Buch-Besprechungen

Willi Weitzel, Mouhanad Korchide: Der Islam

 

 

Fragen und Antworten für alle, die’s wissen wollen

edition chrismon, Leipzig 2018.

Ich habe dieses Buch am Anfang meines Sommerurlaubs gelesen. An drei Tagen. Weil ich nicht nur lesen wollte. Aber es ging mir so ähnlich wie mit einem spannenden Roman: Ich konnte fast nicht aufhören. Dabei hatte ich zunächst ein demotivierendes  Vorurteil: Das wird wohl ein Buch für Kinder sein. Schließlich ist einer der Autoren berühmt durch seine Fernsehsendungen „Willi will’s wissen“. Natürlich kannte ich auch den anderen Autoren, jedenfalls durch Zeitungsartikel. Ich wusste bereits vorher, dass er nicht unbedingt den Mainstream-Islam vertritt.

Das war es, was mich neugierig machte. Und die Tatsache, dass es ein Sachbuch in Interview-Form ist. Schon nach zwei Seiten wusste ich: Hier lerne ich nicht nur etwas über den Islam und das Leben von Muslimen. Das ist ein Buch, das mich gerade für manche Gespräche über den christlichen Glauben stärkt. Im – stellenweise sehr persönlichen – Gespräch spricht der Münsteraner Islamwissenschaftler Mouhanad Korchide auf eine Weise über seinen Glauben, dass ich dem ausgebildeten (katholischen) Religionslehrer Willi Weitzel nur aus vollem Herzen zustimmen konnte: „Oh Mann, ich hoffe, dass dieser Absatz (…) der einen oder dem anderen Jugendlichen Mut machen kann.“ (16)

Ein Grund für die großartige Qualität dieses Büchleins sind die manchmal eher unbekümmert daherkommenden Fragen Weitzels. Drei Beispiele: „Was ist eigentlich, wenn Musliminnen ins Paradies kommen, warten da auch junge, hübsche Männer?“ (19) „Wie überlebt ein Muslim Ramadan im Juni auf Spitzbergen oder in Grönland, wenn es immer Tag ist?“ (47) „Wie ist das mit dem Sexualleben der Muslime? Ist das anders oder strenger geregelt als im christlichen Kulturkreis?“ (104)

Aber vor allem sind es natürlich die Antworten des Islamwissenschaftlers, die dieses Buch lesenswert machen. Was Korchide zum Beispiel über das Wesen Gottes im Islam sagt, spricht mir aus dem Herzen: „Gott ist die Liebe. Gott ist die Barmherzigkeit. Das ist der Inbegriff von Gott: die Liebe, die Barmherzigkeit. Jeder Mensch, der an die Liebe und die Barmherzigkeit glaubt, der glaubt im Grunde auch an Gott, auch wenn er sagt, ich glaube nicht an Gott. An einen liebenden und barmherzigen Gott glaube ich, so verstehe ich den Islam.“ (14)

Und dass Korchide Religionslehrkräfte ausbildet, wird an seinen plastischen Bildern gut erkennbar. Im Zusammenhang mit der Entstehung des Korans weist er darauf hin, dass man sich bei der Niederschrift der mündlichen Tradition (gut zwanzig Jahre nach dem Tod Mohammeds) „durchaus bewusst“ gewesen sei, „dass es die Verschriftlichung von Kommunikation ist. Kommunikation, die gebunden ist an konkrete historische Situationen.“ Auf die Nachfrage Weitzels, was das heißen solle, antwortet Korchide mit einem sehr einleuchtenden Gleichnis:

„Wenn ein Vater zu seinem achtjährigen Sohn sagt: ‚Wenn du eine gute Arbeit schreibst, kriegst du diese Tafel Schokolade!‘, ist das für ihn mit seinen acht Jahren eine gute Motivation. Der Sohn sagt sich: ‚Ich reiß mich zusammen‘, und schreibt eine gute Arbeit. Das ist eine mündliche Kommunikation. Stell dir jetzt vor, der Sohn schreibt diese Kommunikation in sein Tagebuch: ‘Papa sagt, wenn du eine gute Arbeit schreibst, bekommst du eine Tafel Schokolade.‘ Damit wäre das verschriftlicht.
Nun machen wir einen Zeitsprung. Jetzt setzt sich der Sohn mit vierundzwanzig Jahren hin und beginnt, seine Doktorarbeit zu schreiben. Dabei überlegt er sich, was er wohl von seinem Vater bekommt, wenn er eine gute Arbeit schreibt. Und dann erinnert er sich, ach ja, der hat mal was gesagt, was war das nochmal? Dann blättert er in seinem alten Tagebuch nach und findet: ‚Papa sagt, wenn du eine gute Arbeit schreibst, bekommst du eine Tafel Schokolade.“ Wenn er also an seiner Doktorarbeit vier bis fünf Jahre sitzt und ein paar hundert Seiten schreibt, kriegt er dafür eine Tafel Schokolade. Komischer Vater! Was ist das für eine Motivation? Der Sohn müsste sich total missverstanden fühlen und umgekehrt der Vater auch. (77/78)

Das Gleichnis will sagen: „Wir müssen den Tagebucheintrag unter den Umständen seiner Entstehung lesen. Das bedeutet, dieser Satz im Tagebuch darf nicht ewig wörtlich gültig gelesen werden.“ Und auf das Verständnis des Korans angewandt bedeutet das: „Ich muss den historischen Zusammenhang berücksichtigen, wenn ich den Koran lese.“ (78)

Da ich mich bereits relativ viel mit dem Islam und dem Leben von Musliminnen und Muslimen beschäftigt habe, ist mir dieses Bändchen nicht in erster Linie durch neue Informationen wichtig geworden. Aber hinsichtlich meiner eigenen Glaubensvergewisserung ist es mir sehr wertvoll.

Herbert Kolb

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