht Sprache finden!

Mögen die Menschen sich in deiner Nähe geborgen fühlen so wie du dich in ihrer!

Ihr werdet den Raum der Liebe betreten, in dem alles Geben auch Empfangen ist!

So trägst du ein Geschenk des Himmels in dir!

Mögest du wiederkehren mit dem Glanz der Zärtlichkeit in deinen Augen,
einem Lächeln auf deinen Lippen und dem Lied der Schönheit und Heiligkeit in deinem Herzen!

So hast einen Blick in die Tiefe des Lebens gewagt!

Mögest du beschützt und geborgen sein auf deinem Weg in die Weite,
gehalten im Sturm, umfangen im Sonnenschein, berührt vom Segen,
der über deinem Leben liegt!


So wirst du selbst ein Segen sein!

Andy Lang

Juli 2018

Über die Möglichkeit, das Unsagbare zu sagen

"Und Kroos zirkelt den Ball ins Dreieck - Deutschland kann aufatmen." (Deutschland – Schweden, 95. Minute) Alles klar? Werden sich in zweitausend Jahren Wissenschaftler den Kopf darüber zerbrechen, wieso ein Ball mit einem Zirkel und einem Dreieck für gute Luft im Jahr 2018 in Deutschland sorgen konnte?

Es ist schon unterhaltsam, wie sinn-frei die Sprache wird, wenn man die Metaphorik wörtlich nimmt. Vor vier Jahren produzierte der WDR (Die Sendung mit der Maus) einen kurzen Beitrag, in dem solche Metaphern bei einem Fußballspiel wörtlich dargestellt wurden. Ein unterhaltsames Filmchen, das ich auch damals im Unterricht einsetzte, um den Schülerinnen und Schülern deutlich zu machen, wie selbstverständlich wir Metaphern verwenden und zu welchen Missverständnissen es führt, wenn wir nicht in der Lage sind, sie richtig zu deuten.

Diese Schwierigkeit begegnet uns permanent, wenn wir im Religionsunterricht über Dinge reden, die man nur in Vergleichen, Bildern, Metaphern und Symbolen zum Ausdruck bringen kann. Und genau um diese Themen dreht sich sehr viel im Religionsunterricht. Nehmen wir nur das Beispiel von Jesus als "Sohn Gottes". Wer war der Vater und vor allem, wer war die Mutter? Ohne das Bewusstsein, dass viele zentrale Begriffe und Inhalte des RU gedeutet werden müssen und angemessener Interpretationen bedürfen, sind Missverständnissen Tür und Tor geöffnet.
Nicht selten sind solche Missverständnisse und Fehldeutungen die Ursachen für kritisches und ablehnendes Verhalten im Unterricht. Wohl am häufigsten beim Thema "Schöpfung", wenn immer noch gedacht wird, dass die biblischen Berichte ein Widerspruch zu einem naturwissenschaftlichen Weltverständnis wären. Allerdings zeigt gerade dieses Beispiel auch, dass religiöse Gruppen und Kirchen nicht unschuldig daran sind. Der kindlich-naive Reflexionsstand kreationistischer Gruppen, die tatsächlich behaupten, die Welt sei in sieben Tagen entstanden, befeuert solche Missverständnisse medienwirksam.

Aber ich möchte zu dem eingangs erwähnten unterhaltsamen Film aus der Sendung mit der Maus zurückkommen. Es ist eine wichtige Aufgabe im Religionsunterricht ein Bewusstsein bei den Schülerinnen und Schülern zu schaffen, dass bildhafte Sprache die einzige Möglichkeit ist von Gott, dem Leben nach dem Tod etc. zu sprechen. Was größer ist als all unsere Vorstellungskraft, lässt sich eben nur in Vergleichen, Bildern und Symbolen zur Sprache bringen. Die Unterscheidung zwischen dem Bild und dem tatsächlich Gemeinten ist dabei zentral, damit es nicht zu solchen Missverständnissen kommt. Paul Tillich formuliert sehr treffend: Ein Glaube, der seine Symbole wörtlich versteht, wird zum Götzenglauben. Er nennt etwas unbedingt (A.d.V. das Bild, den Vergleich, das Bild), was weniger ist als unbedingt. Der Glaube aber, der um den symbolischen Charakter seiner Symbole weiß, gibt Gott die Ehre, die ihm gebührt.

Es ist eine Herausforderung, den üblichen kirchlichen und religionspädagogischen Sprachgebrauch genau daraufhin zu untersuchen, wo bildhafte Sprache benutzt wird und diese Bilder in die Lebenswirklichkeit der Jugendlichen zu übersetzen. Was bedeutet es real, erfahrbar und greifbar, wenn z. B. gesagt wird, dass Gott einen Menschen auf seinem Lebensweg begleitet? Neben der Schwierigkeit solche Deutungen für uns als Unterrichtende zu finden, steht die Aufgabe, die sich durch den gesamten Unterricht ziehen muss, ein Bewusstsein für symbolische und bildhafte Sprache bei den Schülerinnen und Schülern zu wecken und eine entsprechende Sprachfähigkeit einzuüben. Hubertus Halbfas hat in seinem Unterrichtswerk dies mustergültig geplant, so dass der Umgang mit religiöser Sprache aufeinander aufbauend durch alle Schuljahre angebahnt wird.
Mit dem kleinen Film kann man in den nächsten Wochen schon einmal damit anfangen: Wörtlich verstanden klappt nicht immer.

Ulrich Jung

(Referat Förderschulen am RPZ)

Juni 2018

Laufen zum Schalom

Bewegung und Friede – was haben sie miteinander zu tun?
Innere Ruhe finden – manchmal alles andere als einfach. Seelische Belastungen, die auf uns ruhen, lassen sich – selbst an ruhigen warmen Sommertagen – nicht so ohne Weiteres ausräumen. Dazu die äußere Unruhe und der Unfriede, geschürt durch unberechenbare Politiker und den bedrohlichen gewaltsamen Terror, der für sich selbst keine Regeln friedvollen Zusammenlebens gelten lässt und sich auch Ruheorte wie Cafes in Fußgängerzonen oder attraktive Ferienziele für seine Wut und seine tödlichen Attacken aussucht.

Sowohl aus der Bibel als auch aus der modernen Gesundheitsmedizin wissen wir, dass es für inneren Frieden und seelische Beruhigung hilfreich ist, sich zu bewegen und in Bewegung zu bleiben. Und im Alten Testament lesen wir, dass kein Friede, kein schalom, ohne Recht und Gerechtigkeit möglich ist und dass die Menschen Gottes Weisung und Inspiration brauchen, um in Frieden und Gerechtigkeit miteinander leben zu können. In dem großen Geschichtsentwurf des Prophetenbuchs des Micha erfahren wir, welche große Rolle Bewegung dabei spielt:

In zukünftigen Tagen wird der Berg, darauf des Herrn Haus steht, fest stehen, höher als alle Berge und über die Hügel erhaben. Und die Völker werden herzulaufen und viele Heiden werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinaufgehen zum Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln. Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem. (Mi 4,1f.)

In diesem Text wird viermal von Bewegung gesprochen, im wörtlichen wie im metaphorischen Sinn: herlaufen, hingehen, hinaufgehen und wandeln. Man muss sich in Bewegung setzen, um die Weisung Gottes zu hören, damit Schwerter zu Pflugscharen (vgl. Mi 4,3) und die Spieße zu Winzermessern werden. Dann wird ein Leben in Frieden und Gerechtigkeit möglich sein: Ein jeder wird unter seinem Weinstock und seinem Feigenbaum wohnen, ohne dass ihn einer aufschreckt. (Mi 4,4)

Dieses eschatologische Bild des Wohnens unter den Kulturpflanzen Weinstock und Feigenbaum meint aber keinesfalls nur ungestörtes Genießen und faules Nichtstun, im Gegenteil. Es meint das sichere Leben im (eigenen) Land mit der Möglichkeit, ohne Angst vor Krieg und Terror Kulturtätigkeiten wie der sorgfältigen Pflege der Feigenbäume und Weinstöcke, dieser empfindlichen Gewächse, mit Pflugscharen und Winzermessern nachgehen zu können.
Und: Zu diesen Arbeiten gehört immer auch eine angemessene Bewegung.

Auch die moderne Gesundheitsmedizin sieht in der Bewegung einen Schlüssel für unseren Weg zum inneren Frieden: in einem sinnvollen, moderaten Maß an Bewegung, bei dem man ganz bewusst und behutsam mit wacher Achtsamkeit mit sich und seinem Körper umgeht und dessen Reaktionen aufmerksam wahrnimmt. So lässt sich der Blick von den Dingen des Alltags heben und das Wesentliche kann ins Auge gefasst werden. In unserer Zeit eine nicht zu unterschätzende Form von Kulturtätigkeit.

Uns allen einen guten Start in den beginnenden Sommer!

Vera Utzschneider

(Referat Gymnasium am RPZ)

Bibeltexte: Übersetzung Helmut Utzschneider
Bild: Läufer bei den Panathenäischen Spielen (Vase, ca. 530 v. Chr.), Wikimedia Commons

Mai 2018

'Religion - Opium des Volkes'

200 Jahre wird er am 5. Mai dieses Jahres: Karl Marx, Protagonist des nach ihm benannten Marxismus und mit Friedrich Engels Wegbereiter der sozialistischen Idee. Seine Geburtsstadt Trier ist sich unsicher, wie sie mit der überlebensgroßen Statue – ein Geschenk des chinesischen Volkes zum Jubiläumsjahr - umgehen soll, ist dieser Philosoph und Denker doch bis heute umstritten.

Herausfordernd ist er für alle Fragen nach Religion und Kirche. Kaum jemand hat in der Folge von Ludwig Feuerbach so radikal über Religion und Glaube nachgedacht und beides fundamental kritisiert.

Auch wenn Glaube, Religion und Kircheninstitution zur Zeit des großen linken Denkers sich sehr von dem unterscheidet, wie heute Religion und Glaube gesehen wird, so bleiben seine Worte und Gedanken für mich immer wieder Herausforderung und Mahnung. Ich glaube, seine Interpretation hat nichts davon verloren, dass er zu Recht den Finger in eine Wunde von Religion allgemein legt: Religion verliert ihre Daseinsberechtigung dann, wenn sie die Menschen unfrei macht, wenn sie Menschen daran hindert, sich selbst und die eigenen Fähigkeiten zu entdecken, wenn der Mensch als handelndes Individuum nicht ernst genommen wird.

Seine Gedanken haben nichts von dieser Schärfe verloren und passen wieder überraschend gut in die heutige Zeit:

"Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist.

Die Kritik hat die imaginairen Blumen an der Kette zerpflückt, nicht damit der Mensch die phantasielose, trostlose Kette trage, sondern damit er die Kette abwerfe und die lebendige Blume breche. Die Kritik der Religion enttäuscht den Menschen, damit er denke, handle, seine Wirklichkeit gestalte, wie ein enttäuschter, zu Verstand gekommener Mensch, damit er sich um sich selbst und damit um seine wirkliche Sonne bewege. Die Religion ist nur die illusorische Sonne, die sich um den Menschen bewegt, solange er sich nicht um sich selbst bewegt."

Karl Marx: Zur Kritik der Hegel’schen Rechtsphilosophie. In: Deutsch-Französische Jahrbücher, Paris 1844, Seite 72. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource.

Hans Burkhardt

(Regionalstelle Unterfranken)

April 2018

Osterbotschaften - ins Licht rücken

Die Sonne geht auf ...

"Es gibt Hoffnung auch gegen den Augenschein."
"Hass und Gewalt behalten nicht das letzte Wort."
"Liebe ist stärker als der Tod."
"Ein neuer Anfang ist möglich."
"Nichts kann uns von Gottes Liebe trennen."
"Gott steht zu dem, was Jesus getan hat."
...

Es gibt so viele Möglichkeiten von der Osterbotschaft zu erzählen.
Ich weiß nicht,
ob Sie einer der Gedanken heute anspricht oder es für Sie gerade nur fromme Worte sind ...
Velleicht drücken Sie die Osterbotschaft ja auch ganz anders aus.

Die Auferstehung feiern heißt für mich,
diese Botschaften mit Leben zu füllen.
So bleiben es nicht leere Worte,
sondern die Botschaft von Gottes Liebe gewinnt auf vielfältige Weise Gestalt.

Das geschieht,
wenn Menschen nach langer Zeit wieder aufeinander zugehen
wenn Menschen für andere einstehen - auch wenn es schwierig wird
wenn Menschen die Not anderer nicht übersehen
... wenn ich ...

Das geschieht,
wenn Menschen Zuwendung erfahren
wenn Menschen befreit aufatmen können
wenn Menschen wieder Vertrauen ins Leben gewinnen
... wenn ich ...

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen, dass es bei Ihnen Ostern wird,
dass Sie die Osterbotschaft in ihrem Leben entdecken
und selbst in Ihrem Handeln zeigen, wie die Ostersonne aufgeht ...

Eine gesegnete Osterzeit – nicht nur zu Ostern!
Ihre Susanne Menzke

(Referat Elementarbereich am RPZ)

März 2018

KREUZWORT

Mit manchem Wort ist es ein Kreuz,
manches wird durch ein Wort
zum Kreuz.

Ein Wort kann zum Balken werden,
der sich im Ohr quer legt
oder auf den Magen schlägt.
Wenn Worte vielleicht
unbedacht gesprochen werden.

Wohl dem, der dann nachfragt,
wie sie gemeint waren, die Wörter.
Ob sie nur so dahingesagt waren
der mit einer Absicht verbunden sind.

WORT OHNE KREUZ

Jetzt fehlt die Verbindung nach unten,
das Wort ist nicht geerdet.

Ein Wort kann bodenlos sein,
wenn es jemand klein macht,
gesprochen oder geschrieben.

Wohl dem, der Worte aussucht,
die den Anderen, die Andere
groß sein lassen.

KREUZ OHNE WORT

Da fehlt mir das Wort.
Es bleibt nur ein Pfahl
und der schmerzt manchmal.

Wenn ich ein Kreuz zu ertragen habe,
brauche ich tragende Worte,
mittragende Hände.

Wohl dem, der es mir sagt.

GOTTES WORT

Es war mitten im Leben in Jesus Christus,
der quer gedacht hat und in vielen Worten bedacht war,
der bodenlose Worte aufgedeckt hat und jeden Menschen groß gesehen hat,
der selbst kreuztragende Hände Anderer gebraucht hat
und mittragende Worte gesprochen hat.

Wohl Gott,
der uns ein Beispiel gegeben hat.

Claudia Dürr

(Pädagogische Ausbildung für Schule und Gemeinde im Vikariat)

Februar 2018

Wieder aufstehen - mit neuer Kraft

Fasziniert haben sie mich schon immer, die Clowns, nicht nur im Fasching oder im Zirkus.  Besonders beeindruckend finde ich, wie nah bei einem Clown Weinen und Lachen zusammen liegen. Eben noch weint er dicke Krokodilstränen und im nächsten Moment springt er schon wieder munter umher und bringt andere zum Lachen. Das kennen Sie wahrscheinlich auch von den Kindern, die Sie unterrichten. Wie nah liegen bei ihnen oft Weinen und Lachen zusammen. Wie schnell geht es und der Kummer ist wieder vergessen. Manchmal beneide ich Kinder um diese Eigenschaft.

Der Clown auf dem Foto ist ein Stehaufmännchen. Vielleicht hatten Sie selbst ein solches Spielzeug oder Ihre Kinder? Es ist eine Figur, die unten rund ist. Immer, wenn man sie zu Boden drückt, steht sie sofort wieder auf, als wäre nichts gewesen und schaukelt fröhlich hin und her.

Mit seinem Auf und Ab ist es ein Bild für unser Leben: Da gibt es Zeiten, in denen wir den Kopf oben haben, in denen wir aufrecht stehen; Zeiten, in denen es uns gut geht, in denen wir Erfolgserlebnisse haben; Zeiten, in denen wir einfach zufrieden sind mit unserem Leben.

Aber dann trifft uns plötzlich ein Schlag von rechts oder von links. Wir erleben etwas, das uns zu schaffen macht, das uns in Frage stellt: Misserfolge, Versäumnisse, Kritik, eigene Zweifel oder auch einfach Erschöpfung und das Gefühl: Mir wird das alles zu viel.

Solche Erfahrungen können uns schon mal zu Boden werfen. Genauso wie das Stehaufmännchen immer wieder umgestoßen wird. Aber das ist eben das Spannende an diesem Spielzeug: Egal wie fest man es zu Boden stößt und wie lange man es dort festhält: Es lässt sich nicht unterkriegen. Es steht immer wieder auf.

Beim Stehaufmännchen passiert das automatisch, weil es so gebaut ist, dass es gar nicht am Boden bleiben kann. Aber wie ist das bei uns, wenn wir am Boden sind, wenn uns ein Misserfolg oder die Fülle der Aufgaben einfach umgehauen hat? Wir sind ja schließlich keine Stehaufmännchen - und müssen es auch nicht sein. Wir müssen nicht immer gut drauf sein und immer fröhlich lächelnd durchs Leben gehen. Auch Kummer und Traurigkeit haben ihre Zeit.

Aber was hilft uns, nach einer Zeit der Traurigkeit, wieder neuen Mut zu fassen? Was hilft uns dabei, immer wieder aufzustehen, uns nicht unterkriegen zu lassen und neue Kraft zu schöpfen? Was hat Ihnen geholfen, beim letzten Mal, als Sie am Boden lagen?

Das war bestimmt bei jeder und jedem von uns etwas anderes. Vielleicht war es das Gespräch mit einem lieben Menschen – direkt oder am Telefon. Vielleicht hat uns jemand an die Hand genommen und uns geholfen. Oder wir haben uns Zeit und Ruhe gegönnt, mal wieder richtig ausgeschlafen und danach sah die Welt schon wieder ganz anders aus. Von irgendwoher bekamen wir wieder Kraft und neuen Mut. Vielleicht haben wir uns plötzlich daran erinnert, wie wir schon ähnlich schwierige Situationen bewältigt haben. Vielleicht war es auch ein Bibelwort oder ein Liedvers, der uns neu Mut gemacht hat. Oder ein Gebet, in dem wir gespürt haben, dass wir nicht allein sind.  

Auf verschiedenen Wegen können wir die Kraft finden, wieder vom Boden aufzustehen. Und in all dem, was uns von neuem auf die Beine bringt, erleben wir etwas von Gottes Hilfe und Begleitung. Denn im Rückblick können wir oft spüren, dass er es war, der uns durch die schwere Zeit hindurch getragen hat und der uns Menschen auf den Weg geschickt hat, die uns begleitet haben.

Dazu lesen wir in der Bibel beim Propheten Jesaja:
"Gott gibt dem Müden Kraft, und Stärke genug dem Schwachen. Selbst junge Leute werden kraftlos, die Stärksten erlahmen. Aber alle, die auf Gott vertrauen, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden."

Ich wünsche uns allen, dass wir dies immer wieder erleben dürfen, dass wir neue Kraft bekommen, wenn wir uns ausgepowert und niedergeschlagen fühlen. Dass wir uns von dieser Zusage Gottes Mut machen lassen, dass er bei uns ist und uns begleitet.
Im Vertrauen auf ihn dürfen wir immer wieder neu aufstehen und zuversichtlich  in die kommende Zeit gehen.

So heißt es in einem irischen Segen:
Gott gebe dir
Für jeden Sturm einen Regenbogen
Für jede Träne ein Lachen
Für jede Sorge eine Aussicht
Und eine Hilfe in jeder Schwierigkeit.
Für jedes Problem, das das Leben schickt,
einen Freund, es zu teilen
für jeden Seufzer ein schönes Lied
und eine Antwort auf jedes Gebet.
Amen.

Gudrun Wellhöfer

(Regionalstelle Oberfranken)

Januar 2018

Mein altes Schulheft und das neue Jahr

Es ist eine unauslöschliche Erinnerung aus meiner Schulzeit: Endlich darf ich ein neues Heft beginnen! Das alte mit den Eselsohren, dem verschmierten Abdruck vom Pausenbrot und den von unschöner roter Lehrertinte korrigierten Seiten darf entsorgt werden. Jetzt liegt das neue Heft vor mir: sauber, weiß, voller Hoffnung. Und dann der Vorsatz: Nie mehr soll das neue Heft einmal enden wie das unansehnliche alte. Ich will mir Mühe geben, schöner schreiben, keine Fehler machen…

Neuanfänge machen glücklich: Die neue, schnelle und aufgeräumte Festplatte ohne Datenmüll, der faszinierende Geruch im Innenraum des neuen Autos und der Jahreskalender 2018 mit den noch vielen leeren Kalenderseiten. Neuanfänge sind Kraftquellen und Motivationsschübe. Ja, ich werde es besser machen, ordentlicher, sauberer, will achtsamer mit meiner Zeit umgehen, mit meinen Mitmenschen, mit meiner Kraft, Gesundheit und meiner verbleibenden Lebenszeit, die ja wieder um ein Jahr reduziert werden wird. Doch Vorsätze für das neue Jahr halten meistens nicht lange und allzu schnell verfalle ich dann doch wieder in den alten Trott. Allzu schnell sammelt sich schon wieder Belastendes auf meinem PC, dem Terminkalender und meiner Seele an. Woran mag das wohl liegen? An meiner Trägheit, mangelnder Intelligenz und Disziplin, meiner Schwäche?

In der Jahreslosung für das Jahr 2018 heißt es: "Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers - umsonst" (Offb. 21,6). "Umsonst" das ist das Zauberwort. Der ständige Appell an die eigene Kraft, noch mehr zu machen und zu schaffen, effizienter, ordentlicher und klüger zu werden, führt letztendlich in die Depression. Meine Seele braucht dieses Bild, dass da einer ist, der mir alles gibt, was ich brauche. Einer, der für mich sorgt und mich erquickt mit Strömen des lebendigen Wassers.

Auch wenn das neue Schulheft oft nach kurzer Zeit genauso schmuddelig ausgesehen hat wie das alte, habe ich doch die Schule geschafft. Und wenn ich jetzt beim Aufräumen so ein Zeugnis aus alten Tagen in den Händen halte, dann sind es gerade die Eselsohren und Korrekturen, die mich Schmunzeln lassen: Siehst Du – irgendwie ist es doch gegangen.

Daran möchte ich mich auch im neuen Jahr erinnern: "Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade" - es gilt nicht nur für ein Schulheft, sondern für alle Tage des neuen Jahres.

Thomas Krüger

(Regionalstelle Niederbayern/Oberpfalz)

Dezember 2017

Eine beinahe "weihnachtliche" Geschichte

Vor einigen Wochen fuhren mein Mann und ich zu einem runden "Verwandtschaftsgeburtstagsbesuch". Wir wurden gebeten, etwas Kuchen mitzubringen, da eine größere Anzahl an Gästen erwartet würde.

Da wir uns fahrtechnisch nicht dem Wetter und der Dunkelheit aussetzen wollten, beschlossen wir, mit dem Zug zu fahren. Also machten wir uns mit zwei tragbaren, etwas sperrigen Kuchenformen auf den Weg. In der einen Kuchenform befanden sich äußerst vielfältige leckere Törtchen eines hervorragenden Konditors, in der anderen Form schimmerte durch den leicht transparenten Deckel mein selbst gebackener Apfelcrumble hervor. Zu sehen war davon allerdings nur die relativ dichte Streuseldecke.

Bis zum Hauptbahnhof ging alles wunderbar. Die Menschen auf dem Weg wunderten sich zwar über unsere beiden Kuchen, aber das machte uns nichts aus. Das änderte sich jedoch schnell.

Als der ICE, in den wir einsteigen wollten, im Bahnhof hielt, kamen uns erst einmal einige Fußballfans mit Fanschals und Zigaretten aus dem Zug entgegen, um den dreiminütigen Halt als Raucherpause zu nützen.

Wir stiegen ein und fanden, für uns optimal, einen leeren Vierertisch, auf dem wir die beiden Kuchenformen abstellen konnten. Noch bevor wir unsere Mäntel abgelegt hatten, kam uns vom Nebentisch ein großes "HALLOOOO" entgegen: "Das hätte es aber nicht gebraucht. Ein Messer für den Kuchen haben wir in jedem Fall dabei…", tönte es von nebenan. Vier Fußballfans mit reichlich Bier begrüßten uns dementsprechend. Wir nahmen erst mal Platz.

Kurz darauf kam ein weiterer, ziemlich junger Fan, ebenfalls mit einem Glas Bier zu den Vieren und unterhielt sich mit ihnen. Bevor ich mich versah, plumpste er neben mich auf den Sitz. Ehrlich gesagt war mir das gar nicht angenehm, lehnte er sich doch genüsslich an die Tasche mit den Geschenken, die ich dort hingestellt hatte. Kurzum, wir fanden eine Lösung: Er nahm gegenüber bei meinem Mann Platz.

Mein Mann und er wechselten ein paar Worte miteinander, bevor er sich neugierig über die Kuchenformen beugte. "Was habt ihr denn da drin?", wollte er wissen und: "Wer bekommt denn das?" Da der Apfelcrumble sichtbar war, interessierten ihn die Törtchen nicht. "Hast du das gebacken?", fragte er mich. "Ja", erwiderte ich. "Und was ist da drunter?", fragte er. Damit meinte er unter den Streuseln. "Äpfel", sagte ich. "Oooooo, wie bei meiner Oma!", entfuhr es ihm sehnsüchtig. Ich erklärte ihm, dass man nur keine Äpfel sehen könne, weil ich das Streuselrezept immer doppelt nehmen würde. Denn jeder isst einfach gerne Streusel. Daraufhin entgegnete er mit dem Finger auf mich zeigend: "Das sind die guten Bäcker, die aus Erfahrung raus die Rezepte abändern." Ob ich denn das Rezept auswendig wüsste. "Ja", entgegnete ich. Ich hatte es in der letzten Zeit öfter gebacken. "Kannst du es mir diktieren?", fragte er.

Und so diktierte ich dem jungen Fußballfan das Apfelcrumble-Rezept, das er sogleich an seine Freundin schickte mit der Bitte, einen Apfelcrumble zu backen, bis er wiederkommt.
Als mein Mann und ich umsteigen mussten, war ich gerade fertig. Ich wünschte ihm (bzw. seiner Freundin) gutes Gelingen und dann guten Appetit!

Und hier ist das Rezept:

ApfelcrumbleFür die Streusel braucht man 400 g Mehl, 250 g Zucker, 2 Vanillinzucker, 2 Messerspitzen Zimt und 250 g Butter (die Butter sollte zimmerwarm sein). Alles miteinander zu einem glatten Teig verkneten.

Je nach Größe der Auflaufform und Größe der Äpfel 4-6 Äpfel schälen (sehr gut sind Boskopäpfel, weil sie etwas säuerlich sind), entkernen und in dünne Scheiben schneiden. Alle Äpfel mit Zitronensaft beträufeln.
Äpfel in eine gut gefettete Form geben und darüber die Streusel gleichmäßig verteilen.

Den Backofen auf 200 Grad vorheizen. Wenn der Crumble auf mittlerer Schiene in den Ofen geschoben wird, den Backofen auf 180 Grad Umluft stellen und ca. 25 Minuten backen. Die Streusel sollten schön braun und knusprig sein.

Am besten gleich lauwarm mit etwas Sahne servieren! Eine Kugel Eis schmeckt dazu auch sehr fein!

Apfelcrumble habe ich auch schon als Nachtisch nach einem Weihnachtsessen serviert – mit Erfolg!

Viel Vergnügen beim Backen und guten Appetit!
Ihre Sabine Schwab

(Referat Real- und Wirtschaftsschule am RPZ)

November 2017

Abendmahl - ein Opfer?

Das Abendmahl ist seit Beginn des Christentums ein zentrales Ritual des christlichen Glaubens. Ein „Sakrament“, also etwas Heiliges! In den Kirchen stehen die Gläubigen gemeinsam um den Altar, trinken Wein aus einem Kelch und essen andächtig eine Oblate, untermalt von Orgelklängen und in geheimnisvoller Atmosphäre (natürlich haben sich mitunter auch andere Formen entwickelt, dieses Ritual gemeinsam zu begehen).

Aber welche Bedeutung hat dieses gemeinsame Tun? Ein Gemeinschaft stiftendes Mahl fällt mir als erstes ein. Viele schöne Geschichten malen die Bedeutung des gemeinsamen Essens wunderbar aus. Es schafft Versöhnung zwischen Streitenden, lässt Gemeinschaft erleben und zeigt: „Wir gehören zusammen!“ Jeder kennt es von zu Hause, wie wertvoll die gemeinsamen Mahlzeiten sind, Zeit zum Reden und Feiern.
Dann sind da auch noch die Symbole „Brot und Wein“! Der Wein, Getränk des Feierns und der Freude. Das Brot steht für alles, was wir zum Leben brauchen („Unser tägliches Brot gib uns heute“). Brot mit anderen, vielleicht Bedürftigen, zu teilen, steht für die Bereitschaft zur Nächstenliebe („Brot für die Welt“).
Diese Überlegungen werfen bereits ein Licht auf die Tiefe der symbolischen Handlung, wenn Christinnen und Christen Abendmahl feiern.

Aber da stehen noch diese sperrigen, ja anstößigen Einsetzungsworte: „Nehmet hin und esset: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird.“ – „Nehmet hin und trinket alle daraus: Das ist mein Blut …“. Wie soll man, als Mensch des 21. Jahrhunderts, diese Sätze verstehen? Schauderhafte Aussagen, die ohne Zweifel (auf den ersten Blick) etwas Kannibalisches haben. Vor allem, wenn man die Entstehung des Christentums als eine jüdische Erneuerungsbewegung in den Blick nimmt, verstoßen diese Worte gegen ein grundlegendes jüdisches Gebot: Das Verbot mit Blut auch nur in Berührung zu kommen. Ist es, so gesehen, nicht ein skandalöses Ritual?

Gerd Theißen, ein Fachmann für Neues Testament, betrachtet die christlichen Rituale aus Sicht der Religionsgeschichte (vgl. Gerd Theißen, Die Religion der ersten Christen. Eine Theorie des Urchristentums, Gütersloh 2000, S. 171-217). Er stellt die Entwicklung des Abendmahls in den Kontext der antiken Religionen, in dem das Abendmahl und dessen Interpretation entstanden sind.
Die ersten Christen haben mit der Einführung des Abendmahls etwas Einzigartiges in der Welt der antiken Religionen geschaffen: Eine Religion ohne Opfer!
Opfer – was steckte hinter diesen Ritualen? Sie symbolisierten die menschliche Grunderfahrung, dass es kein Leben gibt, das nicht auch auf Kosten anderen Lebens ermöglicht wird. Tiere werden geschlachtet und zur Nahrung gebraucht. Eltern ziehen ihre Kinder unter Entbehrungen auf, andere leisten schwere Arbeit um Häuser zu errichten oder als Bauern Nahrung zu erzeugen, und zum Schutz des eigenen Lebens vor Feinden und wilden Tieren sind Waffen unumgänglich. So stellte sich das Leben den Menschen vor 2000 Jahren dar. Wenn wir auf unsere heutige Welt blicken, erkennen wir aber auch die Aktualität dieser Erfahrung. Menschen hinterlassen immer „Spuren“ auf unserem Planeten und leben auf Kosten der Nachfahren (Umweltbelastungen), Menschen in anderen Ländern arbeiten für den Luxus in den Industriestaaten, Hamburger, Bratwürste und Schweinebraten setzen einfach das Schlachten von Tieren voraus, und der Schutz durch die Polizei ist auch heutzutage nicht überflüssig geworden. Es ist keine Frage persönlicher Schuld oder Verfehlung, sondern die Feststellung eines menschlichen Zustandes, dem wir, trotz allen Bemühens, nicht entrinnen können. Wer das Gegenteil behauptet, verschließt die Augen vor den Schattenseiten menschlicher Existenz.

Kehren wir in die Zeit der Anfänge des Christentums zurück: An die Stelle der blutigen Opferrituale tritt ein gemeinsames Mahl, Brot und Wein werden zwischen den Angehörigen unterschiedlichster Schichten und Nationalitäten geschwisterlich geteilt. So wie bei diesen gemeinsamen Feiern könnte das Leben sein, Reich Gottes! Es wird gerade nicht „auf Kosten anderer“ gelebt, sondern die gelebte „Nächstenliebe“ in der Gemeinde ermöglicht ein anderes Zusammensein. Das erwartete Reich Gottes wird bereits in der Gegenwart vorweggenommen – und ist zugleich Perspektive und Lebensgrundlage.
Durch die Deutung als Leib und Blut Christi erhält das Ritual eine weitere, tiefere Dimension. Es wird die nach wie vor gültige Erfahrung präsent gemacht, dass wir trotzdem in dieser Welt nicht anders können, als „auf Kosten anderer“ zu leben. Das Ritual wird geerdet in der Realität. Abendmahl zu feiern ist keine „heile Welt Veranstaltung“. Es ist vielmehr Ausdruck einer Hoffnung und Gewissheit, dass das Leben auf Kosten anderer überwunden werden kann, zunächst in kleinen Schritten, bei denen aber unsere Verstricktheit in die Dunkelheiten des Lebens nicht aus dem Blick gerät. „Die Rituale sprechen uneingestanden das verborgene antisoziale Wesen des Menschen aus. Aber sie tun es, um dies antisoziale Wesen des Menschen in Motivation zu prosozialem Verhalten zu verwandeln.“ (aaO. S. 190)

Mir ist eine solche, zugegebenermaßen etwas sperrige Deutung des Abendmahls sehr sympathisch. Wahrscheinlich hängt es damit zusammen, dass ich als Referent für Förderschulen immer die Lebenswelten unserer Schülerinnen und Schüler vor Augen habe. Diese sind sehr oft auch von den Dunkelheiten des Lebens berührt (Krankheiten, Behinderungen, Gewalt und Missbrauch, Armut, ...). Daher ist mir am Christentum so wichtig, dass es die Schattenseiten des Lebens nicht ausblendet (auch in den biblischen Überlieferungen), sondern in der Hoffnung und im Glauben an einen guten Gott trotzdem Mut zum Leben und zum rechten Handeln macht – auch im Feiern des Abendmahls.

Ulrich Jung

(Referat Förderschulen am RPZ)

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