DIE GELBE   02|2020

Das Netz als sozialer Raum

 

1 Vorbemerkungen

Digitalisierung, Big Data und Social Media – das sind Begriffe, die man eigentlich schon fast nicht mehr hören kann. Auch, weil man es leid ist, dass eine so hilfreiche Einrichtung wie das Internet immer schief angeschaut wird. Dass immer irgend jemand Wasser in den Wein gießen muss!

Dennoch: Wir müssen darüber immer wieder neu nachdenken. Das Thema war wichtig, ist wichtig und wird wichtig bleiben, da im Zuge der Digitalisierung das Netz immer mehr unser Leben bestimmt. Und es mag über eine gewisse Verdrossenheit hinweghelfen, wenn man – auch und gerade im Blick auf den Titel dieser Überlegungen! – Präzision anmahnt:

Das Netz als sozialer Raum. Was heißt denn sozialer Raum? Wir sprechen ja im Blick auf die Kommunikationsformen im Netz von sozialen Netzwerken; dies im Zuge der einfachen Übersetzung von »Social media«. Eigentlich jedoch bedeutet das englische Wort »social« gesellschaftlich, gesellschaftsbezogen, insofern muss man unterscheiden. Soziale Netzwerke – da sehe ich eher unsere Diakonie, die Caritas oder andere Träger. Social Media sind hingegen die Kommunikationsformen einer neuen digitalen Gesellschaft, in der virtual community. Hier hat das Wort »social« eine andere Konnotation, eben gesellschaftsbezogen.

2 Das Netz als sozialer Raum – die Errungenschaften

Die neuen Medien, das ist nichts Neues, schaffen durch ihre vielfältigen Möglichkeiten neue Räume für die Vernetzung mit anderen Menschen, mit Institutionen und Organisationen. Der soziale Aspekt als das Miteinander wie auch der soziale Aspekt im Sinne des Gesellschaftlichen findet im Netz neue Möglichkeiten, wie sie früher nicht gegeben waren.

Es war früher nicht denkbar, mindestens aber ausgesprochen umständlich oder teuer, sich mit Menschen weltweit quasi in Echtzeit zu verständigen. Hier hat das Netz Handlungsmöglichkeiten eröffnet, die die Kommunikation, das Miteinander der Menschen fördert – nicht nur in der Nachbarschaft, sondern über Städte und Orte, über Ländergrenzen und Zeitzonen hinweg. Das erleichtert und verortet auch das Handeln neu: Der berühmte Reissack, der in China umfällt, ist nun nicht mehr durch Desinteresse bei Seite zu schieben, sondern genau dieser Reissack in China kann eine Meldung sein, die sich in rasanter Geschwindigkeit im Netz verbreitet.

Das kann positive Wirkung haben, wenn die Nachricht Freude macht, weil sie für weitere Kontexte wichtig ist, weil sie vielleicht auch neue Formen der Vergemeinschaftung schafft (Stichwort: Communities). Zudem sind solche Möglichkeiten niederschwellig – man braucht kein Journalist oder Medienexperte zu sein, um eine vermeintlich oder tatsächlich wichtige Nachricht zu posten. Der Austausch im Netz ist insofern auch ein positiver Faktor für die Demokratie. Es gibt in der jungen Geschichte des Internets und der Social Media Beispiele, wo diese Möglichkeiten positiv genutzt wurden, man denke nur an den arabischen Frühling, bei dem zumindest anfangs die Verständigung über die neuen Medien hilfreich waren, um sich zu organisieren. Ich denke an den Amoklauf in München, als die drahtlosen Netzwerke heiß liefen, um sich gegenseitig zu verständigen, Wohnungen anzubieten für Gestrandete, die nicht mehr mit dem Zug heimkamen, Lebenszeichen zu geben von Menschen, die vielleicht in kritischen Regionen waren.

Wir haben es also mit dem Netz als sozialem Raum mit einer ganzen Reihe von positiven Faktoren, neuen Handlungsmöglichkeiten zu tun, die ich mit folgenden Stichworten beschreiben will:

  • Vernetzungsmöglichkeiten/interaktive Nutzung
  • Freiheit
  • neue Zugänge zu Informationen

3 Die Möglichkeiten der Kirche

3.1 Ekklesiologische Fragestellungen

Auch für die Kirche bietet das Netz als sozialer Raum vielfältige Möglichkeiten (vgl. ELKB 2012): Kommunikation der Kirche im Netz nimmt Menschen in den Blick, die nicht fest in kirchliche Strukturen oder Gemeinden eingebunden sind – es ist eine Form der missionarischen Kommunikation. Wenn solche Menschen von der frohen Botschaft erreicht werden sollen, muss das Evangelium in vielfältiger Form im Netz präsent sein. Deswegen ist es für die Kirche wichtig, auf die neuen Formen der Vergemeinschaftung zu reagieren und diese neuen Räume bewusst zu betreten, um Menschen dort anzutreffen, wo sie sich aufhalten. Die ELKB hat seinerzeit im Zuge der Umsetzung der Internetstrategie eine Projektstelle geschaffen, die genau dieses unternimmt: Kirchliche Angebote im Netz zu platzieren; mit Menschen ins Gespäch zu kommen, die Orientierung suchen, ohne fest in einer örtlichen Kirchengemeinde beheimatet zu sein.

Wenn Kirche und Internet sich begegnen, kommen theologische, insbesondere ekklesiologische Fragen in den Fokus. Das Neue Testament charakterisiert Kirche über weite Strecken als »Gemeinschaft« (koinonia, communio). Ecclesia ist etwa gemäß der Apostelgeschichte dort, wo Menschen sich auf Grund der Verkündigung zusammengeschlossen haben, um in, mit und unter Christus, ihrem Herrn, zu leben.

Eindrücklich verdeutlicht diese Theologie Paulus im Bild vom Leib mit vielen Gliedern (1 Kor 12,12), das zeitgemäß mit dem Begriff »Netzwerk« deutbar wäre.

Koinonia ergibt sich durch jede Form der Vergemeinschaftung von Menschen im Namen des Glaubens und in der Hoffnung auf Gottes Gnade. Kernpunkt christlicher Gemeinschaft ist das gemeinsame Vertrauen darauf, dass das Individuum von Gott Rechtfertigung erfahren hat. Kirche als Koinonia ist die sichtbare Gemeinschaft derjenigen Individuen, die den Glauben an die Rechtfertigung gemeinsam in Wort und Sakrament erfahren (CA 7), ihn gemeinsam leben und mit anderen teilen (communicatio).

An dieses Verstehen von Koinonia schließen sich die drei weiteren konstitutiven Grunddimensionen von Kirche an, die auf das Grundverständnis vom Menschen als einem kommunikativen Wesen zielen: Martyria, Leiturgia und Diakonia. Diese Dimensionen kommen auch in der Welt des Netzes zum Tragen. Denn Gemeinschaft haben mit Christus heißt, die frohe Botschaft weiter zu tragen und für ihn Zeugnis abzulegen: Martyria. Im Internet bedeutet dies, moderne Medien zu nutzen, um die bedingungslose Liebe Gottes in das Netz zu senden und sie zu bekennen; um damit auch Orientierung zu geben. Um die Dimension Leiturgia aufscheinen zu lassen, ist darauf zu achten, welche bestehenden Rituale im Netz neuen Ausdruck erfahren; Form, Inhalt und Medium müssen sich – noch intensiver – finden!

Die Dimension der Diakonia wird auf verschiedenen Ebenen virulent: Zum einen spiegelt sich der Dienst am Nächsten in der Internetarbeit darin, dass Kirche sich immer auch in kritischer Distanz zur Gesellschaft und ihren Entwicklungen bewegen muss. Gefahren und Risiken des Netzes für den/die Nächste/n sind von der Kirche gleichwertig zu den – deutlich erkennbaren – Chancen in den Blick zu nehmen.

3.2 Beziehungsformen

Auf dem Hintergrund der vier Dimensionen sind die Beziehungen zu sehen, die im Netz geknüpft werden. Dabei lässt sich zwischen »schwachen« (z.B. zufällige, kurzzeitige Bekanntschaft in einem Blog) und »starken« Beziehungen (z. B. intensive Freundschaftspflege) unterscheiden. In der modernen Gesellschaft verlieren die vertrauten Formen von Gemeinschaft an Bedeutung, die eine starke Verbindlichkeit – wie z. B. lebenslanges Engagement – implizierten; die schwachen Beziehungen dagegen drängen in den Vordergrund. Auch die Bereitschaft zum Engagement verändert sich in ihrem Anforderungs- und Erwartungsprofil. Gemeinschaft wird heute zunehmend in Netzwerken als ein Produkt der modernen Gesellschaft erfahren.

4 Leben in Netzwerken

4.1 Drei grundlegende Aspekte

Was das Leben in Netzwerken kennzeichnet, lässt sich mit drei Aspekten beschreiben: Pluralisierung, Individualisierung und Gegenseitigkeitsorientierung.

Pluralisierung bedeutet, nicht mehr von einer gemeinsamen Grundlage auszugehen, von der traditionelle Gemeinschaften lebten: z.B. Familienbande, politische Überzeugung oder religiöse Orientierung. Die Menschen heute leben in vielen unterschiedlichen Gemeinschaften, die ihre Existenz mitprägen (Sportverein, Literaturkreis, Schulgemeinschaften der Kinder etc.). Sie bilden das Netzwerk, in dem Menschen sich bewegen. Die durch – vielleicht zunächst – schwache Beziehungen ermöglichte Pluralisierung eröffnet Zugang zu anderen Gemeinschaften; neue Horizonte öffnen sich. D. h.: Pluralisierung bedeutet nicht Abbruch, vielmehr Veränderung von Gemeinschaft.

Für die Kirche ist es von zentraler Bedeutung, dass sie die schwachen Netzwerkbeziehungen als Formen der Gemeinschaft von Menschen würdigt und sich mit ihren Angeboten darauf einstellt.

Individualisierung heißt, dass Menschen heute die Freiheit haben, ihr Leben so zu gestalten, wie sie es wollen, anstatt Rollen und Lebenswege vorgegeben zu bekommen. Das Engagement zahlloser Ehrenamtlicher in Parteien, Kirchen und Vereinen zeigt, dass solche Individualisierung keineswegs zu Egoismus und Vereinzelung führen muss. Der in solchem Engagement zum Ausdruck kommende solidarische Gebrauch der Freiheit ist Zeugnis dafür, dass Individualisierung und Gemeinschaft nicht in Gegensatz stehen. Wer sich in der Kirche engagiert, tut das aus einer bewussten Entscheidung heraus. Diese Individualisierung fordert die Kirche zur aktiven Präsenz, zum Bereitstellen von Räumen und zum offenen Dialog mit Menschen heraus, die sich für die Kirche interessieren.

Als drittes zeichnet sich Gegenseitigkeitsorientierung ab. Das heißt, dass Menschen sich für andere engagieren, dies aber nicht aus einer Haltung des reinen Dienens heraus tun, sondern mit der Erwartung, selbst davon profitieren zu können. Das birgt das Potential für eine gelingende Gemeinschaftsbeziehung unter den Bedingungen der Moderne: Ernstnehmen des Individuums verbindet sich mit dem Engagement für die Gemeinschaft – und das ist nicht unchristlich wenn man bedenkt: »Du sollst […] deinen Nächsten lieben, wie dich selbst« (Lk 10,27).

Die Kirche hat allen Grund, Individualisierung, Pluralisierung und Gegenseitigkeitsorientierung in und durch die neuen Netzwerke zu bejahen und das Evangelium im Blick auf die vier Grunddimensionen der Kirche im Lichte der beschriebenen gesellschaftlichen Entwicklungen neu zur Geltung zu bringen.

4.2 Herausforderungen für die Kirche

Für unsere Kirche bietet der Großraum des Internets viele Chancen und Möglichkeiten, das Evangelium zu verkünden. Gleichwohl sind die Entwicklungen auch eine Herausforderung, auf die wir reagieren müssen. Die Bedingungen der Kommunikationsarbeit lassen sich vergleichen mit den Herausforderungen der Parochie. Die Internetgemeinde besteht aus unterschiedlichen Gruppen mit vielen Interessen. Dort gibt es Menschen, die aktiv nach Angeboten der Kirche suchen und solche, die man durch das spezifische Angebot anlocken muss. Das heißt: Auch im Internet kommt es darauf an, einzelne Zielgruppen zu beachten, ihre spezifischen Kommunikations- und Interessenslagen zu erkennen und entsprechende Angebote zu machen.

5 Die andere Seite der Medaille

Identität wird von Jugendlichen häufig durch narrative Strategien erarbeitet. Heranwachsende erzählen gerne von ihrem Leben und verarbeiten damit ihre Erlebnisse. Und ein Leben, das gelingt, wird gerne präsentiert. Diese für sie besonders schönen Ereignisse und Begebenheiten werden somit Teil ihrer Identitätsnarration. Diese Erzählung passiert heute im Netz, z.B. über Selfies.

Mediale und reale Räume sind heute für die Identitätsarbeit von Jugendlichen gleich bedeutend. Die erlebten Lebensentwürfe im Online-Leben übertragen die Jugendlichen auf sich und nehmen sie als Vorbild für ihre eigene Identitätsbildung. In medialen Räumen haben die Heranwachsenden die Möglichkeit, gewisse Teilidentitäten auszuleben und sich zu erproben.

Ein gravierender Unterschied zwischen den früheren traditionellen Sozialinstanzen und dem heutigen Medieneinfluss ist der Verlust von richtungsweisenden Vorgaben, die sich auf die Persönlichkeitsbildung auswirken. So gab es früher von Kirche, Elternhaus und Gesellschaft klare, oft auch rigide Regeln, an die sich die Heranwachsenden zu halten hatten. Medien haben diese Klarheit und Struktur nicht. Zudem sind die transportierten Medieninhalte oft widersprüchlich. Dies ermöglicht einerseits einen großen freien Handlungs- und Interpretationsspielraum, andererseits kann diese Vielzahl an Ausrichtungsmöglichkeiten auch überfordern. Auf jeden Fall haben die digitalen Welten Einfluss auf die Identitätsarbeit von Jugendlichen. Dabei ist es zunächst egal, wie viel Platz diese Welten im Alltag der Heranwachsenden einnehmen. In diesen Räumen können Identitäten entwickelt, Verhaltensweisen erprobt, Lebensmodelle entworfen und wieder verworfen werden.

Hier liegen dann auch die Gefahren der neuen Medien, und da kommt dann eben das Wasser in den Wein. Denn so positiv die Hierarchiefreiheit in diesen Kommunikationsräumen ist, so gefährlich ist sie zugleich: Es gibt keinen Standard für Wahrhaftigkeit und Ernsthaftigkeit, die Räume sind ohne Gegencheck, ob das, was darin gepostet wird, auch der Wahrheit entspricht. Zudem eröffnen sie Möglichkeiten für Gerüchte und natürlich auch für die bewusste Manipulation.

Der Algorithmus macht den Unterschied. Ob bei einer Suche auf Google oder der Startseite auf Facebook: Anders als in einem Lexikon oder in der Zeitung sehen zwei Personen keineswegs das gleiche Ergebnis. Vielmehr sehen sie die für sie algorithmisch personalisierte »Wahrheit«. Das bisher spektakulärste Ergebnis dieser Entwicklung war die Überraschung über den Ausgang der US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen im November 2016. Bürger*innen des gleichen Landes, möglicherweise sogar der gleichen Stadt, sahen völlig unterschiedliche Realitäten. Die zuvor für viele Menschen theoretisch klingenden Begriffe »Filterblasen« und »Echokammern« wurden greifbar und konkret. Viele Menschen informieren sich ausschließlich über soziale Netzwerke, allen voran Facebook, und sehen die Sicht der Dinge, derer sie dort ansichtig werden, als einzig wahre an.

Wenn wir also die Gefahren der neuen Medien fokussieren, so denken wir an Phänomene, die jedes für sich genommen keine neue Erscheinung sind, aber im zunächst strukturfreien Raum des Netzes eine neue Qualität bekommen: Gruppenzwang, Cybermobbing, Selbstoptimierungsdruck oder hate speech.

Diesen strukturellen Gefahren, die die neuen Medien mit sich bringen, ist mit einer Haltung zu begegnen, die wir selbst entwickeln und bei anderen fördern müssen. Um der Überforderung durch die alltägliche Informationsflut Herr werden zu können, muss eine Kompetenz entwickelt werrden, die richtigen Schneisen zu schlagen, auch einmal »nein« zu sagen, wenn man sich überfordert fühlt. Oder das zu trainieren, was ich Filterkompetenz nennen will: Welche Seiten schaue ich mir an, um an geprüfte Informationen heranzukommen? In dem Zusammenhang: Was tragen wir als Kirchen dazu bei, auf seriöse Quellen zurückzugreifen oder selbst solche ins Netz zu stellen?

Nicht zuletzt geht es auch zunehmend darum, einen sorgsamen Umgang mit der eigenen Privatsphäre zu pflegen und nicht zum sprichwörtlichen gläsernen Menschen zu werden: Was bin ich bereit ins Netz zu stellen, wohlwissend, dass der Satz »Das Netz vergisst nie« ein Damoklesschwert ist, das über uns allen hängt? Ich bin hier – dieser kleine Exkurs sei mir gestattet – immer wieder fasziniert davon, wie Menschen, die einstmals massiv gegen Volkszählungen oder Vorratsdatenspeicherung waren und sind, bereitwillig ihre geheimsten Daten an Internetkonzerne weitergeben; da sind alle Bedenken auf einmal weggewischt, weil der unmittelbare und schnelle Vorteil, den man für das Zurverfügungstellen der Daten bekommt, die Bedenken rasch beiseite fegt.

6 Was also ist zu tun?

6.1 Das Positive nutzen, die Gefahren nicht aus dem Blick verlieren

Wie kann nun Kirche, wie können wir als Verantwortliche für Bildung, für Religionsunterricht, für Kirchenkommunikation gut mit den Entwicklungen umgehen? Wie können wir das Positive nutzen und zugleich die Gefahren nicht aus den Augen verlieren?

Glaube hat stets auf mediale Verbreitung gesetzt. Das zeitgemäße Medium der Kommunikation ist heute das Internet. Artikel 1,1 der Kirchenverfassung beschreibt die Aufgabe der ELKB und ihrer Mitglieder:

Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern hat die Aufgabe, Sorge zu tragen für den Dienst am Evangelium von Jesus Christus in Wort und Sakrament, für die geschwisterliche Gemeinschaft im Gebet und in der Nachfolge Jesu Christi, für die Ausrichtung des Missionsauftrages, für das Zeugnis in der Öffentlichkeit, für den Dienst der helfenden Liebe und der christlichen Erziehung und Bildung.

Daraus lassen sich im Blick auf das Internet folgende Grundaufgaben für die Kirche ableiten:

  1. Medienethische Kompetenz im Umgang mit dem Internet bilden und weitergeben,
  2. Bildung und Förderung von Gemeinschaften im innerkirchlichen Umfeld und Förderung der internen Kommunikation, sowie Bildung und Förderung von Gemeinschaften im Internet, die sich mit der frohen Botschaft beschäftigen, und diese weiterverbreiten (interne Kommunikation),
  3. Präsenz zeigen im Internet zum Zeugnis am Evangelium (externe Kommunikation).

Medienethische Kompetenz muss sich als Leitfaden durch die Präsenz der Kirche im Internet ziehen. Die Kirche muss stets als Beobachterin und gegebenenfalls Mahnerin fungieren, wenn im oder durch das Internet Grundregeln menschlichen Zusammenlebens verletzt werden. Es geht um die Befähigung der Menschen, kompetent mit dem Internet umzugehen, damit es tatsächlich Erleichterung in der Kommunikation ermöglicht.

Zugleich geht es stets auch darum, die Risiken und Gefahren, die sich in und durch das Internet ergeben, im Blick zu behalten. In Abschnitt 76 der EKD-Denkschrift »Das rechte Wort zur rechten Zeit« heißt es dazu:

Bei aller verständlichen Faszination durch […] Möglichkeiten [der neuen Medien], die auch von kirchlichen Mitarbeitenden längst genutzt werden, sind doch auch deren potentiell problematische Auswirkungen zu bedenken ­ etwa hinsichtlich des Schwundes persönlich erlebter Zwischenmenschlichkeit zu Gunsten der Teilnahme an virtuellen Begegnungsräumen und Inszenierungen von Lebensvollzügen (›second life‹). Gerade weil ganzheitlich verstandene und gelebte, den ganzen Menschen ansprechende Kommunikation im besonderen Interesse der Kirche liegt, muss sie das Risiko einer derart grundlegenden Veränderung des Kommunikationsverhaltens ansprechen ­ und mit adäquaten Angeboten attraktive Alternativen bieten. (Härle et al 2008: 52)

6.2 Wo können wir das als evangelische Kirche leisten?

Hier sind – und deswegen erscheinen diese Überlegungen in einer religionspädagogischen Publikation – natürlich neben dem Elternhaus und dem unmittelbaren familiären Umfeld auch die Schule, und damit die Lehrerinnen und Lehrer, gefragt.

Aber neben den Schulen brauchen wir Bildungsorte, an denen Menschen elementare Fragen des Daseins stellen können und Sinnzusammenhänge sich im gegenseitigen Austausch erschließen. Bildungsorte, an denen Menschen Unsicherheit im Blick auf Erziehungsfragen, auf Weltsicht, auf den Glauben äußern dürfen. Bildungsorte, wo Sprachfähigkeit im Glauben gefördert wird, wo gesellschaftspolitische Entwicklungen zum Thema werden, wo Fragen von Lebensbewältigung angesichts von Umbrüchen, Gebrochenheit und Scheitern Raum bekommen. Hier haben Jugendarbeit und Erwachsenenbildung eine hervorragende Aufgabe.

Gegenwärtig wird Bildung vielfach als Pflege des »Humankapitals« wie ein Trainingsprogramm beschrieben. Da geht es um Fitness: Fit für die Globalisierung, für den Arbeitsmarkt, fit für die Schule. Dabei regieren Kriterien, die weitgehend von ökonomischem und technischem Zweck und Nutzen bestimmt sind. Gut daran ist: In einem rohstoffarmen Land wie der Bundesrepublik Deutschland ist Bildung eine ökonomisch notwendige, unverzichtbare Ressource. Bildung macht den Einzelnen und die Einzelne und damit unsere Gesellschaft wettbewerbsfähig. Bildung ermöglicht so erst soziales Engagement. Aber reicht das: Nur Ökonomie?

Im Sinne protestantischer Kritikfähigkeit kann es evangelischer Kirche nicht gleichgültig sein, wie Menschen gebildet werden. Ein evangelisches Bildungsverständnis hat den ganzen Menschen in seiner Einheit von Leib, Seele und Geist im Blick. Es geht neben Informationswissen um Orientierungswissen, es geht um spirituelle Bildung, um Herzensbildung, um die Fähigkeit zur Empathie. Es geht auch heute um eruditio und pietas – wie immer das Wort Frömmigkeit dann auch gefasst wird.

Evangelische Bildung geht heute wie seit jeher von der Frage aus: Was hilft dem Menschen auf dem Weg, Subjekt seines Lebens, seiner Lebensgestaltung zu werden und zu sein? Bei der Suche werden christlich verantwortete Freiheit und Selbstbestimmung vorausgesetzt. Von daher steht unser evangelisches Bildungshandeln auch heute, auch im sozialen Raum des Netzes, auf den Schultern von Philipp Melanchthon und Martin Luther.

Zum Autor

 

Detlev Bierbaum war Vikar in Donauwörth und Pfarrer in Lauingen, bevor er im Jahr 2000 Dekan im Prodekanatsbezirk Nürnberg-Nord wurde. 2006 wurde er als Oberkirchenrat in das Amt des Leiters der Abteilung »Gesellschaftsbezogene Dienste« im Landeskirchenamt der ELKB berufen, das er bis 2019 innehatte. In dieser Eigenschaft war er u. A. für die Bereiche Schule, Bildung, Erziehung und Medien zuständig.

Literatur

 

ELKB ([1971/1999]): Verfassung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. <Online>

Härle, Wilfried et al. (Hrsg, 2008): Das rechte Wort zur rechten Zeit. Eine Denkschrift des Rates der EKD zum Öffentlichkeitsauftrag der Kirche. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus. <Online>

Landeskirchenamt der ELKB (Hrsg., 2012): Das Netz sinnvoll nutzen: Die Internet-Strategie der ELKB. München: ELKB. <Online>

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